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Doping im Fußball : Die große Verblendung

Im Fußball wird nicht mit letzter Konsequenz kontrolliert. Nicht sehen, nichts hören, nichts sagen (wie in dieser gestellten Szene Zentai Kostümen). Bild: Picture-Alliance

Doping bringt nichts im Fußball? Diesen Unsinn verbreiten selbst jetzt noch Leute, die es seit langem besser wissen müssen. Heute wird wenigstens kontrolliert – aber auch nicht mit letzter Konsequenz.

          8 Min.

          Robin Dutt ist 50 Jahre alt. Er ist ein geschätzter Fußballtrainer. Einer, der die Medizinbälle im Schrank lässt, der Gegenentwurf zur Quälix-Generation: nachdenklich, analytisch, innovativ. Er war Chefcoach in Freiburg, in Leverkusen, Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund, gab den Profis von Werder Bremen den Takt vor, jetzt ist er Sportdirektor beim VfB Stuttgart. Dutt muss alles wissen über den Fußball. Er sagt: „Doping bringt nichts“ in seinem Sport.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Diesen Unsinn hat der Fünfzigjährige dem Millionenpublikum des ersten Deutschen Fernsehens am ersten Pokal-Abend der Woche vorgetragen. Sekundiert vom empörten Dortmunder Kultcoach Jürgen Klopp und dem smarten Co-Kommentator und früheren Dribbelstar Mehmet Scholl: Ein Experten-Trio auf unerbittlichem Verteidigungskurs. Nur weil am Montag ein Mitglied der Freiburger Universitätskommission zur Aufklärung von Doping-Machenschaften über Belege für Stofflieferungen an den VfB Stuttgart und den SC Freiburg in den achtziger Jahren berichtete und die Audienzen Stuttgarter Fußball-Heroen wie Bernd Förster beim deutschen Sportmedizin-Guru Armin Klümper in den Fokus gerieten.

          Der Mediziner hielt sich nicht an die offiziellen, die amtlichen Vorgaben des Sports, Anabolika doch bitte aus dem Spiel zu lassen. Er versorgte die Rad-Nationalmannschaften in den siebziger Jahren mit Trainingsplänen samt verbotenen Mitteln. Zu ihm pilgerten Doper aus allen Teilen der Republik, und er behandelte oder versorgte Fußballer. Stuttgarter, Bayern, Braunschweiger. Jeden, der wollte. Und dennoch füllten sich Stuttgarter Zeitungen in den vergangenen Tagen mit lauter Dementis: Ärzte, Physiotherapeuten und Spieler, die heute, nach Jahren an der Spritze im Höchstleistungsalter, am Stock gehen: Auch sie haben nichts gehört, nichts gewusst und manche schon gar nichts zu sagen, nach so vielen Jahren. Doping? Das gab es alles nicht. Als verlöre der Fußball, der jede Minute, jede Sequenz seiner Existenz akkurat speichert und nach Belieben abruft für die kollektiven Erinnerungsfeiern, beim Stichwort Anabolika abrupt sein Gedächtnis.

          Amnesie des deutschen Fußballs beim Thema Doping

          Klopp half Dutt eilfertig, den Verlust zu erklären: „Wenn die (Spieler) was gekriegt haben“, sagte er in der Fußballsendung, „dann haben sie es sicher nicht gewusst.“ Oder ernsthaft geglaubt, Klümpers Anabolika-Therapien bei Verletzungen seien kein Doping. Die Amnesie erfasst auch das Buch des Kölners Toni Schumacher, der 1987 „Enthüllungen über den Deutschen Fußball“ anbot:

          „Meine Kölner Freunde und ich sind aber absolut nicht die Einzigen, die der Doping-Verseuchung nicht widerstehen konnten. In der Bundesliga hat Doping seit langem Tradition. (...) Einige von ihnen konnten sich ohne diese Spezial-Hochform-Pillen eine Fortsetzung ihrer Karriere gar nicht mehr vorstellen. Pillen und Leistung - das war für sie zu einer Gleichung geworden, die aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken war. Ein wichtiges Detail: Dieser Arzt betreute berühmte Sportler zu einem Zeitpunkt, als Doping Schlagzeilen machte. Ich nehme an, daß zu diesen Spezialmixturen Anabolika, Amphetamine und diverse andere Aufputschmittel gehörten. Damals wie heute. Es gab Nationalspieler, die waren im Umgang mit der ,Stärkungschemie‘ regelrecht Weltmeister.“

          Schumacher war Torwart. Die spinnen sowieso. Mit seiner Wahrheit über Aufputschorgien kamen der 1. FC Köln und der DFB nicht zurecht. Der Rheinländer flog aus der Nationalmannschaft wie Verein, weil er gegen den Kodex verstoßen hatte: Niemand darf auf den Schmutz im eigenen Nest ungestraft öffentlich hinweisen.

          Die Funktionäre erreichten mit dem Rauswurf zwei Ziele: Die für Fairness und Sauberkeit eintretenden Institutionen genügten mit der Verurteilung dem Anspruch der Öffentlichkeit. Gleichzeitig ächteten sie subtil den Verrat. So wie alle Whistleblower vor und nach der kölschen Tachelesrede meistens erfolgreich isoliert worden sind von ihrer Sportfamilie. Als der frühere Sprinter und Präsident des FC Homburg, Manfred Ommer, nach seiner Selbstbezichtigung in einer Sendung des Südwestfunks Mainz 1993 erklärte, die „Bundesliga und die zweite Bundesliga“ seien „selbstverständlich gedopt“, forderte der Deutsche Sportlehrer-Verband eine Untersuchung des Deutschen Fußball-Bundes.

          Harald „Toni“ Schumacher: Sein Buch „Anpfiff, Enthüllungen über den deutschen Fußball“ sorgte in den Achtziger Jahren für Furore.

          Justitiar Götz Eilers antwortete nach einer Woche: „Wir sind dabei zu dem Ergebnis gekommen, Herrn Ommer nicht die Ehre der Befassung zu geben und nichts zu unternehmen. (...) Hinzu kommt, daß Herr Ommer im Fußballsport nichts mehr zu sagen hat, nachdem der Vorsitzende des Vereins uns gegenüber mitgeteilt hat, daß Herr Ommer für seinen Verein keine rechtsverbindlichen Erklärungen mehr abgeben darf.“ Ommer („Klümper war der größte Doper dieses Planeten.“) konnte oder wollte weder „Ross noch Reiter“ nennen. Das ist die Standardbegründung deutscher wie internationaler Verbände für ihre Passivität.

          Doping im Fußball von den Fünfzigern bis heute

          Dabei führt eine Doping-Spur im Fußball von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart:

          • Der belgische Sportarzt Dr. André Noret schreibt über die von ihm gefundenen Ampullen eines italienischen Kollegen während eines Turniers vor bald sechzig Jahren: „Er hat den 17-Jährigen Amphetamine verabreicht.“
          • Anfang der sechziger Jahre ergibt eine Untersuchung, dass „27 Prozent der italienischen Profis psychoaktive Substanzen“ einnehmen, „62 Prozent Stärkungsmittel für Herz und Atmung und „erstaunliche 68 Prozent Anabolika“.
          • In seiner Autobiographie schildert der italienische Fußballspieler Carlo Petrini die Gefahr des Dopings in den 70er Jahren und berichtete später dem ARD-Hörfunk: „Gefährlich war die Prozedur insbesondere, da es noch keine Einwegspritzen gab, sondern eine Spritze für alle benutzt wurde. Die Wirkung war enorm, die Spieler hatten Energie ohne Ende, doch während des Spiels lief grüner „Sabber“ aus dem Mund und nach dem Spiel war die Zunge angeschwollen und passte kaum mehr in den Mund.“
          • Nach 194 Einsätzen für Werder Bremen bis 1979 behauptete der Däne Per Roentved: „Ich weiß, dass sich einige Spieler von Werder ständig dopen.“
          • Franz Beckenbauer wird im März 1987 von der „Welt“ so zitiert: „Ich habe DFB-Präsident Neuberger gesagt, Doping sei mehr ein Thema für die Uefa. In Europacup-Spielen laufe etwas. Ich habe es früher selbst beobachtet. (...) Kann sein, daß im Kampf um die Bundesliga-Meisterschaft oder gegen den Abstieg heimlich von Spielern etwas genommen wird. Doch was ist Doping? Bei uns wird Doping doch sofort mit Drogen und Lebensgefahr gleichgesetzt. Vielleicht wirkt eine Captagon-Tablette leistungssteigernd, aber sie ist doch nicht gefährlich. Der Weltmeister Tom Simpson, der tot vom Rennrad gefallen ist, hatte 20 oder 25 Captagon geschluckt.“
          • Hans-Josef „Jupp“ Kapellmann, der ehemalige Bayern-Profi, nimmt im November 1987 in der französischen Zeitschrift „But“ Stellung: Demnach gibt er die Anwendung von Bluttransfusionen und von anabolen Steroiden zu. Er schätzte, dass sich etwa 18 Prozent der Profis in Deutschland und auf der Welt regelmäßig dopen.
          • Im November 2004 verurteilte ein Turiner Gericht den Teamarzt von Juventus, Riccardo Agricola, wegen Sportbetrugs durch Epo-Doping und Verabreichung gesundheitsschädlicher Medikamente zu zwanzig Monaten Gefängnis. Weil während des Doping-Zeitraums von 1994 bis 1998 die Manipulation nicht strafbar war, gewann der Arzt die Berufung. Die Ermittlungen hatte Zdenek Zeman, Trainer von AS Rom, ausgelöst: „Das ist gut für den Fußball, damit etwas geschieht, bevor jemand stirbt. (...) Die Fußballer dürfen keine Laborratten sein. (...) Die Welt des Fußballs wird vom Geld beherrscht und von der Pharmaindustrie.“

          Blatter: „Wir sollten nicht mehr über Doping im Fußball sprechen“

          Es sind einige unerwartet früh gestorben. Zwischen den Medikamentencocktails mit Anabolika und schweren Erkrankungen sehen Experten wie der Heidelberger Krebsforscher und Doping-Experte Professor Werner Franke einen kausalen Zusammenhang. Von der Pille zur Metastase, vom Idol zum Opfer? Das passt nicht ins Selbstbildnis des Fußballstars. Untersuchungen? Bekenntnisse, öffentliche Diskussionen? Mit einem Spielzug würde eine Flanke geöffnet, und das über die Jahrzehnte rhetorisch gestützte Immunsystem des Fußballs als realitätsferner Wunsch entlarvt.

          Will von Doping im Fußball nichts wissen: FIFA-Präsident Joseph Blatter.

          Von Dutt zurück über den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger bis hin zum altvordern Trainerweisen Otto Rehhagel reicht die offenbar immer noch gültige Sprachregelung: „Wer mit links nicht schießen kann, trifft den Ball auch nicht, wenn er 100 Tabletten schluckt.“ So hat sich der Fußball zur dopingfreien Zone erklärt und Jahrzehnte ferngehalten von den in anderen Sportarten üblichen Anti-Doping-Systemen. „Man muss einräumen, dass der Anti-Doping-Kampf zu dieser Zeit wenig ernsthaft geführt wurde und beim DFB nicht so sorgfältig damit umgegangen wurde wie es wünschenswert gewesen wäre“, sagte der DFB-Vizepräsident und Anti-Doping-Beauftragte Rainer Koch in einem Interview des DFB in dieser Woche.

          Obwohl der Deutsche Sportbund nach langem Zögern 1977 Anabolika endlich verbot, versäumte es der größte Fußball-Verband der Welt, immerhin Nachbar des DSB in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, bis 1988 ein Anti-Doping-Reglement, verbindliche Verbotsregelungen und Kontrollen einzuführen. Erst seit 2007 gibt es ernstzunehmende Tests außerhalb der Wettkämpfe. „Wenn im Fußball die Kontrollen so streng durchgeführt werden würden wie im Radsport“, sagte der in Doping-Handlungen erfahrene italienische Professor Francesco Conconi 1996, „dann wären die Resultate gleichwertig.“

          Inzwischen sind sie es. Weil sich allenfalls die Dummen erwischen lassen, wird kaum jemand positiv getestet. Die Zahlen aber sollen Eindruck machen: Nach 500 negativen Doping-Kontrollen während der WM 2010 in Südafrika formulierte Fifa-Präsident Joseph Blatter seinen „Bringt-doch-nichts“ Schlusssatz: „Wir sollten nicht mehr über Doping im Fußball sprechen.“

          Mit Mikrodosierungen wird das Kontrollradar unterlaufen

          Zwar hat Blutdoping in Ausdauersportarten einen größeren Einfluss auf das Ergebnis. Aber mit der chemischen Manipulation lassen sich fast alle Leistungsfaktoren im Fußball wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Konzentration steigern, ohne einen schlanken Zwockel in einen aufgeblasenen Boliden zu verwandeln. Das gehört längst zur Allgemeinbildung von Sportstudenten. So wie clevere Athleten mit Mikrodosierungen und (noch) nicht entdeckbaren Mitteln das Kontrollradar unterlaufen.

          Weit und breit kein Fall: Der Fußball hält sich gern für sauber.

          Mit der dokumentierten Tempoverschärfung auf dem Rasen aber wird der Fußball sogar anfälliger für Manipulationen. Längere Laufwege, mehr Sprints, schnellere Handlungsentscheidungen erschöpfen früher. Was hat ein Stürmer davon, wenn er mit links noch schießen könnte, aber nicht mehr laufen kann? Auch deshalb hat der DFB seine Bemühungen forciert.

          Das Präsidiumsmitglied Reinhard Grindel, für die CDU Mitglied im Sportausschuss des Bundestages, unterstützt die Einführung eines Gesetzes, das Selbstdoping unter Strafe stellt. Bei einer solchen Rechtslage hätten die Staatsanwälte, die in den achtziger Jahren den Rezeptbetrug des Sportmediziners Klümper zur Verurteilung brachten und dabei die Doping-Mentalität, die Stoffversendung an den VfB Stuttgart und den SC Freiburg registrierten, keine Wahl gehabt.

          An der Schwelle zum Profitum kaum Doping-Kontrollen

          Was jetzt herauskam, hätte öffentlich verhandelt werden müssen. Grindels Kollege Rainer Koch verkündete nun selbstbewusst die Vorlage eines unterschriftsreifen Vertrages mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Zum Start der Saison 2015 gibt der DFB auch seine Wettkampfkontrollen in die Hände der Bonner Doping-Fahnder. „Damit zeigen wir, wie ernst es dem Fußball mit dem Kampf gegen Doping ist.“ Vielleicht im Profi-Fußball, in den ersten drei Ligen. Aber an der Schwelle zum Profitum, in den Regionalligen, fallen die Kontrollen nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nun weg.

          Koch dementiert: „Ich weiß gar nicht, wo diese Fehlinformation herkommt. Wir haben die Kontrollen in den Regionalligen nicht abgeschafft. Die Regionalligen werden, was den Spielbetrieb betrifft, seit drei Jahren eigenständig durch die Regionalverbände und unabhängig vom DFB organisiert, können deshalb nicht mehr Vertragsbestandteil zwischen DFB und Nada sein. Die Kontrollen sind von der Nada durchzuführen, auf gleicher Rechtsgrundlage wie bei den anderen Sportverbänden.“

          Die klamme Anti-Doping-Institution von Sport und Bund kann aber allenfalls die entsprechend finanzierten Wünsche ihrer zahlenden Auftraggeber erfüllen. Die Verwendung von Steuergeldern zur Subventionierung, wie bei anderen Sportverbänden üblich, lehnt sie ab. Für die Kontrollen in der Regionalliga ist also kein Geld übrig. Sie würden etwa 200.000 Euro pro Jahr kosten. Deshalb ist der DFB, vermutlich der reichste Sportverband der Welt, in den vergangenen Tagen unter Druck geraten. „Ich setze darauf, dass wir im Interesse eines effizienten Kampfes gegen Doping auch in den Regionalligen gemeinsam Lösungen finden werden“, sagt Koch. Andernfalls sinkt die Zahl der jährlichen Doping-Proben im Fußball von 2200 auf 1700.

          Aber was macht das schon? Gerhard Mayer-Vorfelder, zu Anabolika-Zeiten Präsident des VfB Stuttgart, fand Kontrollen überflüssig: „Es ist nur so“, sagte er dem „Spiegel“ 1987, „dass der weite Bereich, der im Sportsektor unter Doping einbezogen wird, der ganze Anabolikabereich, im Fußball überhaupt keine Rolle spielt.“

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