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Differenzen mit Fifa und Regierung : Brasiliens Fußball-Chef Teixeira tritt zurück

  • -Aktualisiert am

Zurückgetreten: Brasiliens Fußballchef Ricardo Teixeira Bild: dapd

Zwei Jahre vor der WM versinkt der brasilianische Fußballverband im Chaos: am Montag ließ der langjährige Verbandschef Ricardo Teixeira seinen Rückzug aus „gesundheitlichen Gründen“ bekannt geben. Tatsächlich hatten Korruptionsvorwürfe ihn untragbar gemacht.

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          Am Ende blieb Ricardo Teixeira doch nur noch die Flucht durch den Hinterausgang. Der mächtige Mann des brasilianischen Fußballs, der mehr als zwei Jahrzehnte lang die Geschicke des Verbandes CBF nach Gutsherrenart geführt hatte, ließ am Montag seinen Rücktritt verlesen. Gut zwei Jahre vor dem Beginn der Weltmeisterschaft im eigenen Land ist das Führungschaos im brasilianischen Fußball damit perfekt. Teixeira hielt sich zu diesem Moment offenbar schon in seinem „Exil“ in Miami auf.

          Ganze 34 Minuten lang widmete sich CBF-Vizepräsident José Maria Marín im Rio Office Park im noblen Stadtviertel Barra da Tijuca der Aufarbeitung der Vergangenheit und verlas die Botschaften Teixeiras. „Ich verlasse definitiv die CBF-Präsidentschaft, mit dem Gefühl, meine Pflicht erfüllt zu haben“, schrieb ehemalige Präsident trotzig. Er fühlt sich immer noch missverstanden: „Fußball ist in unserem Land an zwei Bilder geknüpft: Talent und Desorganisation. Wenn wir gewinnen, wird das Talent hervorgehoben, wenn wir verlieren, die Unordnung. Ich habe das, was in meinem Möglichkeitsbereich war, getan. Ich trete aus Gesundheitsgründen zurück. Ich wurde in den Niederlagen kritisiert und bei Siegen nicht entsprechend gewürdigt.“

          Zuletzt ging es um Bereicherung im Amt und dubiose Geschäfte

          Alte Weggefährten wie Trainer Carlos Alberto Parreira, der Brasilien zum WM-Titel 1994 in den Vereinigten Staaten führte, rühmten die Verdienste Teixeiras politisch korrekt: „Ich glaube, er hat sich dem Willen der Familie gebeugt, die um seine Gesundheit bangte. Er hat für den brasilianischen Fußball ein wichtiges Vermächtnis hinterlassen. Aufgrund des wachsenden Drucks zurückzutreten, fiel die Entscheidung im richtigen Moment.“

          Offiziell ist es die angeschlagene Gesundheit, die Ricardo Teixeira zum Rücktritt zwingt. Den mittlerweile 64 Jahre alten Funktionär plagen eine Darmerkrankung und Herzprobleme. In der vergangenen Woche hatte Teixeira jede Spekulation über einen Abgang von der Fußballbühne noch unwirsch vom Tisch gewischt. Doch die Korruptionsvorwürfe und vor allem das angespannte Verhältnis zu Regierungschefin Dilma Rousseff und dem Internationalen Fußball-Verband (Fifa) haben es einsam werden lassen um den Mann, der sich für unersetzbar hielt.

          Zuletzt ging es um Bereicherung im Amt, dubiose Geschäfte und Nebeneinnahmen. Bei der Abrechnung eines Test-Länderspiels zwischen Brasilien und Portugal im Jahr 2008 soll es völlig überhöhte Preise für Tickets und Hotels gegeben haben. Den satten Gewinn strich unter anderem eine Firma ein, die Teixeira gehört haben soll. Auch der noch nicht aufgeklärte Skandal um illegale Millionenzahlungen der in Insolvenz gegangenen Sportvermarktungsagentur ISL belastete das Image des Funktionärs.

          Schlammschlacht um die Nachfolge nicht ausgeschlossen

          Dass zuletzt auch die mächtigen Freunde in der Fifa von Teixeira abrückten, werteten Beobachter als den entscheidenden Baustein für dessen Demission. Der Weltverband will sich vor der WM 2014 im Rahmen seiner Anti-Korruptions-Kampagne von lästigen Schlagzeilen aus Brasilien befreien. Dass die Vorbereitungen zum WM-Turnier nur schleppend vorankommen, war ein willkommener Anlass, auf Distanz zu gehen. Auch Regierungschefin Rousseff kehrt im eigenen Kabinett mit eisernem Besen gegen die Bereicherung im Amt. Teixeira und die Korruptionsvorwürfe waren zu einer nicht mehr tragbaren Belastung für die Fifa und die Regierung geworden.

          Nachfolger soll nun CBF-Vizepräsident José Maria Marín werden, der schon einmal klar macht, dass er sich dazu auch berufen fühlt: „Ich werde mein Amt bis zum Ende ausüben. Meine Nominierung ist Teil einer sich fortsetzenden Administration.“ Doch eine Schlammschlacht um die Nachfolge des Präsidenten ist nicht ausgeschlossen. Bereits vor dem Rücktritt Teixeiras hatte die Opposition einen kompletten Neuanfang gefordert. Marin will derweil Fakten schaffen: „Wir hoffen auf ein gutes Verhältnis zwischen uns dreien, um eine großartige WM zu veranstalten“, sagte der ehemalige Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo mit Blick auf die beiden ehemaligen Weltmeister Ronaldo und Bebeto, die das Führungstrio des WM-Organisationskomitees bilden.

          Dass das brasilianische Funktionärs-Parkett allerdings besonders rutschig ist, musste Marin auf der Pressekonferenz schmerzhaft erfahren. „Es wird mir eine Freude sein, mit einem großen Spieler zusammenzuarbeiten. Dem Fenomeno Romário ... Ronaldo wollte ich natürlich sagen.“ Der fälschlicherweise angesprochene Weltmeister Romario ist mittlerweile als Politiker einer der schärfsten Kritiker der Teixeira-Fraktion. Der ehemalige Torjäger hatte schon zuvor Regierungschefin Dilma Rousseff zum Eingreifen aufgefordert: „Jeder andere Präsident, der die CBF ohne Eingreifen der Regierung übernehmen will, wird eine Manipulation sein. Man wird uns dann weiter an der Nase herumführen.“ Der nächste Akt im Kampf um die Macht im brasilianischen Fußballverband rund zweieinhalb Jahre vor der WM ist damit eröffnet.

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