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Gianni Infantino : Wie Maradona dem Fifa-Präsidenten hilft

  • -Aktualisiert am

Diego Maradona unterstützt Gianni Infantino. Bild: dpa

Gianni Infantino baut sich derzeit weltweit eine Machtstruktur auf. Nun setzt der Fifa-Präsident auf Propagandaminister Diego Maradona – und der liefert gleich zuverlässig.

          Der neue Weggefährte liefert zuverlässig. Kaum ist Diego Maradona zum informellen Ratgeber von Fifa-Präsident Gianni Infantino aufgestiegen, stürzt sich die „Hand Gottes“ auf das Feld. Der Weltmeister von 1986 erkennt in dem aktuellen argentinischen Skandal um rund neun Millionen Dollar, die José López, ein ehemaliger Funktionär der Regierung von Cristina Kirchner (2007 bis 2015) in einem Kloster verstecken wollte, nicht nur eine Lappalie, sondern auch eine Chance, Infantinos Vorgänger Joseph Blatter eine Breitseite zu verpassen: Blatter habe doch viel mehr auf die Seite geschafft als Lopez, kommentierte Maradona den argentinischen Skandal gelangweilt.

          Ein kleiner Fisch sei López also im Vergleich zum früheren Präsidenten des Fußball-Weltverbandes. Damit ist auch schon klar, welche Rolle Maradona in den nächsten Monaten und Jahren spielen soll. Der Kapitän der argentinischen Weltmeistermannschaft von 1986 soll sich für Infantino vor allem in Lateinamerika in die Schlacht um Meinungen und Positionen stürzen und damit den neuen Fifa-Boss stützen. Infantino hat damit eine bemerkenswerte Personalentscheidung getroffen.

          Denn die Wahl überrascht. Dem schweizerisch-italienischen Fußball-Funktionär dürfte bekannt sein, dass sich Maradona seit Jahren ein Scharmützel mit dem italienischen Staat über nicht gezahlte Steuern liefert. Das in einer tiefen Finanzkrise steckende Land forderte von der argentinischen Fußball-Legende noch vor zwei Jahren eine Nachzahlung von 40 Millionen Euro aus seiner Zeit beim SSC Neapel. Auch die Episode um den wankelmütigen Charakter Maradonas, der einmal mit dem Luftgewehr auf Journalisten schoss, dürfte Infantino bekannt sein. Das störte den öffentlich so auf einen Neubeginn bedachten neuen Fifa-Boss genauso wenig wie die Kokainsucht Maradonas, die den Argentinier bereits des Öfteren an die Schwelle zwischen Leben und Tod trug.

          Und Infantino stört sich auch nicht an Maradonas offenbar auch gutbezahlter Wahlkampfhilfe für das in einer Nahrungsmittelkrise versinkende venezolanische Regime um den bei Menschenrechtsorganisationen hoch umstrittenen Präsidenten Nicolas Maduro, der das ölreiche Land in den Ruin führte. Venezuela schmückt übrigens als südamerikanisches Schlusslicht die von „Transparency International“ geführte Tabelle des Korruptionsindexes. Für den sozialistischen Propagandasender „Telesur“, den sich einige Linksregierungen leisten, um sich selbst von linientreuen Journalisten feiern zu lassen, feuerte Maradona bei der letzten WM als Experte seine Breitseiten ab. Im gleichen Sender werden auch oppositionelle Politiker und Bürgerrechtler öffentlich gedemütigt und niedergemacht.

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          Das alles stört Infantino nicht. Denn die Verwunderung, dass der neue Fifa-Boss auf einen einschlägig vorbelasteten Berater setzt, der Steuern hinterzogen, Drogen konsumiert, von der Waffe Gebrauch gemacht hat und sich von der Politik kaufen lässt, ist ohnehin nur die europäische Perspektive. In Lateinamerika, dem Markt, den Maradona für Infantino vor allem bearbeiten soll, zählt das alles nur am Rande. Auf seinem Heimatkontinent ist Maradona trotz nicht gezahlter Steuern, Gewehrschüsse und bezahlter Propaganda immer noch eine lebende Heiligenfigur, die sich in Zeiten, als dies noch nicht so opportun war, dem allmächtigen Fifa-Chef Blatter öffentlich entgegenstellte und den Weltverband, den er nun beraten soll, eine Mafia nannte.

          Dabei hat auch Maradona mit einem der engsten Blatter-Vertrauten zusammengearbeitet. Es war der wohl gerissenste aller lateinamerikanischen Fußball-Funktionäre, Julio Grondona, der Maradona vor der WM 2010 zum Nationaltrainer machte. Grondona, der 26 Jahre lang in der Fifa-Exekutive saß und fast vier Jahrzehnte lang den argentinischen Verband als Präsident führte, machte damit aus der Not eine Tugend. Denn Lautsprecher Maradona in die Verantwortung zu nehmen, war ein genialer Schachzug. Grondona stellte damit einen seiner ärgsten Kritiker kalt und zwang ihn, seinen oft lauten und vollmundigen Ankündigungen Leistungen folgen zu lassen.


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          Auf der großen Trainerbühne aber scheiterte Maradona. Bei der 0:4-Niederlage gegen Deutschland im WM-Viertelfinale 2010 bekam Maradona eine taktische Lehrstunde und wenig später den Laufpass. Vier Jahre später starb Grondona nur wenige Tage nach dem verlorenen WM-Endspiel der Argentinier in Rio gegen Deutschland (0:1) und nahm all sein Wissen rund um die Korruption im südamerikanischen Fußball-Verband (Conmebol) und der Fifa mit ins Grab. An das eilte auch Blatter im August 2014 höchstpersönlich, um ihm bei der Beerdigung die letzte Ehre zu erweisen. Grondona war einer der wichtigsten Eckpfeiler im System Blatter. Maradona könnte zu einer wichtigen Säule in der gerade erst entstehenden Machtstruktur Infantinos werden.

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