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Die WM und ihre Folgen : Kehrtwende zum Nachdenken

Klinsmann ließ ungewöhnlich trainieren und erfolgreich spielen Bild: picture-alliance/ dpa

Noch vor einem Jahr wurden Klinsmanns Ideen belächelt. Doch die Erfolge der Nationalelf und die Enttäuschungen der Bundesligaklubs im Europacup lassen die Reformbereitschaft im deutschen Fußball wachsen.

          Der 15. Dezember des abgelaufenen Jahres war wieder einer dieser Tage, an denen im Senatssaal der Deutschen Sporthochschule in Köln schöne Reden geschwungen wurden. Schließlich galt es, 28 frischdiplomierte Fußballlehrer zu ehren, die während der Weltmeisterschaft mit ihrem Lehrgang begonnen hatten.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So wie immer zeichnete Erich Rutemöller, der Chefausbilder des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die Absolventen aus. Er wünschte ihnen viel Glück und ermunterte sie, weiterhin eifrig an sich selbst zu arbeiten. Wie immer waren alle Teilnehmer, die den Kurs ein halbes Jahr vorher begonnen hatten, am Ende mit Erfolg durch die Prüfungen gekommen. Sehr wahrscheinlich hat jeder Einzelne der Jungtrainer den Abschluss wirklich verdient, doch ein wenig erinnerte die über Jahrzehnte eingespielte Vergabepraxis mit der Hundert-Prozent-Quote an die Selbstgefälligkeit des deutschen Fußballs und einen alten Grundsatz: Alles bleibt so, wie es ist, weil es immer so war.

          „Nur noch mit der Klinsmann-Philosophie

          Die Wirklichkeit am Fußballstandort Deutschland hat sich jedoch verändert. Seit im WM-Jahr 2006 für alle sichtbar wurde, dass die drastischen Veränderungsprozesse in der Nationalmannschaft unter Klinsmann und Co. zu erfolgversprechenden Resultaten geführt haben und als Blaupause dienen können für einen weitaus breiter angelegten Systemwechsel, hat sich der Druck erhöht auf die Verwalter der bestehenden Strukturen.

          Mit Gummitwist auf WM-Platz drei

          Nun zum Jahresausklang mahnte DFB-Präsident Theo Zwanziger nochmals Verbandsbasis und Funktionäre in einer Internetbotschaft an, "neue Entwicklungen voranzutreiben". Schon während des WM-Turniers hatte der Verbandschef die neue Orientierung vorgegeben: "Es geht heute nur noch mit der Klinsmann-Philosophie."

          Leistungsbereitschaft und Willenskraft

          Aber was ist von den Reformen des ehemaligen Bundestrainers wirklich geblieben? Was wird weitergetragen hinein in die Vereine und dort angenommen? Wo halten sich die alten Vorbehalte? Joachim Löw, Klinsmanns Nachfolger als Bundestrainer, hat dazu eine Meinung. Man spüre in Gesprächen, dass die Arbeit in der Nationalelf positiv ankomme. "Einige Trainer, Assistenztrainer und Konditionstrainer haben nach der WM bei uns angefragt und sich informiert über die Vorbereitung", sagt er. Es scheint, als löste sich langsam auf, was unlängst noch mit dem Begriff der fußballerischen Parallelwelt gekennzeichnet war. Also eine Bundesliga, die das Zukunftsprojekt Nationalmannschaft nicht zum Vorbild nehmen wollte. Ein ignorantes Nebenher der Fußballblöcke, wie es eine Zeitlang unter Klinsmann die Kräfte bis fast zum Kollaps strapazierte.

          Der eigenwillige Reformer setzte auf jugendliche Frische und Offensivgeist, krempelte den Betreuerstab der Nationalmannschaft um, engagierte Spezialisten wie Konditionstrainer und Sportpsychologen, führte Leistungstests ein, förderte die Eigenverantwortung der Spieler, ließ diese diskutieren mit Gästen wie einem Extremkletterer und einem bekannten Unternehmensberater über Leistungsbereitschaft und Willenskraft.

          „Können nicht so tun, als ob nichts passiert wäre“

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