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Die Taktik fürs Finale : Fußball als Kunstform

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Im Zentrum des fließenden Spiels: Andres Iniesta (r., gegen Deutschland), Xabi Alonso und Xavi wechseln ständig ihre Positionen Bild: dpa

Die Spielsysteme versprechen ein rasantes WM-Endspiel: Beide Teams treten im 4-2-3-1-System an, doch während sich die Spanier auf ein holländisches Erbe stützen, sagt Nigel de Jong: „Wir spielen deutscher als die Deutschen“ - und vor allem ohne Angst.

          Auf den ersten Blick bauen beide Mannschaften auf dasselbe System: eine Viererabwehrkette, zwei defensive Mittelfeldspieler, davor eine offensive Dreierreihe und ganz vorn eine Spitze. Tatsächlich sieht das 4-2-3-1 der beiden Endspielgegner bei der Fußball-WM in Südafrika jedoch unterschiedlich aus. Bei den im Soccer City Stadium von Johannesburg an diesem Sonntagabend leicht favorisierten Spaniern fließt und perlt das „Tiqui-Taka“-Passspiel, kurz, hart und flach, durch alle Mannschaftsteile und setzt einen Bewegungsstrom in Gang, bei dem Positionen ständig gewechselt und Grundanordnungen laufend variiert werden.

          Die Holländer, die ihr traditionelles Schönheitsideal im 4-3-3-System aufgegeben haben, halten sich eher an die vorgegebene Ordnung und bekennen sich zu einer Spielweise mit vielen deutschen Elementen. Der frühere Hamburger Nigel de Jong, neben dem Bayern-Profi Mark van Bommel einer der beiden Aufräumer auf der Sechserposition, sagt: „Wir spielen deutscher als Deutschland früher. Nicht schön, aber effektiv. Das ist unser Schlüssel zum Erfolg.“

          Die Spanier, die ihren eigenen Kollektivstil, geprägt von der technischen Brillanz jedes Spielers, beim Gewinn des Europameistertitels 2008 perfektionierten, haben ihrem vom FC Barcelona entlehnten Kombinationswirbel inzwischen ebenfalls einen Schuss Pragmatismus beigemengt. „Wir haben“, sagt Torhüter Iker Casillas, „Mittel gefunden, uns mit jeder Mannschaft auseinanderzusetzen.“

          Das Erbe in Oranje: Johan Cruyff (r., bei seiner Vorstellung als Spieler in Barcelona 1974) importierte das Gedankengut des „Fußball total” nach Spanien

          Der FC Barcelona hat das Erbe in Oranje veredelt

          Während die Niederländer auch dank ihrer in der Bundesliga hochgeschätzten Protagonisten wie van Bommel, Robben (beide Bayern) und Mathijsen (Hamburger SV) sowie ihren Bankreserven wie Elia (Hamburg), Bouhlarouz (VfB Stuttgart) oder dem früheren Hamburger van der Vaart (heute Real Madrid) die besten deutschen Erfahrungen nach Südafrika mitgenommen haben und mit Hilfe ihres Trainers Bert van Marwijk (früher Borussia Dortmund) bei Gelegenheit ausspielen, stützen sich die Spanier auch auf die aus den Niederlanden importierte Spielkultur.

          Die Fußballlegende Johan Cruyff revolutionierte in seinen acht Trainerjahren beim FC Barcelona (1988 bis 1996) die Jugendarbeit und importierte das Gedankengut des in Holland hochgehaltenen „Fußball total“. Nachfolger wie Louis van Gaal, heute der Spiritus Rector des FC Bayern, und Frank Rijkaard knüpften an die reine Lehre niederländischer Spielkunst an. Heute haben der FC Barcelona unter Trainer Pep Guardiola und die seelenverwandte Nationalmannschaft unter Coach Vicente del Bosque das Erbe in Oranje zu einer eigenen Fußball-Kunstform veredelt. Der Europameister von 2008 hat mit dem ballsichersten und am besten aufeinander abgestimmten Mittelfeld der Welt, mit Xavi, Iniesta, Xabi Alonso und Busquets, steten Ballbesitz zum Prinzip erhoben und damit Erfolge in Serie eingeleitet – unter del Bosque gewann Spanien 30 Spiele und verlor nur zweimal.

          Cruyff hat sich festgelegt

          Gegen die Niederländer aber kann ein weiteres Tor vielleicht nicht reichen. Die Holländer haben ein ausgebufftes Team beisammen, das umso besser wird, je weiter der Blick nach vorn geht. Sneijder, Robben, Kuyt und van Persie sind international begehrte Offensivkräfte mit großer Schusskraft und ausgefeilter Raffinesse vor dem Tor. Holland hat die vergangenen 25 Spiele samt und sonders gewonnen. Auch, weil die Elftal vor Härtefällen nicht zurückschreckt. 15 Gelbe Karten und 98 Fouls – das ist der WM-Spitzenwert in der Kategorie der Regelwidrigkeiten.

          Die Ballästheten Xavi, Iniesta oder Villa sollten auf der Hut sein: Wenn sie Mark van Bommel oder Nigel de Jong begegnen, kann es schon mal krachen. „Anders als die Deutschen haben wir keine Angst vor Spanien“, sagt Dirk Kuyt voraus. Johan Cruyff hat sich für das Finale schon festgelegt: „Spanien ist der große Favorit. Ich bin Holländer, aber ich unterstütze den Fußball, den Spanien spielt.“

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