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Everton gegen Liverpool : Die große Sehnsucht von Klopps Nachbarn

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Ganz nah und doch so fern: Zwischen Evertons Goodison-Park (hinten) und die Anfield Road des FC Liverpool. Bild: Getty

Sie waren mal Lokalrivalen auf Augenhöhe: Zwischen dem FC Everton und dem FC Liverpool liegen nun aber längst Welten. Nun hoffen die blauen Liverpooler mal wieder auf einen Achtungserfolg gegen die „Reds“.

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          Zwischen Anfield und dem Goodison Park liegt nur eine Viertelstunde zu Fuß, wenn man gemütlich schlendert. Zwischen dem FC Liverpool und dem FC Everton, den jeweiligen Besitzern der beiden Fußballstadien, liegen in dieser Saison dagegen Welten. Die „Roten“ vom FC Liverpool führen die Tabelle der Premier League mit einigem Abstand vor ihren Verfolgern an. Die „Blauen“ vom FC Everton sind am vergangenen Spieltag auf Platz siebzehn abgerutscht, von den Abstiegsrängen trennen den Fußballklub nur noch zwei Punkte. An diesem Mittwoch (21.15 Uhr bei Sky) spielen die beiden Vereine im nach dem Fluss Mersey benannten Stadtderby gegeneinander. Wer der Favorit ist und wer der Außenseiter, das liegt auf der Hand – zumal der FC Everton seit September 1999 nicht mehr in Anfield gewonnen hat.

          Ja, der FC Liverpool ist der größere, der erfolgreichere und dadurch der weit populärere der beiden Klubs. Doch die Kluft, die in dieser Saison zwischen den Nachbarn aufgerissen ist, passt nicht zu den Ambitionen des FC Everton. Die „Toffees“ haben das Ziel, an die etablierten Big-Six-Klubs in Englands erster Liga heranzurücken und mittelfristig einen Konkurrenten aus der Spitzengruppe zu verdrängen. Um das zu erreichen, nehmen sie viel Geld in die Hand. Im kommenden Jahr wollen sie mit dem Bau eines neuen Stadions für eine halbe Milliarde Pfund beginnen, in dem sie ab 2023 ihre Heimspiele austragen wollen. In der vergangenen und in dieser Saison zusammen haben sie umgerechnet knapp 220 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, die zur Hälfte durch Spielerverkäufe gegenfinanziert wurden. Der Kader ist mit Profis wie Englands Nationaltorwart Jordan Pickford, dem Brasilianer Richarlison, dem jungen von Juventus Turin geholten Mittelstürmer Moise Kean, dem früheren Arsenal-Talent Alex Iwobi, dem von Meister Manchester City gekommenen Mittelfeld-Routinier Fabian Delph und einigen anderen nominell deutlich besser besetzt, als es der schlechte Tabellenplatz nahelegt.

          Everton verdarb Liverpool die Meisterschaft

          Am Ende der vergangenen Saison unterstrich der FC Everton seine Ambitionen noch mit guten Leistungen: Nach einem 0:0 gegen den FC Liverpool, das dem Rivalen letztlich die Meisterschaft verdarb, gewannen sie jeweils im Abstand von einigen Wochen gegen Chelsea, Arsenal und Manchester United, ohne dabei ein Gegentor zu kassieren. Am Schluss wurden sie Achter und verpassten damit knapp die Europa-League-Plätze.

          Everton würde gerne erfolgreicher sein: Ein Sieg im Derby würde Gylfi Sigurdsson und Co. schon mal helfen.

          Die Zuversicht war groß, mit Marco Silva einen Trainer gefunden zu haben, der den Klub voranbringen kann – und das mit attraktivem, zeitgemäßem Fußball. Jetzt aber ist Silva angezählt, Teile der Fans fordern seinen Rauswurf; die BBC mutmaßte nach der unglücklichen 1:2-Niederlage gegen Leicester City am Wochenende, er sei bloß noch im Amt, weil die Klubführung noch keinen Besseren finden konnte. Einstweilen behelfen sie sich mit den branchentypischen Phrasen. Sportdirektor Marcel Brands sagte, der Klub müsse in dieser schwierigen Lage zusammenhalten. Silva versprach, so hart zu arbeiten, wie er kann, um bessere Resultate zu erzielen. Sollte der FC Everton gegen den FC Liverpool verlieren – und dafür spricht fast alles –, dann dürfte er dazu allerdings kaum noch die Gelegenheit haben.

          Goldene Achtziger

          Bis in die achtziger Jahre hinein befand sich der FC Everton durchaus auf einer Höhe mit dem FC Liverpool. 1985 und 1987 schnappten die „Blauen“ den „Roten“ den Titel in der damaligen First Division jeweils vor der Nase weg. Aber seit der Einführung der Premier League Anfang der neunziger Jahre ist die Schere zwischen den beiden Klubs weit auseinandergegangen. Zwar hat auch der FC Liverpool seit 29 Jahren nicht mehr die Meisterschaft gewonnen, doch sieht es stark danach aus, als würde diese Serie in dieser Saison enden. Trainer Jürgen Klopp hat den Klub wieder groß gemacht, den Champions-League-Triumph feierten Anfang Juni Hunderttausende auf den Straßen von Liverpool. Viele Evertonians werden sich an diesem Tag allerdings nicht in die Menge gemischt haben.

          Es gibt nur einen Jürgen Klopp: Der FC Liverpool hat auch dank des deutschen Trainers Everton distanziert.

          Das Merseyside-Derby wird gelegentlich auch als „Friendly Derby“ bezeichnet, als freundschaftliches Derby, weil es in Liverpool viele Familien gibt, in denen Liverpool- und Everton-Fans unter einem Dach leben. Bei Fernsehübertragungen der Begegnung werden gern Fans mit roten und blauen Schals gezeigt, die im Stadion einträchtig nebeneinander sitzen. Manche Everton-Fans gönnen dem FC Liverpool seinen gegenwärtigen Erfolg trotzdem nicht. Das Online-Sportportal „Bleacher Report“ zitierte am Ende der vergangenen Saison, als der FC Liverpool die Chance hatte, englischer Meister zu werden, rivalisierende Fans, darunter den Evertonian Baz Cass. Er sei „sehr beunruhigt“, sagte der, weil die Liverpool-Fans nicht aufhören würden, den Everton-Fans den Titel unter die Nase zu reiben: „Das wird 20 Jahre so gehen.“ Die Medien in England seien ohnehin voll mit Pro-Liverpool-Inhalten: „Deshalb wurden sie auch immer als relevant behandelt, auch wenn sie gar nicht um Titel mitspielten.“

          Der frühere Profi-Boxer und Everton-Fan Tony Bellew sagte dem Portal „Talksport“ vor dem Champions-League-Finale: „Würde ich denen gratulieren, sollten sie gewinnen? Absolut nicht, nein!“ Mit Blick auf Klopp und den Liverpooler Abwehrchef Virgil van Dijk sagte er: „Je früher Jürgen Klopp und Virgil van Dijk unsere Stadt verlassen, desto besser – für mich.“

          Der FC Liverpool hat in der laufenden Saison seine sieben bisherigen Heimspiele gewonnen. Der FC Everton hat von sieben Auswärtsspielen fünf verloren. Sollten sie am Mittwochabend in Anfield wieder einmal leer ausgehen, können sich die Fans immerhin damit trösten, dass der Stammpub für den letzten Pint vor der Sperrstunde bequem zu Fuß erreichbar ist.

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