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Die Regelecke : Hand ist, wenn der Schiedsrichter pfeift

„Das ärmste Schwein“: Schiedsrichter Zwayer (rechts) in Dauerdiskussion mit Dortmunder Spielern Bild: Reuters

Nach dem Schalker Handelfmeter spricht BVB-Trainer Favre vom größten Skandal. Schiri Zwayer begründet seine Entscheidung. Aber lag ein strafbares Handspiel vor? Die Regelecke klärt auf.

          Zwei Platzverweise nach groben Foulspielen, eine 2:4-Heimniederlage gegen den Revierrivalen Schalke 04, wodurch die Titelchancen von Borussia Dortmund einen erheblichen Dämpfer bekamen, doch BVB-Trainer Lucien Favre regte sich vor allem über eine Szene in der 17. Minute auf, nach der das Spiel einen völlig anderen Verlauf nahm.

          Was war geschehen? Eine halbe Minute, nachdem der Schalker Breel Embolo dem Dortmunder Julian Weigl aus nicht mal einem halben Meter Entfernung den Ball im Strafraum an die Hand geschossen hatte, erhielt Schiedsrichter Felix Zwayer ein Signal seines Assistenten Guido Winkmann aus dem Videokeller in Köln, er solle sich die Szene noch einmal anschauen. Zwayer unterbrach das Spiel, malte das mittlerweile berüchtigte Viereck-Zeichen in die Luft, das einen Fernseher symbolisieren soll, guckte sich das Geschehen noch einmal an – und entschied auf Strafstoß.

          Später begründet der Berliner seine Entscheidung mit den Worten: „Die Aufnahmen haben eindeutig gezeigt, dass es nach aktueller internationaler und nationaler Auslegung ein strafbares Handspiel war.“

          Anhand der erregten Reaktionen liegt allerdings die Frage nahe, ob das auch stimmt? In Regel 12 „Fouls und unsportliches Betragen“ der aktuellen Fußball-Regeln des Deutschen Fußball-Bundes heißt es: „Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt.“ Ergänzend seien folgende Umstände zusätzlich zu berücksichtigen:
          1. die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand),
          2. die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball),
          3. die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen).


          Er kann die Handspielregel überhaupt nicht fassen: BVB-Trainer Lucien Favre

          In der strittigen Szene ließ sich zweifellos anhand der Fernsehbilder feststellen, dass Weigl den Ball mit der Hand berührte. Unklar blieb nur, ob dies als eine strafbare Handlung zu bewerten war? Eine Bewegung der Hand zum Ball war nicht erkennbar. Die Entfernung Weigls zum Ball war zudem sehr gering, es konnte also von einem „unerwarteten Ball“ gesprochen werden. Beides spräche dafür, keinen Strafstoß zu geben. Unterpunkt 3 untermauert jedoch die Entscheidung des Schiedsrichters. Zwayer erklärte, der Dortmunder Spieler habe seine Körperfläche vergrößert: „Der Arm ist auf Schulterhöhe ausgestreckt und der Ball wurde damit geblockt“. Da der Arm nicht am Körper angelegt war, erlangte Weigl durch das Handspiel einen Vorteil. Der Ball wäre ja sonst Richtung Dortmunder Tor geflogen. „Damit war für mich die Entscheidung relativ leicht zu treffen“, so Zwayer. Mit anderen Worten: Einspruch abgelehnt. Elfmeter berechtigt.

          Dass der Videoassistent sich einschaltete, war übrigens den Regeln entsprechend, da Zwayer im realen Ablauf nicht gesehen hatte, mit welchem Körperteil Weigl den Ball blockte. Winkmann musste sich also melden, um einen womöglich groben Fehler zu korrigieren.

          Die Diskussion wurde allerdings dadurch entscheidend verschärft, dass sich ehemalige Schiedsrichter als Experten auf allen möglichen Plattformen zu Wort melden und durchaus gegenteilige Aussagen trafen: So erklärte Sky-Oberschiedsrichter Markus Merk, die Szene sei „nie und nimmer ein Elfmeter.“

          Schalkes Caligiuri (l.) zeigt sich unbeeindruckt und verwandelt den Elfmeter

          Der Schalker Daniel Caligiuri ließ sich von dem Theater und der Wartezeit bis zur Ausführung des Elfmeters jedenfalls nicht beirren. Er verwertete die unerwartete Chance in der 18. Minute zum Ausgleichstreffer und bereitete somit den Weg dafür, dass Schalke 04 bei Borussia Dortmund unerwartet gewinnen konnte.

          Zwayer erklärte im Nachhinein auf die Frage, ob überhaupt noch jemand die Handspielregel richtig kenne: „Ich mache die Regeln nicht. Es gibt ein Regelwerk, das setzen wir um.“ Von Einheitlichkeit in der Umsetzung kann allerdings keine Rede sein, wie sich anhand der fortwährenden Debatten nach Bundesligaspiele betrachten lässt. Die räumte auch Zwayer ein: „Wenn man mit dieser Regel an sich nicht einverstanden ist, dann sind die Schiedsrichter eigentlich die ärmsten Schweine.“

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