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DFB-Team in der Krise : Die Weltmeister sind ziemlich in die Jahre gekommen


Jerome Boateng: Das Spiel in Frankreich an diesem Dienstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und in der ARD) wird Jerome Boateng allenfalls im Fernsehen erleben. Wegen muskulärer Probleme ist er am Sonntag aus Amsterdam abgereist. Wenn man ihn spielen sah, musste man sich allerdings fragen, ob der Fehler nicht schon in der Anreise bestand. Schon früh begann er mit Stretch-Übungen, später lief er – zwangsläufig? – hinterher. Am Ende schlich er schweren Schrittes und wortlos Richtung Bus. Dass Joachim Löw das Offensichtliche ignorierte, begründete der Bundestrainer damit, dass er ausschließlich vorne wechseln konnte, weil ein Tor hermusste.

Sie fielen dann hinten, was mit dem Boateng früherer Jahre so nicht zu machen gewesen wäre. Schon in Russland hatte der 30 Jahre alte Boateng ziemlich gut das deutsche Dilemma verkörpert: Als er gegen Südkorea nicht dabei war, merkte man, was der Mannschaft fehlt – der Beitrag des Innenverteidigers in der Spielauslösung gehört zum festen Inventar von Löws Spielidee. War er dabei, merkte man es allerdings auch, weil er längst nicht mehr in der Verfassung der vorherigen Turniere war. Ob er da noch einmal hinkommt? Das wüsste man auch beim FC Bayern gern.

Toni Kroos: Was die Qualitäten von Toni Kroos als Stratege angeht, gibt es keine zwei Meinungen. Darüber, ob er sie immer mit letzter Konsequenz auf den Platz bringt, schon. Das gehörte wohl auch in Russland zur schwierigen Gemengelage zwischen den Weltmeistern und der aufstrebenden Jugend. Jene hatte Kroos im Vorfeld demonstrativ eingenordet, wobei sich vor allem Leroy Sané angesprochen fühlen durfte. Als es dann aber ernst wurde bei der WM, war Kroos mit seinem laxen Defensivverhalten gegen Mexiko und der schwachen ersten Hälfte gegen Schweden erst eher Teil des Problems, ehe er eine Lösung lieferte – mit dem Siegtor gegen die Skandinavier.

Und nach der WM? Wiederholte sich diese Fußballgeschichte in gewisser Weise. Einerseits stellte Kroos die Einstellung des Kollegen Sané in Frage, andererseits wirkt es, als könne auch er sich nicht immer den letzten Ruck geben – wie jetzt gegen die Niederlande. Was auch mit den Belastungen zu tun haben könnte, die er seit Jahren spürt und derentwegen er etwas kürzertreten möchte. Dabei kommt ihm auch mit seinen 28 Jahren eigentlich eine Schlüsselrolle für die Zukunft zu.

Thomas Müller: Einen Thomas Müller gibt es kein zweites Mal. Das sieht der Bundestrainer felsenfest so, und da gibt es auch keinen Grund, ihm zu widersprechen. Gleichzeitig allerdings muss man schon fragen, ob das noch der wahre Thomas Müller ist, der seit längerer Zeit im Nationaltrikot unterwegs ist oder ein Exponat seiner selbst. Ein Tor in eineinhalb Jahren, beim 1:1 gegen Spanien im März, ist vielleicht doch ein bisschen wenig, um eine Dauerkarte zu rechtfertigen – zumal bei dieser Konkurrenz um die offensiven Positionen. Sicher, Müller hat auch Pech. Geht er gegen die Niederlande mit einem Assist (Vorarbeit zu Werners Chance) und einem Tor (Parade von Torwart Cillessen) vom Platz, sieht vieles anders aus.

Aber, wie Joshua Kimmich ganz grundsätzlich zu sagen pflegt: Immer Pech ist eben auch kein Zufall, zumal in Müller auf dem Platz auch ein Großmeister des Haderns steckt und die Kollegen, die hinter ihm absichern müssen, gewiss nicht immer laut hurra schreien. In der Personalie Müller konzentrieren sich Löws Schwierigkeiten, sich von der Vergangenheit zu lösen, und damit auch der versäumte Neuanfang. Was nicht heißt, dass für den 29 Jahre alten Müller grundsätzlich kein Platz mehr wäre. Nur: Ein goldenes Schild sollte nicht genügen, um ihn freizuhalten.

„Wenn das alles war, halte ich es aus“

Schon die deutsche Besetzung der Pressekonferenz vor dem Duell mit Frankreich signalisierte: Die Lage ist ernst. Neben Bundestrainer Joachim Löw trat auch Kapitän Manuel Neuer nach dem 0:3 gegen die Niederlande im vermutlich schon vorentscheidenden Spiel um den Klassenverbleib in der Topgruppe der Nations League im Stade de France auf. Die Botschaft, die der Bundestrainer und die Nummer eins für die irritierte Fußballnation bereithielten, war eindeutig: Wir sind zuletzt unter Wert geschlagen worden. Und gegen Frankreich soll es besser werden.

„Natürlich war die Niederlage schmerzlich. Ganz ehrlich: Das kommt für mich nicht gänzlich unerwartet“, sagte der Bundestrainer. Ihm sei klar gewesen, dass es keinen kontinuierlichen Weg nach oben nach der WM geben würde. Rückschläge müsse man einkalkulieren. „Zwei, drei wichtige Punkte müssen wir verändern. Die Lehren aus dem Spiel gegen die Niederlande haben wir gezogen“, führte er mit Blick auf das Spiel gegen den Weltmeister aus, gegen den die Deutschen im Hinspiel ein 0:0 erreicht hatten. Bei den Veränderungen gehe es um personelle und taktische Fragen. Man werde versuchen, gegen Frankreich das „wiedergutzumachen“, was gegen Holland schiefgelaufen sei. Man wolle gegen den Weltmeister gewinnen. „Wir wollen morgen mutig und mit Dynamik nach vorne spielen.“

Der erwarteten und harten Kritik müsse man sich stellen. Er selbst könne das vor einem Spiel gut ausblenden. Nicht so gut geschlafen habe er in den vergangenen Tagen nur wegen einer Erkältung. „Wenn das alles war, halte ich es aus“, sagte er zur Kritik. Bei Manuel Neuer hörte sich der Optimismus in schweren Zeiten so an: „Wir wissen, wie die Lage ist“, sagte der Spielführer, „aber wir wissen auch, was auf uns zukommt. Unser Zusammenhalt ist groß. Und unsere Motivation ist sehr hoch, um zu versuchen, die drei Punkte bei uns zu behalten.“ Von den vergangenen fünf Pflichtspielen in den vergangenen rund vier Monaten bei WM und Nations League haben die Deutschen allerdings nur ein einziges gewonnen, und das in der Nachspielzeit gegen Schweden (2:1). (hor.)

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