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„Die besten Frauen der Welt“ : Es sind die Tore, die sie glücklich machen

So jubeln Weltmeisterinnen - auch im WM-Film von Britta Becker Bild: dpa

Mal wähnt man sich bei der Klassenfahrt einer Mädchenschule, mal schaut man einen Roadmovie vor chinesischen Stadtlandschaften: Der Dokumentarfilm über die weltmeisterlichen Fußballerinnen ist noch besser als das „Sommermärchen“.

          Während der sechs Partien bei der Fußballweltmeisterschaft der Frauen im vergangenen September war die deutsche Torfrau Nadine Angerer dank ihres Könnens, der nötigen Portion Glück und der gelegentlich drastischen Appelle an ihre Abwehrspielerinnen kein einziges Mal zu überwinden. Auch außerhalb des Platzes redet sie so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. „Man kann jetzt“, bemerkt sie also realistisch zur finanziellen Seite ihres noch halbprofessionellen Sports, „nicht so viel Kohle ansparen, dass man danach sagt: Cool, ich kauf' mir jetzt 'ne Villa in Afrika, und dann ist alles tutti.“

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Gleich im Vorspann zu Britta Beckers WM-Dokumentation „Die besten Frauen der Welt“ lässt Nadine Angerer diesen Spruch los. Vorgegeben ist damit auch ein gut Teil der filmischen Atmosphäre: erfrischend direkt, uneitel, deshalb sympathisch. Hätte man bei den Interviews bisweilen die Namen der noch weniger bekannten Spielerinnen eingeblendet, wäre die WM-Reprise zudem gänzlich ohne Fehl und Tadel. Aus hundertzwanzig Stunden filmischen Materials (Kamera: Ulrike Sülzle) haben die Regisseurin und ihr Cutter André Hammesfahr eine neunzig Minuten lange, stets unterhaltsame und aufschlussreiche Nachspielzeit destilliert.

          „Es ist nicht das, was mich glücklich macht“

          Mal wähnt man sich bei der Klassenfahrt einer Mädchenschule, deren Jugendherberge sich zufällig in der Business-Class eines Langstreckenfliegers befindet, mal schaut man einem Roadmovie vor chinesischen Stadtlandschaften zu. Aber man wirft auch einen seriösen Blick hinter die Kulissen einer genau geplanten Erfolgsunternehmung: Nicht von ungefähr haben die deutschen Fußballerinnen nach dem Triumph von 2003 in China aufs Neue die Weltmeisterschaft gewonnen.

          „Die besten Frauen der Welt”

          Auch im Film von Britta Becker stehen für Seriosität und energisches Konzept die Trainerin Silvia Neid und ihre Spielführerin Birgit Prinz. Neids Kabinenpredigten sind viel emotionsärmer als jene von Jürgen Klinsmann bei der Männer-WM von 2006, aber sie sind analytisch klar, pädagogisch klug und appellativ überzeugend.

          Weshalb Birgit Prinz, Weltstar wider Willen, inmitten der Schar talentierter Teenager als vollkommen glaubwürdiges Vorbild agieren kann, wird mehr als deutlich. Es ginge in unserer Gesellschaft, sagt sie in die Kamera, doch vor allem darum, berühmt zu sein, Macht zu haben und Geld. Und sie fügt hinzu: „Ich will das nicht. Es ist nicht das, was mich glücklich macht.“ Auch wenn - „alles tutti“ - nicht wenige aus der Mannschaft gern prominent und reich wären und dank des Aufschwungs des Frauenfußballs wohl auch auf dem Weg dazu sind: Der Respekt aller ist dieser Kapitänin gewiss.

          Entscheidendes hat sich verändert

          Britta Becker kommt aus der Schule von Sönke Wortmann. Ihr Film setzt fort, was Wortmann 2006 mit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (Siehe: FAZ.NET-Spezial: Wortmanns WM-Film) gleichsam erfunden hat: das Porträt einer Mannschaft aus der Perspektive des „eingebetteten“ Regisseurs. Dennoch hat sich Entscheidendes verändert. Mühsam musste Wortmann Funktionäre und Trainer von der Idee überzeugen, als Außenstehender über Wochen hinweg mit ins Mannschaftshotel und, höchste Steigerung, sogar in die Spielerkabine zu dürfen. Der beträchtliche Imagegewinn, den der Erfolg seines Pionierwerks dem Fußball bescherte, hat nun alle Widerstandsdämme brechen lassen.

          Wenige Monate nach dem Sieg der deutschen Handballer bei der WM im eigenen Land kam jüngst etwa die Dokumentation „Projekt Gold“ (Siehe: Der WM-Film der Handballer: Besser als das "Sommermärchen") von Winfried Oelsner in die Kinos - mit einer langen Liste stolzgeschwellter Sponsoren im Abspann. Bei Britta Beckers fußballerischem Frauenepos fungiert nun gar der Weltverband Fifa als offizieller Förderer, zudem kommt ein deutscher Süßwarenhersteller aufgrund seines Trikotvertrags mit dem Deutschen Fußball-Bund ganz ohne Schleichwerbung zu opulenter öffentlich-rechtlicher Bildschirmpräsenz.

          Vor zehn Jahren wurde der Frauenfußball noch belächelt

          „Was erfolgreich ist, ist gefragt“, kommentiert die Spielmacherin Renate Lingor lakonisch. Was, darf man anfügen, mit Wortmanns „Deutschland. Ein Sommermärchen“ als dramaturgisches und dokumentarästhetisches Experiment begann, ist bei Britta Becker nun im Handumdrehen ein Prachtexponat gelungener Imagepflege geworden. Das ist, notabene, kein Vorwurf an das Handwerk der Filmemacherin. Es ist schlichtweg der Preis für das inzwischen offenherzige Entgegenkommen von Institutionen, die bis vor kurzem eher dafür bekannt waren, sich nur höchst ungern in die Karten schauen zu lassen.

          Vor zehn Jahren noch wurde der Frauenfußball bestenfalls belächelt. Die WM in China bewies, dass er international inzwischen sowohl an der Spitze als auch in der Breite erheblich an Format gewonnen hat. Das Endspiel zwischen Brasilien und Deutschland zeigte zwar exakt die von den Männern bekannte Differenz der Kulturen - lateinamerikanisches Zauberspiel gegen europäische Effizienz. Trotzdem sieht man die Ausschnitte, die Britta Becker auch vom Finale bietet, mit Lust. Denn dieses Spiel war schlichtweg spannend - und schön.

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