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DFB : Zwanzigers Sieg verschlimmert die Krise

Punktsieg Zwanziger; Der DFB-Präsident (l.) stutzt Vize Koch (r.) zurecht Bild: dpa

Vizepräsident Koch entmachtet, Bischof brüskiert, Mediation gescheitert: Der Punktsieg von DFB-Präsident Zwanziger im Machtkampf mit seinem Vorstandskollegen Koch verschärft die Lage im Verband. Amerell lehnt zu allem Überfluss die Mediation ab.

          Man kann bei der Allgegenwart Franz Beckenbauers im deutschen Fußball fast vergessen, dass der „Kaiser“ auch mal DFB-Funktionär war. Am Montag hat sich nun der ehemalige DFB-Vizepräsident Beckenbauer besorgt über das Ansehen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geäußert, wegen der Gewaltdiskussion und der Schiedsrichteraffäre. „Es sind einige Störfaktoren, die das gesamte Bild trüben. Insofern hat die Reputation des Fußballs insgesamt und auch das Erscheinungsbild des DFB gelitten“, sagte Beckenbauer.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Vor allem die Vorwürfe wegen angeblicher Steuerhinterziehung von Spitzenschiedsrichtern empfindet Beckenbauer als schädlich. Er wünscht sich einen entschlossenen Umgang mit der Affäre, von der rund siebzig Unparteiische betroffen sein sollen: „Die Sache zieht sich ja jetzt schon hin wie ein Kaugummi. Es muss alles aufgeklärt werden. Solange dies nicht geschehen ist, wird es nicht zu der erhofften Ruhe kommen.“

          Schwarzer Montag

          Was Beckenbauer nicht ahnen konnte: ein paar Stunden später überschlugen sich beim DFB die Ereignisse. Das chaotische Krisenmanagement des Verbandes hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Ende eines schwarzen Montags stand für den Verband ein gescheitertes Mediationsverfahren mit dem früheren Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell, ein entmachteter DFB-Vizepräsident Rainer Koch und ein brüskierter Bischof Wolfgang Huber - und mittendrin Präsident Theo Zwanziger.

          Der erste Mann des Verbandes hatte sich, während der Schiedsrichterskandal immer größere Kreise zieht, auf seinen Machtkampf mit Vizepräsident Koch konzentriert, den er in der vergangenen Woche angezettelt hatte. Aus dem Krisentreffen in Frankfurt, bei dem auch der evangelische Bischof Huber dabei war, ging Koch zwar weiter als Vizepräsident heraus, seine Zuständigkeit für „Rechts- und Satzungsfragen“ hatte der langjährige Richter am Münchner Landgericht aber verloren.

          Der noch vor wenigen Jahren als „Super-Vizepräsident“ angesehene Koch, der in zahlreichen zentralen Themen im Verband eine führende Rolle gespielt hatte, wurde auf Drängen Zwanzigers auf den Aufgabenbereich „Prävention, Integration, Freizeit- und Breitensport“ abgeschoben. Diese Rolle hatte bisher das sportpolitische Leichtgewicht Rolf Hocke inne, der nun Kochs Sachgebiete übernimmt, wenn Präsidium und Vorstand dieser Rochade zustimmen. Der Jurist Zwanziger braucht dann den Widerspruch des Juristen und Präsidenten des bayerischen Fußballverbandes nicht mehr zu fürchten.

          Priorität in eigener Sache

          Wo die Prioritäten des DFB-Präsidenten in unruhigen Zeiten für den Verband liegen, hatte sich nach der zweieinhalbstündigen Unterredung in der Presseerklärung unschwer erkennen lassen: in eigener Sache. „Mit Blick auf den zeitlichen Zusammenhang der Durchsuchungsmaßnahmen der Steuerfahndung und seinem Zusammentreffen mit Manfred Amerell bedauert Rainer Koch, dass er den DFB-Präsidenten nicht unmittelbar und noch am gleichen Tag über dieses Gespräch informiert hat. Er entschuldigt sich für dieses Versäumnis“, lautet der erste Satz über das Treffen von Koch und Huber mit Zwanziger.

          Von sachlichen Versäumnissen Kochs ist in der Erklärung keine Rede. „Mir genügt es, dass klar wurde, dass es sich um ein abgestimmtes Vorgehen bei mir gehandelt hat“, sagt Koch. Die zeitliche Verzögerung sei für ihn keine große Sache.

          Amerell lehnt Mediation ab

          Aber genau dieser eine Satz, wonach sich der Präsident zeitlich übergangen fühlte, entwickelte am späten Montagnachmittag eine weit größere politische Sprengkraft als Zwanziger dies wohl geahnt hatte. Amerell, der frühere Schiedsrichter-Obmann des DFB, der die Steueraffäre mit seinem Tipp an die Steuerbehörden ins Rollen gebracht hatte, ließ über seinen Anwalt erklären, nach den Vorgängen beim DFB lehne er nun das Mediationsverfahren endgültig ab, das er mit Koch und Bischof Huber am Freitag vereinbart hatte.

          Manfred Amerell lehnt die Mediation ab

          Die Bilanz nach Zwanzigers Intervention allein wegen des zeitlichen Versäumnisses - in der Sache hatte der DFB die Mediation begrüßt - wirkt verheerend für den Verband: ein entmachteter Vizepräsident Koch, ein vorgeführter Bischof Huber und eine gescheiterte Befriedung des zerrütteten Verhältnissen zwischen dem DFB und Amerell, der sich seit knapp zwei Jahren auf einem Rachefeldzug befindet.

          „Verwundert über dieses fragwürdige demokratische Grundverständnis innerhalb des weltgrößten Sportfachverbandes der Welt lässt Manfred Amerell mitteilen, dass mit dieser Entwicklung dem von Dr. Rainer Koch ganz entscheidend vermittelten Mediationsverfahren jegliche Vertrauensgrundlage entzogen wurde und die zuletzt noch signalisierte Gesprächsbereitschaft mit Prof. Dr. Dr. Wolfgang Huber nunmehr nicht mehr besteht“, teilten Amerells Anwälte mit ausdrücklichem Bezug auf die Formulierungen in der DFB-Presseerklärung mit.

          Auslöser der gegenwärtige Krise ist die Schiedsrichteraffäre, in der Amerell vom früheren Fifa-Referee Michael Kempter Nötigung und sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde. Amerell hat stets von einer einvernehmlichen Beziehung gesprochen. „Das Problem ist weiterhin ungelöst“, sagte Koch nach dem Rückzug Amerells von der Mediation. Und das Vertrauen in die Führungsspitze des DFB dürfte nach diesem Tag nicht nur bei Franz Beckenbauer weiter bröckeln.

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