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Ausschreitungen bei Relegation : „Wir sind am Ende angekommen“

  • Aktualisiert am

Die Anhänger des SV Waldhof Mannheim während der Partie gegen Uerdingen. Bild: Picture-Alliance

Ein DFB-Verantwortlicher erklärt nach den Ausschreitungen in der Fußball-Relegation mit 45 Verletzten und etlichen Festnahmen das Entgegenkommen des Verbandes für beendet: „Da müssen wir nicht mehr über Fußballkultur sprechen.“

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          Der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat nach dem Spielabbruch in der Aufstiegsrelegation zur dritten Liga das Ende der Gesprächsbereitschaft mit den Fans signalisiert. „Der deutsche Fußball ist den Fans weite Schritte entgegengegangen. Und wenn das die Antwort auf ein Entgegenkommen und ein Dialogangebot ist, sind wir jetzt am Ende angekommen“, sagte Ronny Zimmermann dem „Mannheimer Morgen“ (Montag). „Ich habe so etwas noch nie erlebt, einen Spielabbruch auf so einer Ebene. Da müssen wir nicht mehr über Fußballkultur sprechen, mit so etwas möchte ich nichts zu tun haben.“

          Das Relegationsrückspiel um den Aufstieg in die 3. Liga zwischen Waldhof Mannheim und dem KFC Uerdingen war am Sonntag kurz vor dem regulären Spielende beim Stand von 2:1 für Uerdingen abgebrochen worden. Grund dafür waren Rauchbomben, Raketen und Böllerschüsse auf den Tribünen des Mannheimer Carl-Benz-Stadions. Das Hinspiel hatte der KFC 1:0 gewonnen.

          Nach den massiven Ausschreitungen droht Mannheim zudem eine harte Strafe vonseiten des DFB. Dessen Kontrollausschuss hat am Montag Ermittlungen aufgenommen. Am Ende wird nach der erwarteten Anklage-Erhebung das Sportgericht über die Sanktion entscheiden. Laut Reglement dürfte die Partie zwischen Mannheim und dem KFC Uerdingen, die in der 82. Minute beim Stand von 1:2 von Schiedsrichter Patrick Ittrich (Hamburg) abgebrochen wurde, vom Sportgericht mit 2:0 für die Gäste gewertet werden. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet. Mannheim wäre damit zum dritten Mal in Serie in der Relegation gescheitert.

          „Das ist nicht Waldhof Mannheim“

          Der Geschäftsführer von Waldhof Mannheim hat ebenfalls eine konsequente Reaktion bei beteiligten Personen angekündigt. „Das sind keine Fans, das ist nicht Waldhof Mannheim, was da passiert ist. Das sind Idioten, die wir nicht mehr im Stadion sehen wollen. Die wollen wir bei unseren Spielen nicht mehr sehen. Wir werden da harte Konsequenzen daraus ziehen“, sagte Markus Kompp der Deutschen Presse-Agentur.

          Man werde den Abbruch mit der Stadt, der Polizei und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) aufarbeiten und dabei versuchen, einen Weg zu finden, dass das in Mannheim nicht mehr vorkommen könne. „Da sind wir bereit, jeden Weg mitzugehen“, sagte Kompp. Zu einer erwarteten Strafe durch den DFB sagte er: „Der DFB wird eine Bestrafung vornehmen. Das ist in Ordnung, die werden wir auch akzeptieren.“

          In welcher Verbindung die Täter mit dem Verein stehen, wollte Kompp nicht spekulieren. „Wir sind in der Aufarbeitung, die Zuordnung ist noch nicht erfolgt. Ich will das nicht pauschalisieren und Ultras vorverurteilen“, sagte er und bestätigte zugleich eine Grillparty der Fans am Samstagabend im Stadion. „Diese Grillparties gibt es, allerdings auch unter der Saison. Das hat eigentlich einen präventiven Charakter. Wir werden schauen, ob diese Veranstaltung dazu genutzt wurde, um dem Verein zu schaden.“ Diese Grillparty könnte dazu genutzt worden sein, die verbotene Pyrotechnik im Stadion zu deponieren.

          Eigentümer des Stadions ist die Stadt: „Die angesprochene Grillparty war der Stadt Mannheim nicht bekannt und war nicht genehmigt. Über ein solches Vorhaben wurden die Polizei und die Stadt Mannheim auch im Rahmen der Sicherheitsbesprechung vor dem Relegationsspiel nicht informiert“, teilte eine Sprecherin dem SID mit: „Das Carl-Benz-Stadion ist im Rahmen von Verträgen der SV Waldhof Mannheim 07 Spielbetriebs GmbH nur für eine sportliche Nutzung überlassen. Hierbei sind das Sicherheitskonzept und brandschutzfachliche Vorgaben strikt einzuhalten. Ausnahmen von einer sportlichen Nutzung sind nur mit schriftlicher Genehmigung unter bestimmten Voraussetzungen möglich.“

          Erschreckendes Fazit der Polizei

          Die Mannheimer Polizei zog mittlerweile ein erschreckendes Fazit ihres stundenlangen Einsatzes rund um das Carl-Benz-Stadion und in der Stadt. Insgesamt wurden vor, während und nach der Begegnung 45 Personen verletzt – darunter 6 Beamte. 10 Randalierer wurden festgenommen, 24 Strafanzeigen gestellt. Nun soll die Auswertung der Videoaufnahmen weitere Täter identifizieren. „Es sind mehrere Kameraeinstellungen, die jetzt komplett gesichtet werden“, sagte ein Polizeisprecher am Montag. „Das kann sich über mehrere Wochen hinziehen. Es wird auf jeden Fall bei jeder Tat ein Strafverfahren eingeleitet“, kündigte der Sprecher an. Demzufolge reichen die Delikte von Körperverletzung über Landfriedensbruch bis hin zu Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz.

          Schiedsrichter Ittrich brach die Partie aufgrund des massiven Pyrotechnik-Einsatzes von vermummten Waldhof-Fans in Rücksprache mit der Polizei ab. Die Beamten sahen von einem Einsatz während des Spiels im Mannheimer Block ab, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. In Zukunft wird es aufgrund der im Dezember vom DFB-Bundestag beschlossenen Regionalliga-Reform keine bundesweiten Play-offs um den Aufstieg in die dritte Liga mehr geben. Künftig werden vier Mannschaften in die dritte Liga aufsteigen. 2020 soll eine viergleisige Regionalliga installiert werden. In den Spielzeiten 2018/19 und 19/20 steigt der Meister der Regionalliga Südwest direkt auf. Der Meister der Regionalliga Nordost soll ebenfalls am Ende der Saison 2018/19 direkt aufsteigen.

          Welcher Regionalliga-Meister den dritten festen Aufstiegsplatz in dieser Spielzeit erhält, wird vor der Saison per Auslosung festgelegt. Die übrigen beiden Meister der Spielzeit 2018/19, die dann in der folgenden Saison einen festen Aufstiegsplatz erhalten, ermitteln in einer Relegation aus Hin- und Rückspiel den vierten Aufsteiger.

          Die Mannheimer, die zwischen 1983 und 1990 der Bundesliga angehörten, waren 2003 aus der zweiten Liga abgestiegen. Da der Klub damals keine Lizenz für die Regionalliga erhielt, wurde er in die Oberliga durchgereicht. Seitdem versuchen die Mannheimer vergeblich, zumindest in die dritte Liga aufzusteigen.

          Vorbehaltlich des DFB-Urteils: Uerdingen feiert den Aufstieg

          Der KFC Uerdingen feiert unabhängig von der Spielwertung nach dem Abbruch der Partie bei Waldhof Mannheim den Aufstieg in die dritte Fußball-Liga. Am Sonntagabend wurden die Krefelder von ihren Fans in der Stadt empfangen, für Montag um 17.00 Uhr lud der Verein zu einer Aufstiegsfeier am Rathausplatz. Uerdingen hatte beim Spielabbruch in der 82. Minute des Aufstiegs-Rückspiels in Mannheim 2:1 geführt und auch das Hinspiel mit 1:0 gewonnen. Der Deutsche Fußball-Bund muss noch über die endgültige Spielwertung entscheiden.

          Der Uerdinger Mittelfeldspieler Maximilian Beister übte auch Kritik am Aufstiegsmodus. „Wenn du dreimal in die Relegation musst als Meister oder Vize-Meister und es dreimal nicht packst, dann ist die Enttäuschung, dann ist der Frust da“, sagte der langjährige Bundesliga-Profi dem „kicker“: „Von Verbandsseite muss sich keiner wundern, dass die Leute ausrasten, wenn du dreimal in so eine Scheiß-Relegation musst und dreimal scheiterst.“ Die Mannheimer scheiterten in den beiden Jahren zuvor ebenfalls in den Aufstiegs-Playoffs an Sportfreunde Lotte und dem SV Meppen. (dpa)

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