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Gerd Müller wird 70 : Die Unschuld des Bombers

Bei der WM 1970 trifft Müller im Viertelfinale gegen England in der Verlängerung zum 3:2-Endstand Bild: Picture-Alliance

Jahrhundertstürmer, Genie – und aus der Zeit gefallen. Gerd Müller war als Spieler unvergleichlich. Zu seinem 70. Geburtstag an diesem Dienstag ist plötzlich ein anderer Blick auf ihn möglich.

          Gerd Müller war Fußball pur. Er war die Essenz des Fußballs. Niemand hat den Kern dieses Spiels besser verstanden und verkörpert als „kleines dickes Müller“, wie ihn sein Trainer und Entdecker Tschik Cajkovski einst nannte. Mit jeder Drehung, jeder Körpertäuschung, jedem explosiven Antritt, jedem ansatzlosen Schuss und jedem schlauen Kopfball war Gerd Müller immer nur auf das aus, was im Fußball zählt, zumindest auf dem Platz: Tore, Tore, Tore.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Kunst des Toreschießen: keiner beherrschte sie so virtuos wie Müller. Mit dem Fuß, mit der Hacke, mit dem Schienbein, mit der Wade, mit dem Knie, mit dem Oberschenkel, mit dem Hintern, mit dem Rücken, mit dem Bauch, mit der Schulter, mit der Stirn und mit dem Hinterkopf – es gab kein Körperteil mit dem Müller nicht sein Ziel erreicht hätte. 365 Tore in 427 Bundesligaspielen, 40 Tore in einer Saison, 68 Tore in 62 Länderspielen, unerreicht und unvergessen. „Als Torjäger musst du wissen, wo das Tor steht“, sagte Gerd Müller einmal. „Und das habe ich gewusst.“

          Aber aus seinem Torinstinkt, aus dem größten Torrausch im deutschen Fußball hat er nichts gemacht. Nachträglich, als es auf die Inszenierung ankam. Jenes andere Spiel mit den Medien und der Vermarktung, zu dem der Fußball in seiner Zeit wurde, und das seine Mitspieler Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge grandios beherrschten, verstand Müller einfach nicht. Oder er hatte einfach nur keine Lust darauf. Vermutlich beides.

          „Er hat sich schon während seiner Karriere Tipps von Beckenbauer geben lassen. Aber er war immer zu scheu. Er war immer froh, wenn er nach dem Training zu Hause war oder Tennis spielen konnte. Um 18 Uhr gab es dann meistens Essen von und mit seiner Frau. Oder abends, wenn es nach Europapokalspielen noch mal raus ging, da war er nicht dabei. Da saß er in seinem Hotelzimmer“, sagt Patrick Strasser, langjähriger Bayern-Experte und Autor der ersten umfassenden und gerade erschienen Biographie über den größten aller Torjäger („Gerd Müller – Der Bomber der Nation, Riva-Verlag).

          Ein Torjäger, „der über allen anderen schwebt“

          Gerd Müller wurde Weltmeister, Europameister, dreimal Europapokalsieger der Landesmeister, viermal deutscher Meister, viermal Pokalsieger, siebenmal Bundesliga-Torschützenkönig. Als er den Platz verließ, und keine Aufgabe mehr hatte, fing er an zu trinken. Und stürzte ab. Bis ihn Hoeneß, Beckenbauer und Rummenigge auffingen und unterstützten. Sie waren seine Helfer und seine Stimme, sind es noch immer. Müllers Hilfsbedürftigkeit aber prägt und verengt sein Bild bis heute, auch das Bild des phantastischen Spielers, der er war. Während seine Helfer, die er während seiner Karriere mit seinen Hunderten von Toren fütterte, immer größer wurden, den FC Bayern und sich selbst zu den Fußball-Herrschern in Deutschland formten, schrumpfte Müller zum Torjäger-Maskottchen.

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