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Fußball-Nationalmannschaft : Mit allen Beinen auf dem Boden

Wasserschlacht von Frankfurt? Nie davon gehört, behauptet Thomas Müller, der sich auf dem Trockenen wohler fühlt. Bild: Jan Huebner

Ob Flüchtlingsdrama, Fremdenhass oder Millionen-Transfers: Derzeit gibt es viele brisante Themen, mit denen die Nationalkicker konfrontiert werden. Die deutsche Nationalelf findet aber den richtigen Ton – und engagiert sich.

          Kann er das ernst meinen? Das dachten für einen Augenblick vermutlich alle, die am Mittwoch die Pressekonferenz der Fußball-Nationalmannschaft verfolgten. Aber Thomas Müller meinte es ernst. „Ich lüg ja nicht“, antwortete er auf die verblüffte Nachfrage, „wenn ich sage, ich hab noch nie von einer Wasserschlacht in Frankfurt gehört.“ Den Reporter, der es auf ein bisschen Folklore anlässlich des EM-Qualifikationsspiels am Freitag in Frankfurt gegen Polen abgesehen hatte, forderte Müller auf, seine eigentliche Frage doch noch zu stellen. Doch die hatte sich erledigt. Mit „Bildern im Kopf“ von jenem 1:0, das die deutsche Mannschaft am selben Ort bei der WM 1974 in einer Art Wasserfußball gegen Polen errang, konnte Müller nun mal nicht dienen.

          Das aber passte insofern ganz gut, als die Nationalmannschaft am Mittwoch insgesamt den Eindruck vermittelte, mit allen Sinnen im Hier und Jetzt zu leben – und das nicht nur, was den Fußball anging. Angefangen hatte alles mit einer Videobotschaft, die am Morgen über die sozialen Netzwerke verbreitet worden war. Darin waren fünf Nationalspieler zu sehen, wie sie sich für Hilfsbereitschaft (Kapitän Schweinsteiger), Respekt (Boateng), Integration (Gündogan), Weltoffenheit (Özil) und Fairplay (Kroos) sowie alle zusammen „gegen Gewalt und Fremdenhass“ starkmachten. Es sollte ein Statement zu dem Thema sein, das Deutschland derzeit in ganz anderen Dimensionen bewegt und weiter bewegen wird, als es der Fußball tut. „Das Flüchtlingsthema ist auch bei der Mannschaft angekommen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff am frühen Nachmittag und fügte hinzu: „Wir wollten natürlich auch ein Zeichen setzen.“ Nicht nur für die Flüchtlinge, wie Bierhoff weiter erläuterte, sondern auch für die Menschen in Deutschland. Um ihnen vor Augen zu führen, „welche Werte uns wichtig sind“.

          Müller zeigt sich betroffen

          Wenn man an Nationalmannschaft und Werte dachte, konnten einem zuletzt auch andere Dinge in den Sinn kommen. Das Bohei um den neuen Markenbegriff „Die Mannschaft“ etwa schien jene zu bestätigen, denen das Marketinggetöse ohnehin etwas zu viel des Guten geworden war. Dabei war es immer Bierhoffs Anspruch, die erste Fußballmannschaft des Landes auch in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren, und diejenigen Werte, die sie nach innen stark macht, auch nach außen zu tragen. Oft gelang ihr das, aber selten so eindringlich wie an diesem Mittwoch – zumindest bei denjenigen, die sie in Frankfurt vertraten. „Wir müssen als Fußball, als Sport, Zeichen setzen, dass wir dieses Thema offensiv angehen“, sagte Bierhoff.

          Falls es einer Beglaubigung bedurfte, dass es dabei keineswegs nur um Pluspunkte in Sachen Image ging, konnte es keinen Besseren geben als Müller. Der nie um ein offenes Wort verlegene Bayer stellte einerseits klar, dass sich die Mannschaft natürlich in erster Linie zum Fußballspielen treffe und nicht als politischer Diskurszirkel. Andererseits aber brachte er anschaulich zum Ausdruck, dass ihm das nahegeht, was Abend für Abend die Nachrichten füllt. Er wisse, fügte Müller hinzu, dass das Thema im Land durchaus kontrovers diskutiert werde. Aber: „In erster Linie steht die Pflicht, den Menschen zu helfen.“ Auch Toni Kroos sah Deutschland als „eines der reichsten Länder der Welt“ in der Verantwortung und in der Lage, den Flüchtlingen hilfreich zur Seite zu stehen. Bierhoff verwies in diesem Zusammenhang noch auf das Engagement des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der über die Egidius-Braun-Stiftung 600.000 Euro für die Aktion „1:0 für Willkommen“ bereitstelle.

          Bierhoff zweifelt an Umsetzbarkeit von Reformen

          Geld mochte bei dieser Debatte, bei aller Notwendigkeit, nicht im Mittelpunkt gestanden haben – bei der anderen, zu der Bierhoff dezidiert Stellung bezog, hingegen schon. Die horrenden Ablösesummen, die in den vergangenen Tagen und Wochen die sportlichen Schlagzeilen bestimmten, schienen ihn in einen inneren Zwiespalt befördert zu haben. Der studierte Betriebswirt in ihm hob seine prinzipielle Präferenz für ein freies Spiel der Kräfte auf dem Markt hervor. Es sei ja auch etwas Gutes, wenn aus einem fremden Markt, in diesem Fall dem englischen, viel Geld in den deutschen fließe. Der Sportler in ihm allerdings zeigte sich durchaus beunruhigt. Zum einen, weil der Fußball Gefahr laufe, die Bodenhaftung zu verlieren. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht noch weiter von den Fans entfernen, dass es nicht nur ums Geschäft geht“, sagte Bierhoff. Zum anderen, weil er sich offenbar ernsthaft um den sportlichen Wettbewerb sorgt. „Wie schaffen wir es, den Wettbewerb interessant zu halten“ – das war seine Frage über den Tag hinaus, wobei er die Zuständigkeit für deren Beantwortung nicht nur bei den höheren Instanzen des Fußballs verortete. Zusammen mit dem europäischen Verband (Uefa), so Bierhoff, solle sich auch die europäische Politik darüber Gedanken machen.

          Will die Nationalmannschaft in der Mitte der Gesellschaft verankern: Teammanager Oliver Bierhoff

          Er selbst brachte seine Sympathie für das amerikanische System zum Ausdruck, in dem regulierende Maßnahmen wie der Draft zu Saisonbeginn oder Gehaltsbeschränkungen für mehr sportliche Konkurrenz unter den Teams sorgten. Bierhoff war bei aller schönen Theorie allerdings auch Realist genug, seinen Zweifel an der praktischen Umsetzbarkeit durchklingen zu lassen.

          Im Gegensatz zum Manager und Vordenker wollte der aktive Teil der Belegschaft das Thema ohnehin nicht so hoch hängen. Kroos nannte die Summen „schon manchmal ein bisschen besorgniserregend“. An eine künftige englische Supermacht aber glaubt er nicht. „Ich sehe nicht, dass der englische Fußball an Deutschland oder Spanien vorbeizieht.“ Müller pflichtete ihm bei. Es sei gerade eben extrem viel Geld vorhanden, und das werde nun in großem Stil „umverteilt“, so dass am Ende alle im Fußballgeschäft profitierten. „Das ist nichts, worüber man sich Sorgen machen muss.“ Drei Männer, zwei Positionen – ein Meinungsmonopol gibt es in dieser Frage auch beim Nationalteam nicht.

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