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Ärger bei Nationalmannschaft : „Das geht mir ordentlich auf den Zünder“

Frust über das Gegentor: Robin Gosens Bild: Picture-Alliance

Lange ist die Freude beim DFB-Team groß wegen des ersten Länderspiels seit zehn Monaten gegen Spanien in der Nations League. Doch dann kommt alles anders. Eine entscheidende sportliche Frage deutet sich an.

          3 Min.

          Als sie dem Ball hinterherschauten, streckten acht deutsche Nationalspieler ihre Arme wie Schulkinder. Im Tor meldete sich Kevin Trapp, vor ihm Antonio Rüdiger, Niklas Süle, Matthias Ginter, Suat Serdar und Thilo Kehrer, ein paar Meter weiter auch Toni Kroos und Julian Draxler. Sie alle standen in der 96. Minute im eigenen Strafraum und dachten vermutlich: Klar, Abseits, so frei war der Spanier Gaya, als er den Ball vor ihren Augen mit dem Fuß ins Tor lenkte. Sie drehten sich fast zeitgleich um, schauten zur Seitenlinie. Sie wollten sehen, was der Schiedsrichterassistent mit seiner Fahne macht, entdeckten dann aber Robin Gosens, ihren Mitspieler, der knapp hinter der Grundlinie kniete. Da wussten sie: Ups, doch kein Abseits.

          Nations League
          Christopher Meltzer

          Sportkorrespondent in München.

          Am späten Donnerstagabend mussten sich die deutschen Fußballnationalspieler im Stadion in Stuttgart ärgern, obwohl sie sich auf den Termin dort so gefreut hatten. Sie durften erstmals seit zehn Monaten wieder zu einem Länderspiel antreten, in der Nations League gegen Spanien, ohne Fans, aber immerhin. Sie führten ab der 51. Minute 1:0, Timo Werner war‘s. Dann kam die Nachspielzeit – und mit ihr der Ärger. Der spanische Kapitän Sergio Ramos foulte Ginter, der auf dem Spielfeld behandelt wurde. Der Schiedsrichter verlängerte die Extrazeit, Torres flankte, Moreno köpfte, Gaya traf. 1:1, Spiel vorbei. Und wie sehr das die Deutschen wurmte, war spätestens klar, als Robin Gosens sich vor die ZDF-Kamera stellte und sagte: „Das geht mir ordentlich auf den Zünder, dass wir so ein Eier-Gegentor bekommen haben.“

          Ausblick auf EM 2021

          An Gosens, dem Neuling in der Nationalelf, lässt sich wunderbar besprechen, was im ersten Länderspiel auf dem Weg zur Europameisterschaft im Sommer 2021 gut und was nicht so gut geklappt hat. Der Bundestrainer Joachim Löw stellte ihn als Außenverteidiger auf, der im Angriff hoch stehen und fleißig mitmachen soll. Das kennt Gosens aus Bergamo, wo er in dieser Rolle – unter anderem in der Champions League – so gut spielte, dass Löw ihn nicht übersehen konnte. In seinem ersten Spiel für die Nationalmannschaft, so sagte es Löw hinterher, sei Gonsens „dynamisch nach vorne“ gewesen, mit guter Passtechnik und vielversprechenden Flanken. Das war besonders vor dem 1:0 zu beobachten. Den Angriff leitete Ilkay Gündogan mit einem fantastischen Flugball auf die linke Seite ein. Dort nahm Gosens den Ball ohne Tempoverlust mit, passte ihn präzise in die Mitte, wo Werner ihn ins Tor schoss.

          Engagiertes Debüt: Robin Gosens (rechts) in Stuttgart beim Duell gegen Spanien und Dani Carvajal
          Engagiertes Debüt: Robin Gosens (rechts) in Stuttgart beim Duell gegen Spanien und Dani Carvajal : Bild: Reuters

          Es war kein Zufall, dass das 1:0 nach einem Schnellangriff fiel. Auf diesen Stil setzt Löw inzwischen. Wenn die Deutschen dem Pressing der Spanier entwischten, spielten Gündogan, Kroos oder Draxler den Ball oft sofort in die Spitze. So kamen die schnellen Stürmer Werner und Sané in Eins-gegen-Eins-Situationen. Sie hätten mehr als ein Tor schießen können, vielleicht sogar müssen. Sané fand’s „im Großen und Ganzen ordentlich“, Werner hielt es für einen „Schritt in die richtige Richtung“.

          Es war aber auch kein Zufall, dass das 1:1 folgte. Als sie führten, zogen sich die Deutschen erstaunlich weit zurück. Schon kurz danach dribbelte Ferran Torres auf der rechten Seite mühelos an Gosens vorbei. Es ging gut, später aber nicht mehr. Als Torres in der 96. Minute flankte, war Gosens zu weit weg. Er grätschte, ein Fehler. Weil er über die Grundlinie rutschte und dort liegen blieb, hob er das Abseits auf. Im Interview sagte er, dass er geglaubt habe, auf die Abseitsregel keinen Einfluss zu haben, wenn er im Aus sei. Stimmt nicht. Das sollte ein Nationalspieler wissen.

          Das System scheint Löw zu gefallen

          An Robin Gosens lassen sich aber nicht nur die Details besprechen, die die Nationalmannschaft in Stuttgart beschäftigten, sondern auch eine entscheidende sportliche Frage, die die Zukunft betrifft: Ist die Dreierkette in der Abwehr eine gute Idee? Zunächst eine Feinheit: Man sollte sie nicht Dreier-, sondern Fünferkette nennen. Denn die Außenspieler – gegen Spanien waren das Gosens und Kehrer – sind in erster Linie fürs Verteidigen zuständig. Auf dieses System stößt man in der Bundesliga immer häufiger. Es scheint auch Löw gut zu gefallen.

          Das Argument: In der Abwehrmitte, wo Gefahr fürs eigene Tor droht, gibt es einen Spieler mehr. Das Gegenargument: Dieser Spieler fehlt meistens im Mittelfeld. Das stellt Löw vor zwei Herausforderungen. Zum einen muss er seinen Innenverteidigern – gegen Spanien waren das Rüdiger, Süle und Can – wichtige Teile des Spielaufbaus anvertrauen. Zum anderen kann er wohl weniger kreative Spieler aufstellen. In Stuttgart durften Kroos und Gündogan spielen, Kai Havertz und Julian Brandt aber nicht. Und Joshua Kimmich und Leon Goretzka, derzeit im Urlaub, gibt es ja auch noch.

          Am Donnerstagabend musste sich Löw im ZDF-Interview dann mit anderen Fragen auseinandersetzen. Es ging um das Gegentor, um Thomas Müller, mal wieder. Irgendwann schimpfte Löw, nicht aber über die Fragen. Er ärgerte sich über die Uefa, die die Anzahl der möglichen Auswechslungen spontan von fünf auf drei heruntergesetzt hatte. Und er ärgerte sich über den Spielkalender, der bis Jahresende pro Lehrgang drei statt der üblichen zwei Länderspiele vorsieht. „Als Trainer“, sagte Löw, „bin ich damit nicht sehr glücklich.“ An diesem Sonntag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und im ZDF) spielt seine Mannschaft in Zürich gegen die Schweiz.

          Nations League

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