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EM-Qualifikation für DFB-Elf : „Für uns war es positiv, es gab keine Pfiffe“

  • -Aktualisiert am

Torwart Manuel Neuer (rechts) hielt erstmals bei einem DFB-Einsatz einen Elfmeter aus dem laufenden Spiel heraus. Bild: EPA

Die EM-Qualifikation ist geschafft. Von Begeisterung aber ist nichts zu spüren, die Stimmung rund ums DFB-Team ist belastet. Es zeigen sich jedoch auch Entwicklungen, die die Hoffnung auf ein gutes Turnier anfeuern.

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          Es kommt schon mal vor, dass wummernde Bässe und begeisterte Jubelschreie aus den Kabinen in die Interview-Zone des Mönchengladbacher Borussia-Parks herüberdröhnen. Hier wurden erfolgreiche Abstiegskämpfe beendet und bedeutende Europapokal-Qualifikationen gefeiert, nun hat die deutsche Nationalmannschaft mit einem 4:0 über Weißrussland den Sprung zur im kommenden Jahr stattfindenden Europameisterschaft geschafft.

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          Von Begeisterung war aber nichts zu spüren nach diesem Sieg, in dessen Folge der Weltmeister von 2014 sogar noch aus eigener Kraft den Gruppensieg erreichen kann. Als Manuel Neuer seine Beobachtungen zur Atmosphäre zusammenfasste, klang er nüchtern wie ein Bürokrat von der Kfz-Zulassungsstelle: „Für uns war es positiv, es gab keine Pfiffe, die Tore wurden bejubelt.“

          Dass der Torhüter „keine Pfiffe“ erwähnenswert findet, zeigt, wie belastet die Stimmung rund um das Nationalteam ist. Die Skepsis der Zuschauer und der Öffentlichkeit sitzt tief nach der furchtbaren WM 2018 und dem gruseligen Abschneiden in der Nations League. Gefühle des Überschwangs sind seither tabu in dieser Mannschaft, und das ist womöglich sehr gut so. Zwar waren einige Tore an diesem Abend wirklich schön, „von daher war ein bisschen Glanz dabei“, merkte Leon Goretzka an, nachdem Matthias Ginter mit der Hacke zum 1:0 getroffen hatte und Toni Kroos ein technisch brillantes 3:0 gelungen war.

          „Aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns“, stellte der Münchner Mittelfeldspieler klar. Rund um das Team wissen viele Leute noch genau, dass die zehn Siege in den zehn Qualifikationspartien für die WM 2018 ein gefährliches Gift der Hybris im Organismus des Teams hinterlassen haben. Die sechs Siege aus sieben Partien auf dem Weg zur EM 2020 sind nun eingefärbt vom erkennbaren Versuch, demütig zu bleiben.

          Bundestrainer Joachim Löw war zwar „unter dem Strich sehr zufrieden“, erwähnte aber auch den „Umbruch“, in dem sein Team sich befinde, um zu erklären, warum sich viele jener Probleme gezeigt hatten, die sich schon länger stellen. In der ersten Hälfte fiel es der DFB-Elf sehr schwer, klare Chancen gegen die tief stehenden Weißrussen herauszuspielen. „Bis zum 1:0 war es etwas holprig“, sagte Kroos. Wieder einmal fand Timo Werner nicht die richtigen Momente für Läufe in die Tiefe, oft fehlte dem Passspiel Tempo, und in der zweiten Hälfte hatte die Mannschaft sich mehrfach auskontern lassen.

          „Wir haben heute gegen einen Gegner gespielt, der den Fokus auf die Defensive gelegt hat. Dennoch hat es mir nicht gefallen, wie oft der Gegner vor unserem Tor aufgetaucht ist“, sagte Goretzka. „Als Kollektiv haben wir da ein stückweit nachgelassen.“ Die Verteidiger Robin Koch und Nico Schulz müssen sich steigern, wenn sie sich auf diesem Niveau etablieren wollen, und die gefährliche Neigung zur Nachlässigkeit nachdem eine Führung herausgespielt wurde, bleibt ein Dauerthema. „Dass das noch ausbaufähig ist, wenn man in einer neuen Konstellation spielt, ist ganz normal“, sagte Neuer.

          Allerdings zeigten sich auch Entwicklungen, die die Hoffnung auf ein gutes Turnier anfeuern. Es gab Momente fußballerischer Klasse und Indizien dafür, dass die Berichte über eine deutlich verbesserte Stimmung in der Gruppe keine leeren Floskeln sind. „Wir befinden uns ein bisschen in einer Position wie vielleicht 2010“, meinte Neuer in Anspielung auf die wunderbare WM von Südafrika, in deren Verlauf der Zauber des Neuen aufblühte, der das Fundament für den Titelgewinn vier Jahre später bildete.

          So avanciert Ginter mehr und mehr zum unangefochtenen Abwehrchef. An diesem Abend mischte der Mönchengladbacher sogar bei drei Treffern direkt mit: Nach seinem 1:0 ließ er eine flach ausgeführte Ecke von Kroos so geschickt passieren, dass Goretzka zum 2:0 treffen konnte. Kroos‘ 3:0 legte er mit einem präzisen Querpass auf, „das gab es tatsächlich noch nie in meiner Profilaufbahn“, sagte der Innenverteidiger zu seiner Beteiligung an so vielen Toren. Und sogar Neuer erlebte eine Premiere, als er zum ersten Mal einen Strafstoß im Nationaltrikot jenseits eines Elfmeterschießens hielt.

          Klar ist dennoch, dass die Mannschaft sich zur EM in einer Außenseiterrolle einrichtet. Löw hat bereits verkündet, dass Konkurrenten wie Frankreich, England oder Holland in seinen Augen einen Entwicklungsvorsprung haben, nachdem man sich beim DFB in den vergangenen eineinhalb Jahren sehr, sehr schwer getan hat mit Veränderungen. Umso wichtiger ist den Spielern, dass sie diese Qualifikation nun konsequent „zu Ende bringen“, und am Dienstag Nordirland (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Länderspielen und bei RTL) schlagen, wie Neuer erläuterte.

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          Die Gruppe auf Platz eins vor den Niederlanden zu beenden, obwohl der direkte Vergleich verloren wurde, wäre ein Zeichen an die Konkurrenz und ein Impuls fürs eigene Selbstvertrauen. „Denn die Holländer spielen schon länger so zusammen, haben die Abläufe viel häufiger trainiert, es wäre schon wichtig, wenn vorne bleiben“, sagte der Torhüter. Um große Ziele geht es am Dienstag gegen Nordirland also nicht mehr, aber um Entwicklungen, und die sind derzeit kaum weniger wichtig.

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