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Achterbahn gegen Argentinien : Das nimmt das DFB-Team aus dem 2:2 mit

  • -Aktualisiert am

Richtig glücklich sahen die deutschen Spieler nach dem 2:2 gegen Argentinien nicht aus. Bild: EPA

Erst donnernder Applaus, dann vernehmbare Pfiffe: Die deutsche Elf erlebt beim 2:2 im Testspiel gegen Argentinien eine Berg- und Talfahrt. Das Duell liefert einige Erkenntnisse für den Bundestrainer.

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          Zur Pause: donnernder Applaus. Nach dem Schlusspfiff: vernehmbare Pfiffe. Die deutsche Nationalmannschaft bot ihren Fans am Mittwochabend ein Fußballgericht der Geschmacksnote süß-sauer an. 2:0 geführt nach Treffern des alle überragenden Serge Gnabry (16. Minute) und des Ästheten Kai Havertz (22.) und dann doch nur 2:2 gespielt, weil die Gier auf den Sieg, die Konzentration auf das Spiel und die Aktivität auf dem Platz mehr und mehr nachließen. Daraus schlug der Gegner Argentinien, der sich nach einer schlafmützigen ersten Halbzeit enorm steigerte, verdientermaßen Kapital und erreichte durch die Tore des Leverkusener Angreifers Lucas Alario (66.) und des ebenfalls eingewechselten Lucas Ocampos (85.) verdientermaßen ein 2:2.

          Fußball-Länderspiele

          Bundestrainer Joachim Löw, der in Dortmund auf dreizehn verletzte, kranke oder nicht ganz fitte Spieler verzichten musste, konnte dem Duell zwischen dem viermaligen und dem zweimaligen Weltmeister dennoch genug abgewinnen, um auch mit positiven Kenntnissen zum nächsten Europameisterschafts-Qualifikationsspiel am Sonntag in Tallinn gegen Estland (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur EM-Qualifikation und bei RTL) zu reisen. „Die erste Halbzeit“, sagte er, „haben wir sehr mutig, sehr beherzt nach vorne gespielt mit viel Tempo und guten Aktionen.“

          Es waren in der Tat 45 sehenswerte Minuten, in denen eine vermeintliche Verlegenheitself Spielfreude, Kombinationslust und Handlungsschnelligkeit wie Gnabry beim 1:0 demonstrierte, als er Klostermanns Hereingabe mit selbstverständlicher Dynamik und Eleganz mitnahm, drei Argentinier verlud und den Ball mit dem Außenrist ins Netz schoss. Sein zehntes Tor im elften Einsatz für die Nationalelf, die erstmals seit dem WM-Titelgewinn von 2014 gegen Argentinien ohne einen der damaligen Weltmeister antrat.

          Der Münchner zeigte bei jeder Gelegenheit, dass er sich auf fast allen Offensivpositionen wohlfühlt und dazu eine manchmal schlafwandlerisch sichere Abschlussqualität besitzt. Der Mann des Abends bereitete dazu das 2:0 durch einen gefühlvollen Pass auf Havertz vor, der bei seinem ersten Länderspieltreffer den Ball nur noch ins Tor zu schieben brauchte. Die Freude am Fußball war auch dem Schützen des 2:0 („Das war schon ein Kindheitstraum, irgendwann mal ein Tor für die Nationalmannschaft zu schießen.“) jederzeit anzumerken wie auch seinem Buddy aus Leverkusener Tagen, Julian Brandt, und dem erstmals mit dem Kapitänsamt betrauten Joshua Kimmich, weil der eigentliche Spielführer und Stammtorwart Manuel Neuer diesmal nur zusah, wie sein Herausforderer Marc-André ter Stegen einen ordentlichen Job machte.

          Auch der kurzfristig berufene Freiburger Debütant Robin Koch überzeugte in seiner Lieblingsrolle als Innenverteidiger bis zum argentinischen Ausgleich, als er eine Flanke zum Torschützen Alario unterlief. Nach der Pause aber, als die weiteren Neulinge Nadiem Amiri (Bayer Leverkusen) und Suat Serdar (Schalke 04) dem Spiel wie auch der von Anfang an erstmals eingesetzte Luca Waldschmidt (SC Freiburg) keine frischen Impulse gaben und erfahrenere Kräfte wie Niklas Süle und der wieder einmal berücksichtigte Emre Can abbauten, verlagerten sich die Gewichte auf die Seite der ohne ihren gesperrten Superstar Lionel Messi angetretenen Albiceleste.

          Jetzt pressten die Argentinier früh und setzten die zusehends fehlerhaft agierenden Deutschen damit mehr und mehr unter Druck. „Wir hatten ein paar Ballverluste mehr, nicht mehr den Mut und sind ins Schwimmen gekommen“, monierte Löw. Der Bundestrainer zeigte sich schließlich „mit den Ansätzen“ im Spiel seiner nicht aufeinander eingespielten Mannschaft „zufrieden“, hätte sich aber doch „ein bisschen mehr Ruhe gewünscht“.

          Dafür mangelte es im zweiten Spielabschnitt an der zuvor mit Vergnügen ausgelebten Souveränität. Dennoch lobte Löw gerade die Rookies seines Teams. „Wie die Spieler mit den wenigen Einsätzen sich gezeigt haben, war sehr positiv. Man muss mit den jungen Spielern auch ein wenig Nachsicht haben.“ Käpt‘n Kimmich, unter den deutschen Spielern, die diesmal auf dem Platz standen, die meisten Länderspiele (45) vorzuweisen hatte, genoss den Abend, an dem er „die Binde tragen durfte“ beim Blick auf seine ehrenvolle Zusatzaufgabe. „Es war ein ganz besonderer Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde.“ Das hinderte ihn nicht daran, die deutsche Labilität während der zweiten Hälfte kritisch zu beleuchten. „Das ist uns jetzt nicht das erste Mal passiert, dass wir zu schnell die Bälle verlieren und den Ausgleich bekommen.“

          Julian Brandt, als Spieler des BVB vertraut mit suboptimalen 2:2-Spielen, empfand dieses Remis mit vier Toren als „weniger ärgerlich“, weil es nach einem Testspiel zwischen zwei Schwergewichten zustande kam. „Dass wir dann auf einmal so passiv spielen und uns selber das Leben schwer machen, war auch ein Grund, warum wir die Argentinier so haben aufkommen lassen“, sagte Brandt mit der bei ihm üblichen analytischen Klarheit. Am Ende sei es „ein bisschen ein Zitterspiel“ gewesen. Schade eigentlich, dachte sich Brandt. „Gerade gegen einen solchen Gegner wäre es top gewesen, ein positives Zeichen zu setzen. So aber ist nach einer sehr guten ersten Halbzeit ein kleiner Wermutstropfen dabei. Testspiele sind halt ab und zu auch mal ein bisschen Achterbahn.“ Diese Berg- und Talfahrt aber war zumindest nie langweilig. Dafür sorgten die Deutschen wie die Argentinier gleichermaßen.

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