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Abrechnung von Lienen : „Das DFB-Team ist in absolute Arroganz verfallen“

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„Ich bin froh, dass sie früh ausgeschieden sind“: Ewald Lienen. Bild: dpa

Der Nächste, bitte: Nun rechnet Ewald Lienen mit der deutschen Elf nach dem WM-Aus in der Vorrunde gnadenlos ab. Dabei zielt er mit seiner scharfen Kritik nicht nur auf die Spieler.

          Ewald Lienen hat auch mit einigem Abstand mit den Verantwortlichen des deutschen Fußballs für das Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft in Russland gnadenlos abgerechnet. „Die Arroganz, die Jogi Löw und die Nationalspieler an den Tag gelegt haben, war hanebüchen. Ich bin froh, dass sie früh ausgeschieden sind, weil das Gesamtkunstwerk erbärmlich war“, sagte der ehemalige Bundesliga-Profi und heutige Technische Direktor des Zweitligavereins FC St. Pauli am Donnerstag bei einem Talk des TV-Senders Sky in Hamburg.

          Einmal in Rage, echauffierte sich der 64-Jährige weiter. „Ich habe das frühe Aus nicht nur erwartet, ich habe es erhofft. Schon nach der Gruppenauslosung ist das DFB-Team in absolute Arroganz verfallen“. Dass eine kleine Fußball-Nation wie der spätere WM-Zweite Kroatien statt der Deutschen bis ins Endspiel gegen Frankreich kommen konnte, machte das einstige Offensiv-Ass nahezu fassungslos. „Wir in Deutschland haben so viele gute Spieler wie die Kroaten Einwohner“, erklärte der ehemalige St.-Pauli-Coach seinen kritischen Standpunkt.

          Die Fehlentwicklung beginne bereits im Nachwuchs. Dort seien seit Jahren falsche Schwerpunkte gesetzt worden. „Es geht nur noch darum, mit 30 Jahren Bundesliga-Trainer zu werden“, monierte Lienen die falsche Orientierung der heutigen Nachwuchstrainer-Generation. Der erfahrene Fußballlehrer sieht die heutigen Ausbilder auf der falschen Bahn. „Gute Nachwuchstrainer sind die, die die Mannschaften zehn bis 15 Jahre trainieren. Jugendtrainer ist ein Sozialjob.“ Heute hätten Talente am Endes des Ausbildungstages keinen Bock mehr, da sie nur hin- und hergerannt seien: „Das ist der Tod unserer Ausbildung.“

          Am Tag danach bat Lienen bei Domenico Tedesco um Entschuldigung. Er hatte unter anderen den 32 Jahre alten Schalker Coach als Beispiel angeführt, dass immer schneller Nachwuchstrainer in kurzer Zeit in die Bundesliga aufsteigen. Außerdem hatte Lienen die defensive Schalker Spielweise als „Tod des Fußballs“ bezeichnet. „Ich bin da weit über das Ziel hinaus geschossen und habe Domenico bereits meine Entschuldigung geschrieben, nachdem ich ihn telefonisch am Donnerstagabend nicht erreichen konnte“, erklärte der 64-Jährige am Freitag auf der Webseite des FC St. Pauli. Er schätze Tedesco und entschuldige sich „für die Aussage in aller Form. Er hat sowohl auf Schalke als auch in Aue – und da haben wir es am eigenen Leib erfahren – im Profibereich herausragende Arbeit geleistet.“

          Tedesco hatte in der vergangenen Saison gleich in seinem ersten Jahr in der Bundesliga die Schalker auf den zweiten Tabellenplatz und damit in die Champions League geführt. Vor seinem Engagement in Gelsenkirchen hatte er für ein halbes Jahr in der zweiten Bundesliga den FC Erzgebirge Aue betreut und vor dem Abstieg gerettet. Zuvor hatte er jahrelang in den Nachwuchsabteilungen des VfB Stuttgart und bei der TSG 1899 Hoffenheim gearbeitet.

          Unterstützt wurde Lienen am Donnerstagabend von St. Paulis Geschäftsführer Uwe Stöver: „Nach dem WM-Titelgewinn 2014 haben wir die Symptome gezeigt, die wir immer nach Erfolgen zeigen.“ Er riet, sich am Fußball-Mutterland England ein Beispiel zu nehmen, das „brutal aufgeholt“ habe. Die Engländer seien im Nachwuchsbereich inzwischen „absolut führend“. HSV-Sportvorstand Ralf Becker wollte das WM-Aus nicht so kritisch beurteilen. Er verwies auf die souveräne WM-Qualifikation. „Man sollte jetzt nicht den ganzen deutschen Fußball in die Tonne hauen“, meinte Becker. Das erstmalige Vorrunden-Aus einer deutschen Nationalmannschaft wollte er dann aber doch nicht schönreden. „Es war eine Scheiß-WM, aus der man die richtigen Schlüsse ziehen muss.“

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