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DFB-Kommentar : Das Dilemma des deutschen Fußballs

Das waren noch Zeiten: Mittelstürmer Miroslav Klose jubelt für Deutschland. Bild: Picture-Alliance

Ein Mythos ist verschwunden. Falsche Neuner? Reichen nicht. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft braucht echte Mittelstürmer. Nichts geht ohne das Original. Doch das ist ein Problem.

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          Ein Mythos ist verschwunden, und es fehlt jede Gewissheit, dass sich Geschichte wiederholen könnte. Denn der deutsche Fußball steckt in einem Dilemma: Dem Land, in dem so viele Mittelstürmer groß und berühmt geworden sind, gehen die Mittelstürmer aus. Es ist nicht einmal das Problem, dass es niemanden mehr gibt, der Weltklasse verkörpert, es gibt kaum noch Profis, die überhaupt in das Anforderungsprofil passen: groß, kopfballstark, gefährlich im Abschluss, am besten mit nur einem Kontakt, mit rechts, links, der Brust, dem Hinterkopf, ganz egal.

          Am Freitagnachmittag hat Bundestrainer Joachim Löw das wieder einmal bestätigt, als er seinen Kader für die anstehenden Länderspiele in der Nations League gegen die Niederlande am Samstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und im ZDF) und gegen Frankreich am Dienstag danach (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und in der ARD) bekanntgab. Auf dem Papier: zwölf Spieler für die Positionen im Mittelfeld und Angriff, darunter auch Neuling Mark Uth vom FC Schalke 04, der immerhin weiß, wie man sich als Stürmer im gegnerischen Strafraum bewegt, der seine Klasse auf internationalem Niveau bisher aber noch nicht nachgewiesen hat.

          Seit beinahe einem Vierteljahrhundert hat Deutschland keinen Mittelstürmer mehr hervorgebracht, der in der Fußball-Welt Angst und Schrecken verbreitet. Mit einer Ausnahme: Miroslav Klose. Der machte erst eine Zimmermannslehre, spielte mit 20 Jahren noch für die SG Blaubach-Diedelkopf in der Bezirksliga und kämpfte sich von dort Stück für Stück nach oben. Im 21. Jahrhundert erzielte nur Cristiano Ronaldo mehr Länderspieltore. Doch die Karriere von Klose wurde nicht in irgendeiner Talentschmiede geplant, sie wurde nicht am Reißbrett entwickelt.

          Das passt zu den Lebensläufen seiner berühmten Vorgänger: Ottmar Walter, Uwe Seeler, Gerd Müller, Dieter Müller, Horst Hrubesch, ja sogar Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff – keiner von ihnen wurde wie ein Setzling in den Boden gegraben in der Hoffnung, ihn Jahre später als blühendes Exemplar wieder ausgraben und einsetzen zu können. Aber genau das soll nun passieren. Der Deutsche Fußball-Bund will wieder Mittelstürmer entwickeln, das ist zuletzt ein wenig in Vergessenheit geraten bei all dem Rausch, den diese filigranen Außenspieler zu verströmen schienen, die Techniker, die Takt- und Ideengeber. Schon der damalige Sportdirektor Hansi Flick rief die Trainer im Verband und in den Nachwuchsleistungszentren dazu auf, auch mal wieder mit zwei klassischen Stürmern zu spielen.

          Die deutsche U 21 macht wenig Hoffnung auf einen neuen Torjäger mit alten Qualitäten. Janni Serra, 20 Jahre alt, 1,93 Meter groß, 87 Kilogramm schwer, wäre zwar so ein Typ. Unter Vertrag steht er bei Holstein Kiel in Liga zwei, Borussia Dortmund schien Serra nicht gut genug und gab ihn ab. Bundestrainer Löw hat zuletzt immer wieder versucht, die Lücke im Zentrum mit einer falschen Neun zu füllen, die jüngste Fußballgeschichte aber hat gezeigt: Nichts geht ohne das Original.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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