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Hansi Flick im Interview : „Die Qualität ist beeindruckend“

Es war interessant, zu verfolgen, wie wir in anderen Ländern gesehen wurden. Zum Beispiel in Italien. Ich kenne den genauen Wortlaut nicht mehr, aber da stand in einer Zeitung sinngemäß: „Deutschland, eine Diva, die sich im Spiegel gern anschaut. Eine Mannschaft, die sich daran ergötzt, wie sie den Ball laufen lässt - aber nicht da ist, wenn es darauf ankommt. Die nicht mehr den Killerinstinkt hat.“ In der ganzen Diskussion dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass uns im Spiel gegen Frankreich mit Mario Gomez unser zentraler Stürmer gefehlt hat.

Ist, zugespitzt gesagt, die deutsche Spielidee des Ballbesitzes und der Dominanz von der Realität überholt worden?

Nein, das finde ich nicht. Aber wir müssen noch mehr den Fokus darauf legen, Tore zu erzielen, direkt auf Angriff zu schalten, wenn sich die Möglichkeit bietet. Dortmund kann man sich da als Beispiel nehmen, dort hat Thomas Tuchel beides verbinden können. Das ist eine Mannschaft, die in der Lage ist, einen Gegner mit Ballstafetten auszuspielen, aber auch, schnell umzuschalten und Tore zu erzielen. Was Tuchel da in der kurzen Zeit geschafft hat, ist schon richtig gut.

Glauben Sie alles in allem, dass es in der Nationalmannschaft bis 2018 mehr Veränderung geben wird als im letzten Zyklus seit 2014?

Da sollten wir vielleicht noch die U-21-EM im nächsten Jahr abwarten. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass danach der eine oder andere ins Team drängt, die Qualität ist einfach enorm. Schauen Sie sich die Innenverteidigung an ...

... da hat Deutschland mit Boateng und Hummels die wohl beste der Welt.

Ja, aber es geht ja um die Perspektive, und da sind Niklas Süle und Jonathan Tah absolute Alternativen. Und dabei haben wir von Shkodran Mustafi, Benedikt Höwedes und dem verletzten Antonio Rüdiger noch gar nicht geredet. Innen werden wir auf Sicht kein Problem haben. Wichtig ist aber, dass wir noch verstärkt Spieler für die Spitze und für die Außenbahnen entwickeln - da werden Tore vorbereitet und Spiele entschieden.

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Sind wir da weiter als vor zwei Jahren?

Definitiv. Am Tag des Finnland-Spiels sind in Mönchengladbach auch die Fritz-Walter-Medaillen verliehen worden. Von den Preisträgern sind zwei gelernte Außenverteidiger, Maximilian Mittelstädt von Hertha BSC und Gian-Luca Itter vom VfL Wolfsburg, und zwei, die von weiter vorn auf diese Positionen gewechselt sind, Benjamin Henrichs von Bayer Leverkusen und Philipp Ochs aus Hoffenheim. Da kommt also schon etwas nach.

Und bei den Stürmern?

Da könnte es noch etwas mehr sein, auch wenn in unserer U 19 der eine oder andere dabei war. Leider hat sich Janni Serra das Kreuzband gerissen, er hatte zuletzt eine enorme Entwicklung gemacht in Dortmund. Cedric Teuchert aus Nürnberg finde ich auch einen interessanten Spieler.

Wie steht es um die Akademie, dem großen Zukunftsprojekt des DFB? Da scheint es nicht so recht voranzugehen, die Übergabe des Geländes verzögert sich immer weiter.

Zwischen der Stadt Frankfurt und dem Rennklub laufen verschiedene Verfahren, dessen Urteile man nun abwarten muss. Wir sind nach wie vor von einem positiven Ausgang überzeugt.

Aber so langsam muss man sich Gedanken machen, ob der geplante Eröffnungstermin - Ende 2018, Anfang 2019 - überhaupt zu halten ist. Oder ist das schon jetzt nicht mehr realistisch?

Es könnte zu Verzögerungen kommen.

Wird damit auch der deutsche Fußball in seiner Entwicklung gebremst?

Nein. Ich glaube, dass der deutsche Fußball schon jetzt von den Strategieprozessen profitiert. Wir bündeln Kompetenzen, optimieren Strukturen. Wir arbeiten mit viel Leidenschaft an der Entwicklung der Akademie und wollen das Beste aus den Gegebenheiten machen, auch wenn die eine oder andere Schwierigkeit zu bewältigen ist. Das Kind muss jetzt laufen lernen.

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