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Vermeintliche Passverweigerung : DFB spielt doch Doppelpass mit Flüchtlingskindern

Spielen erlaubt: Flüchtlinge in Deutschland Bild: dpa

In Niederwörresbach warten Flüchtlingskinder seit Wochen auf einen Spielerpass für ihren Fußballverein. Der DFB spricht nun von einer einmaligen Fehleinschätzung des Regionalverbands. Die Kinder dürfen wohl bald spielen.

          Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat die vermeintliche Verweigerung von Spielerpässen für Flüchtlingskinder in dem rheinland-pfälzischen Fußballverein SV Niederwörresbach als Folge von Missverständnissen bezeichnet. Der DFB betont sogar, dass er die unbürokratische Aufnahme von Flüchtlingskindern zum Zwecke der Integration ausdrücklich unterstütze, gerade auch dann, wenn die Kinder ohne Eltern im Land seien. „Auch für diesen Fall wurde ein Verfahren festgelegt, um den Kindern möglichst schnell das Fußballspielen und die Integration in das neue Umfeld zu ermöglichen“, sagt DFB-Mediendirektor Ralf Köttker. So wirbt der DFB sehr stark mit seinem Engagement für Integration und beispielsweise auch mit Slogans wie „Sein Pass spielt keine Rolle. Seine Pässe schon“.

          Solche Sätze würden bei einer Verweigerung von Spielerpässen für Flüchtlingskinder ad absurdum geführt. Gerade die Integrationsbemühungen des DFB hatte die Landtagsfraktion der FDP im nordrhein-westfälischen Landtag mit einer am Dienstag eingereichten Parlamentarischen Anfrage in Zweifel gezogen. Darin wurde Bezug genommen auf die Irritationen um Flüchtlingskinder, die beim SV Niederwörresbach am Rande des Hunsrück Fußball spielen wollen.

          „Sobald für minderjährige Flüchtlinge die Unterschrift eines Verfahrenspflegers vorliegt, stellen wir den Pass aus“, sagt Dr. Hans-Dieter Drewitz, als Vizepräsident des DFB verantwortlich für den Jugendbereich und zugleich Vorsitzender des Südwestdeutschen Fußballverbands (SWFV), in dem sich der Fall ereignet hat. „Als Landesverband wollen wir genauso wie der DFB, dass jedes Kind, das Fußball spielen möchte, auch möglichst schnell und unbürokratisch die Gelegenheit dazu bekommt.“

          Was Niederwörresbach mit Barcelona gemein hat

          Nach einem Bericht der Rhein-Zeitung hatte der SWFV einige Passanträge von Flüchtlingskindern, die in einem Kinderheim in dem Ort am Rande des Hunsrück leben, negativ beschieden. Und zwar mit dem Verweis auf Artikel 19 der Fifa-Transferregelungen. Dieser verbietet Wechsel Minderjähriger zu einem mehr als hundert Kilometer entfernten ausländischen Klub, sofern nicht die Eltern ebenfalls an den Wohnort ziehen. Bei mindestens 16 Jahre alten Jugendlichen innerhalb der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraums kann die Erlaubnis erteilt werden, wenn der aufnehmende Verein mit Zustimmung der Eltern die Fürsorge für den Spieler übernimmt und für angemessene schulische und außerschulische Betreuung sorgt.

          Alle grenzüberschreitenden Wechsel müssen zudem grundsätzlich der Fifa zur Prüfung vorgelegt werden. Mit der strengen Auslegung dieser Regeln verfolgt die Fifa das hehre Ziel, menschenhändlerische Tendenzen im Jugendfußball zu bekämpfen. Besonders dubiosen Wechseln beispielsweise von Talenten aus Afrika nach Europa soll somit ein schwer zu knackender Riegel vorgeschoben werden. Auf der Grundlage dieser Regularien wurde erst kürzlich der FC Barcelona mit einem Transferbann für zwei Transferperioden belegt, weil der Verein bei der Rekrutierung von Talenten für seine Kaderschmiede La Masía wiederholt gegen die Regelungen verstoßen hatte.

          Die Passstellen der Regionalverbände wie beim SWFV behandeln internationale Wechsel von Jugendspielern seither mit besonders großer Vorsicht, weil sie im Fall einer strafbaren Zuwiderhandlung auch ihrem Dachverband DFB heftige Strafen seitens der Fifa einbringen können. Dabei gewährt die Fifa dem DFB wegen der Vielzahl der Fälle seit 2009 im Vertrauen auf dessen Seriosität eine „beschränkte Befreiung“. Sie besagt, dass nur internationale Vereinswechsel minderjähriger Spieler zu einem Verein der höchsten vier Spielklassen von Bundesliga bis Regionalliga zur Beurteilung vorgelegt werden müssen. Pro Jahr wechseln fast 4000 Kinder aus dem Ausland in deutsche Vereine - die meisten aber aus rein familiären Gründen.

          Verband spricht von Missverständnis seitens des Vereins

          Den SV Niederwörresbach betrifft diese Regelung als A-Klassen-Verein nicht. Stattdessen müsste für das Ausstellen eines Passes beispielsweise bei elternlosen Flüchtlingskindern eine amtlich beglaubigte Unterschrift beispielsweise des Leiters eines Kinderheims oder SOS-Kinderdorfes ausreichen. Zudem verlangt die Fifa ein Freigabegesuch seitens des Fußballverbands beim zuvor zuständigen Nationalverband. Falls der sich nach einer Frist von 30 Tagen nicht  äußert, was im Fall von Bürgerkriegsländern wie Somalia und Syrien derzeit in der Regel nicht der Fall ist, gilt der Spieler als freigegeben.

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