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Geheime Abstimmung : DFB-Präsident Keller soll zurücktreten

Fritz Keller soll von seinem Amt als DFB-Präsident zurücktreten. Bild: dpa

Die Amateurvertreter im DFB haben genug von Skandalen und Streit: In einer geheimen Abstimmung wird Präsident Fritz Keller und auch Generalsekretär Friedrich Curtius das Vertrauen entzogen.

  • Aktualisiert am
          5 Min.

          Kurz nachdem Fritz Keller den DFB-Krisengipfel durch den Hinterausgang verlassen hatte, verkündeten die Landeschefs ihr vernichtendes Urteil im Skandal um den Präsidenten. Keller, der zunächst schwieg, soll zurücktreten! Dem 64-Jährigen wurde von den Präsidenten der Landes- und Regionalverbände während der Konferenz in Potsdam das Vertrauen entzogen, wie DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann stellvertretend am Sonntagmittag verkündete. Kellers verbale Entgleisung werde „auf das Schärfste verurteilt“.

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          Im Dauer-Führungsstreit zwischen Keller und seinen Widersachern wurde dabei auch Generalsekretär Friedrich Curtius das Vertrauen entzogen. „Wir haben es respektiert, dass die Herren Keller und Curtius sich nicht sofort und unmittelbar zu diesen Entscheidungen äußern möchten und um Bedenkzeit gebeten haben“, sagte Zimmermann vor den TV-Kameras.

          Ein Rücktritt Kellers scheint jedoch unausweichlich. Schatzmeister Stephan Osnabrügge und Vizepräsident Rainer Koch sei das Vertrauen in einer geheimen Abstimmung hingegen ausgesprochen worden, sagte Zimmermann. Koch, Chef des Bayerischen Fußballverbands und früher schon mal Interimsboss beim DFB, war damit zunächst der große Gewinner im Machtkampf mit Keller.

          „Völlig inakzeptabel“

          Zudem habe sich die Versammlung gegen einen außerordentlichen Bundestag ausgesprochen, hieß es weiter. Der öffentliche Druck auf den DFB in seiner massiven Führungs- und Außendarstellungskrise war in den vergangenen Tagen massiv gestiegen. Der 64 Jahre alte Keller war nach einem Vorfall in einer Präsidiumssitzung in den vergangenen Tagen in Erklärungsnot geraten. Er hatte Koch als „Freisler“ bezeichnet und ihn so mit Roland Freisler, dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofes im Nationalsozialismus, gleichgesetzt.

          Keller hatte daraufhin Koch um Entschuldigung gebeten. Koch nahm diese nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur nicht an. Keller
          und Koch führten demnach am Sonntag in Potsdam ein Gespräch in der Angelegenheit. Dabei hatte Keller seine Entschuldigung noch einmal ausformuliert, Koch nahm diese entgegen, akzeptierte sie aber nicht. Dies erfuhr die dpa am Sonntag. Keller hatte bereits zuvor schriftlich um Entschuldigung gebeten. Koch hatte diese aber bereits nicht angenommen und wollte die Sache mit zeitlichem Abstand in einem persönlichen Gespräch aufarbeiten.

          „Eine derartige Äußerung ist völlig inakzeptabel und macht uns fassungslos“, teilte der DFB als Ergebnis der Konferenz in Potsdam mit. „Die Regional- und Landesverbände des DFB stehen für eine demokratische, tolerante und vielfältige Gesellschaft. Die Äußerung des Präsidenten ist mit den Grundsätzen und Werten der Verbände nicht vereinbar.“

          Generalsekretär Curtius und Schatzmeister Osnabrügge hatten Keller für seine Aussage scharf kritisiert. Nach „Spiegel“-Informationen hat Curtius die Verfehlung des DFB-Bosses bei der Ethikkommission des Verbandes angezeigt. Das Ethikgremium hatte zuletzt stets darauf verwiesen, sich nicht zu laufenden Verfahren zu äußern.

          Die Verbandsspitze ist schon länger zerstritten. Seit Monaten stehen sich die Lager um Keller und Curtius nahezu unversöhnlich gegenüber. Dies führte an der Basis zu großem Unmut, den zahlreiche Vertreter der Landes- und Regionalverbände vor der Sitzung in einem Protestbrief artikuliert haben. Mit seiner Aussage über Koch hatte Keller ein nicht nur peinliches, sondern folgenschweres Eigentor geschossen. Schon zu seiner Zeit als Präsident des SC Freiburg war der Winzer und Gastronom für seine manchmal cholerischen Ausbrüche bekannt.

          Intern hatte der DFB-Betriebsrat bereits vor der Konferenz in Potsdam in einem Schreiben, über das die „Bild am Sonntag“ berichtete, kritisiert, dass der Verband ein „desaströses Bild“ abgebe und „richtungsweisende Entscheidungen“ gefordert: „Bei einem Neuanfang dürfen sowohl strukturelle als auch personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen werden.“

          Für die Amateurvertreter und auch für die Deutsche Fußball Liga (DFL), die von den ständigen Negativ-Schlagzeilen ihres Frankfurter Nachbar- und Partnerverbands genervt waren, galt Keller zumindest vor der folgenschweren Präsidiumssitzung als glaubwürdige Figur für einen Neuanfang. Zumal Vorgänger Reinhard Grindel unter anderem ein Uhrengeschenk eines ukrainischen Funktionärs zum Verhängnis geworden war.

          Keller, dessen Patenonkel die gestorbene Fußball-Legende Fritz Walter war, war auf Empfehlung einer Findungskommission durch die Konferenz der Regional- und Landesverbände sowie die Generalversammlung der DFL nominiert – und im September 2019 einstimmig gewählt worden. „Wer mich gewählt hat, der hat Veränderung gewählt. Mir ist wichtig, dass wir den DFB zusammen in eine erfolgreiche Zukunft führen, mit neuen Strukturen, effizient und transparent“, versprach er damals.

          Der Vergütungsausschuss des DFB, dessen Einrichtung Keller noch vor seiner Wahl angekündigt hatte, legte für den neuen Verbandsboss eine Bezahlung von 246.000 Euro pro Jahr fest.

          Die Erklärung des Deutschen Fußball-Bundes im Wortlaut

          „Die Präsidenten der Landes- und Regionalverbände des Deutschen Fußball-Bundes haben auf der außerordentlichen Konferenz an diesem Wochenende in Potsdam Präsident Fritz Keller das Vertrauen entzogen und ihn aufgefordert, von seinem Amt zurückzutreten. Ebenfalls hat die Konferenz dem Generalsekretär Dr. Friedrich Curtius ihr Vertrauen entzogen. Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge und der 1. Vizepräsident Amateure, Dr. Rainer Koch, wurde von den Verbandspräsidenten das Vertrauen ausgesprochen. Ferner fiel die Entscheidung, keinen außerordentlichen Bundestag abzuhalten.

          Im Rahmen der Konferenz wurden in geheimen Abstimmungen* über folgende Punkte entschieden:

          - Die Konferenz der Präsidenten der Regional- und Landesverbände entzieht DFB-Präsident Fritz Keller angesichts seines Vergleichs des 1. Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch mit dem Nazi-Richter Roland Freisler das Vertrauen. Zur Abwendung weiteren Schadens vom Verband fordert die Konferenz den Präsidenten auf, von seinem Amt zurückzutreten. (Abstimmungsergebnis: 26 Ja, 9 Nein, 2 Enthaltungen)

          - Genießt der 1. Vizepräsident Amateure, Dr. Rainer Koch, weiterhin das Vertrauen der Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten?

          (Abstimmungsergebnis: 21 Ja, 13 Nein, 3 Enthaltung)

          - Genießt DFB-Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge weiterhin das Vertrauen der Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten? (Abstimmungsergebnis: 22 Ja, 13 Nein, 2 Enthaltungen)

          - Genießt DFB-Generalsekretär Dr. Friedrich Curtius weiterhin das Vertrauen der Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten? (Abstimmungsergebnis 14 Ja, 20 Nein, 3 Enthaltungen)

          - Es soll kein außerordentlicher DFB-Bundestag abgehalten werden. (einstimmig ja, bei einer Enthaltung)

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          Hinsichtlich der Äußerungen von Fritz Keller in der Präsidiumssitzung am 23. April 2021 gibt die Konferenz folgende Erklärung ab:

          „Die Konferenz der Präsidenten der Regional- und Landesverbände missbilligt den von DFB-Präsident Fritz Keller vorgenommenen Vergleich des 1. Vizepräsidenten Rainer Koch mit dem Nazi-Richter Roland Freisler. Eine derartige Äußerung ist völlig inakzeptabel und macht uns fassungslos. Sie wird auf das Schärfste verurteilt. Die Regional- und Landesverbände des DFB stehen für eine demokratische, tolerante und vielfältige Gesellschaft. Die Äußerung des Präsidenten ist mit den Grundsätzen und Werten der Verbände nicht vereinbar.“

          Die Konferenz respektiert, dass sich die von den Entscheidungen Betroffenen, Fritz Keller und Dr. Friedrich Curtius, hierzu nicht unmittelbar äußern möchten und um Bedenkzeit gebeten haben.

          *Anmerkung: In der Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten haben die fünf Regionalverbandspräsidenten je eine Stimme, die Präsidenten der Verbänden Bayern, Niedersachsen und Westfahlen je drei Stimmen, die Präsidenten der Landesverbände Hessen, Mittelrhein, Niederrhein, Südbaden, Südwest und Württemberg je zwei Stimmen, die Präsidenten aller übrigen Landesverbände je eine Stimme. Das ergibt eine Gesamtstimmenzahl von 38. Der Präsident des Landesverbandes Sachsen-Anhalt fehlte entschuldigt, weshalb 37 Stimmen jeweils abgegeben wurden.

          Direktion Öffentlichkeit und Fans“

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