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DFB-Pokalfinale : „Der Hammer hängt in Dortmund“

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Double für Dortmund: Schale und Pott sind für mindestens ein Jahr in Westfalen zuhause Bild: dpa

Der Planet Borussia leuchtet nach dem Pokalfinale - so gelb, hell und strahlend wie nie. Der rhetorische Feuerwerker Klopp ist „sprachlos“. Subtile Ironie senden die Dortmunder aber doch an die Bayern.

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          Selbst ein geübter rhetorischer Feuerwerker wie Jürgen Klopp war für den Augenblick „sprachlos“. Vom Glück dieses Festabends überwältigt, glaubte der Trainer von Borussia Dortmund, „die außergewöhnlichste Leistung“ erlebt zu haben, die er „jemals von einer Mannschaft im Fußball sah“. Das mag zwar ein wenig übertrieben gewesen sein, spiegelte aber die berauschende Stimmung unter allen, die am Samstagabend eine Saison der Superlative für Borussia Dortmund krönten.

          „Man könnte meinen“, sagte Klopp auch noch, „wir hätten vier Jahre nur deswegen trainiert, damit wir heute mal jeden Ball reinschießen.“ Tatsächlich eroberten die Spieler in Schwarz und Gelb nach der jüngst wiederholten deutschen Meisterschaft in Berlin auch den Pokal des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), weil sie dem letztlich hoffnungslos unterlegenen Rekordmeister und Rekordpokalgewinner FC Bayern München auch in dessen traditioneller Königsdisziplin weit voraus waren: in der Effizienz.

          Schlag auf Schlag zertrümmerten die Westfalen, die schon in der Bundesliga die letzten vier Duelle mit den Bayern gewonnen hatten, im Olympiastadion das Selbstvertrauen der Stars aus dem Süden, die eine Woche vor dem Champions-League-Finale im eigenen Stadion gegen den FC Chelsea am Samstag (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) eine Abreibung wie seit Jahren nicht in heimischen Gefilden bekamen.

          5:2 hieß es am Ende nach Toren von Kagawa (3.Minute), Hummels (41./Foulelfmeter) und Lewandowski, der gleich dreimal nacheinander (45.+1/58./81.) traf. Dagegen nahmen sich die beiden Münchner Tore durch Robben (25./Foulelfmeter) und Ribéry (75.) nicht einmal wie Trostpreise aus.

          Im Berliner E-Werk feierten die Dortmunder ihren Triumph - über allen schwebt der Planet des „Double-Gewinners 2012“

          Die Dortmunder Partymeister, begleitet von 30.000 Fans in der mit rund 75.000 Zuschauern ausverkauften historischen Arena, 18.000 Borussen in der ausverkauften Berliner Waldbühne und tags darauf von 250.000 Menschen beim Festzug durch die Stadt des Bieres, feierten den optimalen Abschluss ihrer Supersaison, in der sie zumindest auf der nationalen Bühne alle großen Preise abgeräumt und dabei die Münchner, die sich sonst für die ewige Nummer eins des deutschen Fußballs halten, mit frappierender Selbstverständlichkeit abgehängt haben.

          Die jugendliche Frechheit, mit der der BVB die Bayern am Samstag voller Tempo, Esprit und Lust auf Fußball links und rechts überholte, ist zu einem von Klopp geprägten Markenzeichen geworden, das in Berlin mit dem Gewinn des ersten Doubles der 103 Jahre alten Vereinsgeschichte noch veredelt worden ist.

          Als wäre er der Anführer einer Piratengang, trug Kevin Großkreutz, ein Dortmunder aus lokalpatriotischer Leidenschaft, eine große schwarz-gelbe Flagge mit gelbem Leuchtstern voran über den Rasen, rannte, gefolgt von seinen Kameraden, die Stufen zum Marathontor hinauf und befestigte dort die Trophäe zum Zeichen des Enterns dieses Stadions, das am Samstag schon lange vor der Pokalübergabe durch Bundespräsident Joachim Gauck allein den Borussen gehört hatte.

          Der dritte Pokalsieg in der Vereinsgeschichte ließ in den Minuten, da er zu einem denkwürdigen Stück der deutschen Fußballgeschichte geworden war, nur einen Mann innehalten: Hans-Joachim Watzke, den Sanierer und Vorsitzenden der Geschäftsführung bei diesem börsennotierten Klub. Der lange Sauerländer, seit 2005 an der Spitze des Profiunternehmens Borussia Dortmund, vergoss sogar ein paar Tränchen, als er wie festgewurzelt auf dem Rasen des Olympiastadions stand.

          Eine ehemalige Biathletin bringt den Pokal vorbei: Magdalena Neuner mit dem guten Stück Bilderstrecke

          „In so einem Moment“, sagte er, nachdem der goldene Lamettaregen vorbei war und die Konfettikanonen gezündet hatten, „gehen einem die ganzen sieben Jahre durch den Kopf. Von ganz unten nach ganz oben, von der Fastpleite bis jetzt zum Double, das ist einfach wunderschön.“ Watzke gab dann später um 1 Uhr 30 am frühen Sonntagmorgen die große Saisonabschluss-Sause in einer Berliner Partylocation frei.

          Den achthundert Gästen des Pokalsiegers und Meisters rief er zu: „An einem solchen Abend werden Helden geboren. Ich habe irgendwo gelesen, in einem solchen Spiel könne man zeigen, wo der Hammer hängt: Er hängt in Dortmund.“ So konterte der Ober-Borusse den Satz des Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß, den das Berliner Debakel seiner verteidigungsunfähigen Mannschaft hammerhart traf.

          Um so verwunderter vernahmen die Dortmunder Saison-Überflieger die Einschätzung des Bayern-Kapitäns Philipp Lahm, der sein nur in der ersten Hälfte phasenweise stärkeres Team über „neunzig Minuten“ als die „bessere Mannschaft“ eingeschätzt hatte. „Jeder hat eine unterschiedliche Wahrnehmung“, widersprach der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc mit subtiler Ironie.

          Die Fakten hatten schließlich eindeutig für den BVB gesprochen, der schon in der Liga einen Rekord nach dem anderen atomisiert hatte und nun auch dem Pokalwettbewerb seinen finalen Glanz gab. Bloß nichts verpassen und alles mitnehmen: Nach diesem Motto beeilte sich am Samstag auch der wegen einer schweren Rippenprellung gegen Mitchell Langerak ausgewechselte Stammtorhüter Roman Weidenfeller (34.), zur großen Siegesfeier rechtzeitig wieder da zu sein.

          Volle Ausbeute auf nationaler Ebene: Michael Zorc, Jürgen Klopp und Hans-Joachim Watzke (v.l.) mit Pokal und Schale

          In einem nahen Hospital nach dessen Zusammenprall mit dem Münchner Stürmerkoloss Gomez untersucht und mit den besten Genesungswünschen wieder entlassen, sauste er an Bord eines Krankenwagens mit Blaulicht zurück ins Olympiastadion, um ja nicht die Vergabe des großen Preises zu versäumen.

          Später, als auch er Hand angelegt hatte an das Goldstück, schwärmte Weidenfeller nur noch: „Was man heute gesehen hat, war fast nicht von diesem Stern.“ Der Planet Borussia leuchtete an diesem 12. Mai über Berlin – so gelb und hell und strahlend wie noch nie.

          Die Siegerehrung als 360-Grad-Foto

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