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DFB-Pokal : Spiel mit Vergangenheit für die Zukunft

Zum Abheben: Michael Stahl nach seinem Kunstschuss gegen Hertha BSC im Oktober Bild: picture alliance / dpa

Im DFB-Pokal betritt TuS Koblenz am Mittwochabend um 19 Uhr die große Bühne. Zu Zeiten Fritz Walters waren Duelle mit dem 1. FC Kaiserslautern Klassiker. Heute kann das Spiel dem Drittligaklub immerhin die Existenz sichern - und das auch ohne Tor aus 60 Metern.

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          Seit dem 26. Oktober des vergangenen Jahres ist Michael Stahl ein Held in Koblenz. An jenem Tag erzielte er im DFB-Pokal-Spiel gegen Hertha BSC Berlin ein Tor für die Ewigkeit. Aus fast 60 Metern überwand er mit einem zufällig in Richtung des gegnerischen Tores fliegenden Befreiungsschlag den Berliner Torwart Marco Sejna und ebnete mit diesem denkwürdigen „Tor des Monats Oktober“ den Weg zum 2:1-Sieg des Drittligaklubs. „Das Ding werde ich natürlich nie vergessen“, sagt der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler. Immerhin hatte er schon vor dem größten Tag seiner Karriere das offenkundig erfolgbringende Motto „Stahli, hau ihn einfach weg!“ im Steckbrief auf der Homepage seines Klubs stehen.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit dieser Anleitung zum eher simplen Fußballspiel könnte Stahl an diesem Mittwochabend wieder der richtige Mann sein. Denn gegen den Bundesligaklub 1. FC Kaiserslautern (19 Uhr/ FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker) dürften die Koblenzer wie schon gegen die Hertha fast ausschließlich aufs Zerstören des gegnerischen Spiels aus sein. Und das nicht nur, weil die 84 Jahre alte Klublegende Rudi Gutendorf, der sich nach seiner Zeit als Spieler beim Vorgängerverein TuS Neuendorf einen Ruf als Trainer-Weltenbummler mit 54 Stationen zwischen Australien und Tansania erwarb (siehe auch: Rudi Gutendorf: Ab in die Südsee), seinem Herzensverein jüngst „einen unverschämten Riegel“ vor dem eigenen Tor als Taktik empfahl.

          Denn nach drei gemeinsamen Jahren in der Zweiten Bundesliga sind die beiden rheinland-pfälzischen Vereine seit dieser Spielzeit sportlich wieder ähnlich weit voneinander entfernt wie in den vielen Jahrzehnten seit den großen Duellen auf Augenhöhe in den 50ern. In jenen Jahren hatte TuS Neuendorf unter anderem mit dem Spieler Gutendorf den Pfälzern um Fritz Walter in der Oberliga Südwest immer wieder Angst eingejagt. Der Volksmund am Deutschen Eck behauptet zwar gerne, dass die TuS spielerisch mindestens gleichwertig war, der Klub verlor aber fast immer.

          Hoffnungsträger: Petrik Sander soll TuS Koblenz wieder auf Vordermann bringen
          Hoffnungsträger: Petrik Sander soll TuS Koblenz wieder auf Vordermann bringen : Bild: picture alliance / dpa

          Entsprechend versank die TuS in den Niederungen des Fußballs, während der FCK zu einem der ruhmreichsten Klubs der deutschen Fußballgeschichte und mehrfachen deutschen Meister aufstieg. „Aber die Erinnerung an frühere Kämpfe ist bei den Menschen in Koblenz irgendwie noch ziemlich wach“, sagt Weitschussschütze Stahl. „Ich werde jedenfalls seit Wochen in der Stadt auf nichts anderes angesprochen als auf dieses Spiel und auf frühere Zeiten.“

          Für Stahl ist hingegen das Hier und Jetzt der einzige Maßstab, wenn er von 19 Uhr an den Lauterer Spielmacher Christian Tiffert am Spielaufbau zu hindern versucht. Und diese Gegenwart hat Koblenz in den vergangenen Monaten ziemlich heftig auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt.

          Dubiose Geschäfte führten zum Abstieg

          Vor kurzem noch hatte sich der Klub in einem Anflug von Größenwahn den Aufstieg in die Bundesliga zum Ziel gesetzt. Dafür leistete sich der Verein mit der örtlichen Rheinzeitung als Großsponsor mit Uwe Rapolder einen der bestbezahlten Trainer der Zweiten Bundesliga. Bei diesem Projekt ließen sich die Männer aus der Stadt am Deutschen Eck, dem Zusammenfluss von Mosel und Rhein, aber auch auf nicht ganz astreine Vertragsabschlüsse ein, die dem Verein 2008 einen Punktabzug und eine deftige Geldstrafe einbrachten. (siehe auch: TuS Koblenz: Machenschaften in der Fußballprovinz)

          Seit dem Abstieg in die Dritte Liga im vergangenen Sommer ist die Turn- und Spielvereinigung aber wieder in der Realität angekommen und will sich mit dem ehemaligen Cottbusser Bundesligatrainer Petrik Sander erst einmal wieder von Grund auf neu strukturieren. Statt verhältnismäßig teurer Legionäre aus dem früheren Jugoslawien stehen mittlerweile aus Finanznot wieder junge deutsche Spieler im Team. Dabei zählen vor allem auch Eigengewächse wie Torwart Dieter Paucken, die Verteidiger Stefan Haben und Lars Bender sowie eben auch Stahl zu den Hoffnungsträgern für eine bessere Zukunft.

          Ein Sieg für die Zukunft

          Die Entwicklung zum Guten würde am Mittwochabend einen erheblichen Schub bekommen, weil die erste Viertelfinalteilnahme des Klubs nicht nur der größte Erfolg nach einer Halbfinalteilnahme im Kampf um die deutsche Meisterschaft und einem Einzug in die Runde der letzten Vier im DFB-Pokalwettbewerb von 1953 wäre. Vielmehr würden die Einnahmen den Klub endgültig sanieren. „Unser Geschäftsführer Wolfgang Loos hat uns nach dem Viertelfinaleinzug gesagt, dass er nach einer vorher dunkelroten Bilanz nun immerhin hellrote Zahlen schreiben kann. Ein weiterer Sieg würde den Verein jetzt richtig voranbringen“, sagt Stahl - zumal in einem möglichen Viertelfinale in der kommenden Woche der noch immer in Koblenz wohnhafte und weiterhin populäre ehemalige Erfolgstrainer Milan Sasic mit dem MSV Duisburg als schlagbarer Gegner ins Stadion am Oberwerth käme.

          Dafür würde sich der 60-Meter-Schütze, der außer dem Treffer gegen die Hertha übrigens noch kein einziges Tor als Profi erzielt hat, auch mit vergleichbar primitiven persönlichen Erfolgserlebnissen begnügen. „Wenn wir gewinnen, wäre ich sicher mit einem Tor zufrieden, bei dem ich den Ball aus fünf Zentimetern über die Linie drücke.“ Auch so würde er freilich kurz vor Ablauf der Frist der ARD-Wahl zum „Tor des Jahrers 2010” um Mitternacht noch einmal beste Werbung in eigener Sache machen.

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