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DFB-Pokal : Hamburger Kuchendiebe in Düsseldorf

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Das Ende vom Düsseldorfer Pokaltraum: Hamburgs Torwart Rost hält den zweiten Elfmeter Bild: REUTERS

Frank Rost und Piotr Trochowski verhindern in Düsseldorf die Pokalpleite für den Hamburger SV. Die Fortunen sind nach dem unglücklichen Aus im Elfmeterschießen geknickt, aber dennoch stolz. Ihr Spiel machte Appetit auf mehr.

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          Die Metapher vom blauen Auge gehörte bei den Hanseaten am späten Abend zum verbalen Standardrepertoire. Frank Rost aber fügte noch etwas hinzu, was durchaus wörtlich zu nehmen war. „Wir sind mit einem blauen Auge und einer blutigen Nase davongekommen“, sagte er. Der Torhüter des Hamburger SV wusste genau, wovon er sprach. Rost hatte zwei Elfmeter abgewehrt, bei einen davon bekam er den Ball mitten ins Gesicht. Der Routinier zwischen den Pfosten verhinderte, dass die furiose, dramatische Erstrundenpartie im DFB-Pokal am Montagabend gegen Fortuna Düsseldorf für den HSV mit einem Gesichtsverlust endete.

          Bei seiner ersten großen Tat im Elfmeterschießen warf Rost sich der Kugel so entgegen, dass Blut floss. Aber den Ball auf die Nase zu bekommen „ist besser, als wenn er reingeht“, sagte der Torwart, der noch einen weiteren Elfmeter hielt und seine Mannschaft so vor dem Ausscheiden gegen einen famos kämpfenden und spielerisch erstaunlich starken Zweitliga-Aufsteiger bewahrte. Während die Verlierer frenetisch gefeiert wurden, fiel der Jubel bei den Siegern verhalten aus. Es war ein Kampf mit Blut, Schweiß und Tränen. Der Schweiß floss auf beiden Seiten, das Blut bei Rost und die Tränen schließlich bei den Fortunen ohne Fortune; sie verloren das Elfmeterschießen 1:4.

          Hamburg erkannte spätestens in der Pause den Ernst der Lage

          In der letzten Minute der Verlängerung dieses Fußballdramas schien die Glücksgöttin noch ihrer Namenscousine aus dem Rheinland zugewandt. Mit dem letzten Schuss aus dem Spiel heraus erzielte Andreas Lambertz, der länger verletzte und deshalb erst nach der Pause eingewechselte Kapitän, den Treffer zum 3:3 und versetzte das Publikum in einen Rausch. Nach diesem verrückten, von Verteidiger Aogo abgefälschten Ausgleichstreffer fühlten die Düsseldorfer Zuschauer sich bereits als Sieger, egal, was das Elfmeterschießen noch bringen möge. „Oh, wie ist das schön“, riefen die Fans. Was sie bis dahin gesehen hatten, genügte ihnen, um ein Maß an Begeisterung aufzubringen, das normalerweise einen Sieg der eigenen Elf voraussetzt.

          1:0 für Hamburg: Routinierte Freude nach der frühen Führung

          Der Außenseiter hatte sich durch das frühe Gegentor von Mladen Petric (4. Minute) nicht von seinem Vorsatz abbringen lassen, dem Favoriten mit Mut und Mumm die Stirn zu bieten. Sie sammelten und sie schüttelten sich, und dann spielten sie mit, als wären sie es gewohnt, gegen Bundesliga-Spitzenmannschaften dieser Couleur anzutreten. Ein Treffer von Oliver Fink (11.) und ein Eigentor von Jerome Boateng (16.) befeuerten auf den Rängen wie auf dem Rasen der Düsseldorfer Arena die Hoffnung auf eine Überraschung. Der HSV, der zeitweise gar nicht einmal schlecht spielte, schien spätestens in der Pause den Ernst der Lage erkannt zu haben. Aber auch Piotr Trochowskis Ausgleichstor (54.) verhalf den Norddeutschen nicht zur vollständigen Kontrolle über das Spiel. In der Verlängerung schien Trochowskis erster Elfmeter - Torhüter Melka hatte Pitroipa gefoult - Klarheit zu bringen (95.), allerdings nur bis zur 120. Minute.

          „Das ist wie, wenn die Oma dir ein Stück Kuchen gibt“

          Vorübergehend mag sich so mancher Düsseldorfer in eine längst vergangene Zeit versetzt gefühlt haben, in jene Ära zwischen 1978 und 1980, als der rheinische Traditionsverein dreimal nacheinander das Finale erreichte und zweimal den Pokal gewann. Es war eine aufregende, mitreißende Zeitreise, obwohl sie für Fortuna ohne Happy End blieb. Das 3:3 habe noch einmal „viel Euphorie freigesetzt“, sagte Fink, und dann sei die Sensation „doch nicht passiert“. Auch er wählte an diesem Abend der Tore und Metaphern ein Bild, und zwar eines, das bei der scheinbar satten Spezies der Fußballprofis fast rührselig wirkt.

          „Das ist wie, wenn die Oma dir ein Stück Kuchen gibt, und du willst gerade reinbeißen, aber dann zieht dir jemand den Teller vor der Nase weg.“ Genau das haben Frank Rost mit seinen Paraden und Piotr Trochowski mit seiner Schusstechnik getan. Der eine hielt nicht nur zwei Elfmeter, sondern bewahrte seine Elf gegen Ende der ersten Hälfte zweimal vor einem höheren Rückstand, der andere schoss insgesamt drei Tore. „Am Ende entscheidet eben die Klasse einzelner Spieler“, sagte der Düsseldorfer Torwart Michael Melka.

          „Das war eine schöne Randgeschichte, aber die ist jetzt vorbei“

          Die gute Laune vermochten die beiden Hamburger Spielverderber den Einheimischen unter den 35.000 Besuchern in der Arena aber nicht zu verderben. Sollte es je Zweifel am Unterhaltungswert der ersten Pokalrunde gegeben haben - sie sind zerstreut worden durch diese gehaltvolle, jederzeit bestens verdauliche Portion Fußball ohne jeden Appetitzügler. Dieses Drama voller Irrungen, Wirrungen und Wendungen empfanden sogar die Verlierer als Gewinn.

          „Wir sind wieder da!“, riefen die Düsseldorfer Fans, so laut sie konnten - und das war äußerst laut. Sie sehen ihre Fortuna, nach trüben Jahren in der dritten oder gar vierten Liga, wieder auf dem Weg zu altem Ansehen, mag er noch so lang sein. Dafür, dass sie auf dem richtigen Weg sind, spricht neben dem großartigen Pokalauftritt die erstaunlich abgeklärte Reaktion Melkas. „Das war eine schöne Randgeschichte, aber die ist jetzt vorbei. Ab Samstag weht ein anderer Wind.“ Dann müssen die Fortunen in der Provinz den nächsten - kleinen - Schritt machen. Nicht nur dem Torhüter schwant, dass er nicht leicht wird. Es geht gegen Paderborn.

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