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0:5-Pokalpleite in Gladbach : Verwunderung über das kollektive Versagen der Bayern

Thomas Müller war bedient: „So ein kollektives Versagen von einer Bayern-Mannschaft bei so einem wichtigen Spiel habe ich selber noch nie erlebt.“ Bild: dpa

Für die Borussia war es ein „magischer Abend“, für die Bayern „absolut schockierend“. Dabei wirkte die Verwundbarkeit der Münchner ähnlich spektakulär wie das entfesselte Spiel der Gladbacher.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Vor ein paar Tagen hat sich der berühmte Büchsenwurf vom Bökelberg zum 50. Mal gejährt, was in Mönchengladbach ausgiebig gefeiert wurde. Sogar ein neues Buch zu den Vorkommnissen rund um jenes legendäre 7:1 gegen Inter Mailand ist erschienen, über ein Spektakel, das einsam an der Spitze im Ranking der besten Spiele in der Geschichte von Borussia Mönchengladbach steht.

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          Diesen Status wird der Büchsenwurf-Abend nicht verlieren, weil der Flug der Coladose an den Kopf des Italieners Robert Boninsegna und die Annullierung des Ergebnisses für alle Ewigkeit einzigartig bleiben werden. Aber in der Kategorie fußballerische Kunstfertigkeit dürfte das 5:0 gegen den FC Bayern vom Mittwochabend sehr nah an jene Darbietung von 1971 heranreichen.

          Sportdirektor Max Eberl sprach von einem „magischen Abend“ und von einem „Rausch“, der die Mannschaft und die Fans ergriffen habe. Trainer Adi Hütter hatte „ein fast perfektes Spiel“ seiner Mannschaft gesehen, und der FC Bayern erlitt die schwerste Demütigung seit der 5:2-Niederlage im Finale des DFB-Pokals von 2011 gegen den BVB. Hilflos und überfordert wie Amateure, die staunend miterleben, wie gut so ein echtes Spitzenteam spielen kann ist, wirkten die Münchner. Er sei „absolut schockiert“, sagte Hasan Salihamidzic, der Sportvorstand der Bayern. „Wir waren in keinem Zweikampf da, haben nicht umgeschaltet und uns in jeder Situation den Schneid abkaufen lassen“. Tatsächlich war die Verwundbarkeit des Hegemonen aus München ähnlich spektakulär wie das entfesselte Spiel der Gladbacher.

          „So ein kollektives Versagen von einer Bayern-Mannschaft bei so einem wichtigen Spiel habe ich selber noch nie erlebt.“, sagte Thomas Müller, der lange darauf gewartet hat, dass „der FC-Bayern-Wut-Motor dann angeht.“ Aber nichts dergleichen passierte. Erfüllt von einer flirrenden Energie führten die Gladbacher nach Toren des großartigen Manu Koné (2.), sowie Ramy Bensebaini (15., 21.) früh mit 3:0. Das 2:0 war ein kleines Meisterwerk, eine hinreißend schöne Kombination präzise und zielstrebig als spiele hier Lionel Messis FC Barcelona im Zenit des Erfolges.

          Die Gladbacher Torschützen in einem entfesselten Spiel: Kouadio Koné (l-r), Ramy Bensebaini, Breel Embolo
          Die Gladbacher Torschützen in einem entfesselten Spiel: Kouadio Koné (l-r), Ramy Bensebaini, Breel Embolo : Bild: dpa

          Schon zur Halbzeit hätte die Borussia 4:0 oder 5:0 führen können, auch weil die Münchner Verteidiger Dayot Upamecano, Benjamin Parvard, Alphonso Davies und Lucas Hernandez völlig neben sich standen und von dem entfesselten Breel Embolo überrannt wurden. Wobei sich viele Beobachter in Kenntnis der Münchner Kräfte schon noch vorstellen konnten, dass der FC Bayern noch einmal zurückkommt. Diese Gefahr war dann mit Embolos Toren zum 4:0 (51.) und zum 5:0 (57.) gebannt. Zwanzig Minuten vor dem Ende wurde der Schweizer unter stehenden Ovationen ausgewechselt und durch den zuvor lange verletzten Marcus Thuram ersetzt.
           
          Die Rückkehr des Franzosen, der zuletzt so sehr gefehlt hatte, war ein kleiner Mosaikstein dieser Nacht des puren Mönchengladbacher Fußballglücks. „Und ihr wollt Deutscher Meister sein?“, sangen die Gladbacher Fans, während die Ecke mit den Münchner Anhängern zehn Minuten vor dem Abpfiff bereits zur Hälfte leer war. Und als irgendwann auch die Gladbacher draußen im Stau aus dieser surrealen Fußballshow in die Realität zurückkehrten, rückten ein paar Fragen in den Fokus, die erst in den kommenden Wochen beantwortet werden.

          Ist das nun die endgültige Befreiung für die so zäh in die Saison gestarteten Gladbacher? „Das muss eine Initialzündung sein“, sagte Hütter dazu, der aber erwarten muss, dass der nächste Gegner VfL Bochum (Sonntag, 17.30 Uhr bei Dazn und im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga) mehr Widerstand leisten wird, als diese desolaten Münchner. Auch Eberl erklärte, dass nun jeder Spieler wissen müsse, zu was die Borussia in der Lage, sei, „das ist jetzt auch der Maßstab“, sagte er.

          Und was macht dieses Ergebnis mit den Bayern? Wird der Wut-Motor anspringen? Hat einfach nur die Energie des nach seiner Covid-Erkrankung weiterhin abwesenden Trainers Julian Nagelsmann gefehlt? Oder hinterlässt dieses Erlebnis größere Schäden am Selbstvertrauen? Thomas Müllers Worte enthielten jedenfalls Spuren von in München eigentlich unbekannten Selbstzweifeln: „Wir werden in den nächsten Wochen sehen, wie wir nach so einem Spiel reagieren“, sagte der Angreifer. „Man ist es von uns gewohnt, dass wir nach Negativerlebnissen eine Reaktion zeigen. Aber das ist leicht gesagt.“

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          Irgendwann wurde sogar über die Frage diskutiert, ob die Debatten über Joshua Kimmichs Haltung zum Impfen und die gerade noch abgewendete Gefängnisstrafe von Hernandéz zu diesem Zusammenbruch beigetragen haben, den Salhamidzic als „kollektiven Blackout“ bezeichnete. „Natürlich hat man das ein bisschen im Kopf, dass nicht so schöne Geschichten im Hintergrund sind“, sagte der Sportvorstand. Aber eigentlich sei so ein Debakel, zu dem alle beigetragen haben, nicht mit diesen Vorkommnissen zu erklären.

          Und so hoffen sie in München, dass dieses absolut erstaunliche Erlebnis eine isoliertes Einzelereignis im Saisonverlauf bleiben wird. Womöglich wird Union Berlin, der nächste Gegner des FC Bayern (Samstag, 15.30 Uhr bei Sky und im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga), bereits am Samstag den ganzen Mia-San-Mia-Zorn zu spüren bekommen und an der Alten Försterei überrollt werden.

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