https://www.faz.net/-gtl-t23j

DFB-Pokal : Der schlechteste aller Zeitpunkte für den Kultklub

  • -Aktualisiert am

Pokal-Fight am Millerntor Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

In der letzten Saison trafen sie im Halbfinale des DFB-Pokals aufeinander, nun bereits in der ersten Runde: St. Pauli fiebert trotz aktueller Formschwäche dem Hit gegen den FC Bayern entgegen. „Wir wollen ein prickelndes Spiel abliefern“, sagt Trainer Bergmann.

          3 Min.

          „Wegen Umbauarbeiten geschlossen“ steht an der Tür des Klubhauses auf dem Vereinsgelände des FC St. Pauli. Die Tür steht aber weit offen, und wer an diesem Freitag mit Andreas Bergmann sprechen möchte, kann das gern machen. Kaffee und Kuchen gibt es leider nicht, auch kein Wasser. Überhaupt ist es ein Raum, den jeder schnell verlassen möchte: Dort, wo früher der inzwischen abgerissene Tresen war, steht die blanke Wand; dieser Teil der schummrigen Gaststube mit dunklem Holzmobiliar ist durch rot-weißes Trassierband vom Rest abgetrennt. Im kleinen Nebenzimmer sitzt der Assistenztrainer André Trulsen; er hat seine Beine unter einem winzigen Tisch zusammengefaltet und starrt auf einen Laptop.

          Weniger Glamour ist nirgends. Das ist der Alltag des FC St. Pauli in der dritten Liga. Für ein paar Tage werden die Paulianer wegen des Pokalspiels gegen den FC Bayern München an diesem Samstag (20.15 Uhr im ZDF sowie im FAZ.NET-Liveticker) mal wieder durch die Medienmangel gedreht. Man hat das Gefühl, es sei der schlechteste aller denkbaren Zeitpunkte für große öffentliche Aufmerksamkeit: St. Pauli steckt tief im Sumpf der Regionalliga Nord - die Mannschaft von Trainer Bergmann ist nur einen Punkt von den Abstiegsplätzen entfernt.

          Abgänge, Fehleinkäufe, Verletzungspech

          St. Pauli ist gerade dabei, das große Saisonziel Aufstieg schon im Spätsommer zu verspielen. Abgänge haben den klammen Klub geschwächt, Fehleinkäufe zeichnen sich ab, dazu gibt es unfaßbares Verletzungspech, und deswegen wirkt auch der Motivationskünstler Bergmann eine Spur stiller und nachdenklicher als noch im Januar: damals war St. Pauli nach einer Serie großartiger Pokalauftritte vor dem Spiel gegen Werder Bremen die große Nummer der fußballfreien Zeit, und die Geschichte vom etwas anderen Kultklub vom Kiez wurde überall aus den Schubladen geholt. Sie stimmte schon damals nicht. Heute noch viel weniger.

          April 2006: Luz gegen Lucio
          April 2006: Luz gegen Lucio : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Der 47 Jahre alte Bergmann ist schnell in die Schußlinie geraten. Jeder mag diesen kernigen Mann, doch in Hamburg fragt man sich: Ist das denn wirklich ein guter Trainer? Immer, wenn St. Pauli zweimal verliert, liest man in der Hansestadt (die ja nach wie vor vernarrt ist in ihren zweiten Klub) den Namen Marc Fascher: Der trainiert Kickers Emden in der dritten Liga und ist ein guter Freund des Pauli-Managers Holger Stanislawski. Es gibt in der deutschen Drittklassigkeit keinen interessanteren Job als den des Trainers am Millerntor.

          Knapp 20.000 Fans im maroden Millerntor

          Bergmann ist ein bißchen müde heute. „Es ist alles gesagt zum Bayern-Spiel“, sagt er. „Wir wollen ein prickelndes Spiel abliefern und an unsere eigenen Stärken glauben. Die Bayern sind natürlich ein übermächtiger Gegner - auf dem Papier.“ Ein bißchen Mut blitzt da auf, doch im Grunde schaut Bergmann schon auf den kommenden Dienstag: Da spielt St. Pauli beim Aufsteiger in Wilhelmshaven. Wieder einmal wird ein Gegner besonders heiß sein, den bekanntesten Klub der Liga zu ärgern. „Ich denke keinen Zentimeter an Wilhelmshaven“, beteuert Bergmann.

          Am Samstag werden knapp 20.000 Zuschauer das marode Millerntor entern und sich an die Pokal-Siege gegen Burghausen, Bochum, Berlin und Bremen erinnern. Im Winter und Frühjahr 2006 waren die Paulianer Medienlieblinge. Mit den Einnahmen aus den Partien einschließlich der Gelder aus dem Halbfinale gegen die Bayern im April wurde ein gut Teil der Steuerschulden getilgt. Das Geld reicht aber nicht für einen konkurrenzfähigen Etat (es sind nur 2,3 Millionen Euro), folglich war Kreativität bei Verpflichtungen gefragt; Kreativität, die in die zweite Liga führen muß: das ist das Ziel von St. Pauli, spätestens 2007.

          „Der Medienhype war unglaublich“

          Die Gegenwart sieht anders aus. Bergmann sagt: „Damals waren wir auf einer Wolke, heute gucken wir gerade mal, wo sie ist.“ Nach all den Pokalerfolgen verpatzte St. Pauli im Mai 2006 den Aufstieg. „Der Medienhype damals war unglaublich“, sagt Bergmann, „einige sagen, das hat uns was gekostet in der Liga.“ So war es wohl. Bergmann findet es nicht besonders realistisch, mit seiner derzeitigen Mannschaft aufzusteigen, sein Manager und Präsident Corny Littmann fordern es. Bergmann ist zum Erfolg verdammt. Trotzdem arbeitet er an der Zukunft der Mannschaft: Auffällig oft lobt er die Talente, die bei ihm spielen. Sie dürfen nichts kosten, sollen aber viel leisten - auf ehemalige Profis wie Stendel, Meggle, Scharping, Mazingu kann sich der Trainer nicht mehr verlassen: Sie sind entweder verletzt oder formschwach. Sternchen der Pokaltriumphe wie Felix Luz sind längst vergessen.

          Wieder einmal steht der ehemalige Kultklub aus dem Herzen St.Paulis also im Rampenlicht. Doch dieses Mal wird man das Gefühl nicht los, alle wären froh, wenn es bald vorbei wäre.

          „David gegen Goliath“ auch auf anderen Plätzen

          Neben den St. Pauli-Fans dürfen sich die Anhänger zahlreicher weiterer „kleiner“ Vereine auf das Kräftemessen mit den Klubs aus der Eliteklasse freuen. So tritt Bundesliga-Spitzenreiter 1. FC Nürnberg beim Oberligisten BV Cloppenburg an, während der gleichauf mit den Bayern auf Platz zwei liegende FC Schalke 04 bei der zweiten Mannschaft von Hansa Rostock aufläuft. Vizemeister Werder Bremen tritt die Reise zum drittklassigen FK Pirmasens an und Champions-League-Teilnehmer Hamburger SV muß sich bei Regionalliga-Süd-Spitzenreiter Stuttgarter Kickers behaupten. Vize-Pokalsieger Eintracht Frankfurt trifft auf Regionalligist Siegen.

          Topmeldungen

          Mehr als Vater, Mutter, Kind: Frau Kirschey ist 98 Jahre alt und hat Covid-19 im März mit einem leichten Verlauf überstanden. Hier mit Tochter und Urenkelin.

          Zusammenhalt in Corona-Zeiten : Familie ist mehr!

          Seit mehr als neun Monaten hält uns die Pandemie in Atem. Für die Familien werden die Zeiten nicht einfacher. Und die Politik sendet fatale Signale. Ein Essay.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.