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DFB-Pokal : Dem das Herz von St. Pauli schlägt

  • -Aktualisiert am

Die Bayern können kommen Bild: dpa/dpaweb

Wie bei jedem Heimspiel wird Andreas Bergmann auch zum Pokal-Halbfinale gegen Bayern München mit dem Fahrrad fahren. „Normalerweise schießen die Bayern fünf Tore gegen uns“, weiß der St. Pauli-Trainer: „Das haben Bremen, Berlin und Bochum auch gedacht.“

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          Andreas Bergmann ist bekennender Eimsbütteler, er schätzt diesen bunten, aber doch entspannten Stadtteil mit seinen Altbauten, Kneipen, Cafes, Läden und Grünzonen.

          Der Trainer des FC St. Pauli wohnt auch deswegen gern hier im Hamburger Westen, weil es nicht so weit zur Arbeit ist. Wie bei jedem Heimspiel wird Bergmann auch an diesem Mittwoch zum Pokal-Halbfinale gegen den FC Bayern München mit dem Fahrrad fahren. "Nur wenn es regnet, gehe ich zu Fuß zum Millerntor", sagt Bergmann.

          Crashkurs im Umgang mit der Öffentlichkeit

          Der 46 Jahre alte Fußball-Lehrer aus dem Magath- und Lienen-Jahrgang ist ein umgänglicher Kerl ohne Allüren. Er liebt seinen Job: die tägliche Arbeit mit den "Jungs". In seinen fünf Jahren beim FC St. Pauli, bald sind es drei als verantwortlicher Trainer, hat Bergmann allerhand erlebt und schnell verstanden, daß der FC St. Pauli nicht wie ein normaler Klub zu führen ist. So etwas läßt ein dickes Fell wachsen.

          Abschlußtraining: Trainer Bergmann am Tischkicker
          Abschlußtraining: Trainer Bergmann am Tischkicker : Bild: dpa/dpaweb

          Bergmann sagt: "Ich habe hier in Hamburg in meiner ersten Phase einen Crashkurs erlebt, was den Umgang mit Druck, der Öffentlichkeit und den Medien angeht." Doch zuletzt ist er dünnhäutig geworden. Wer in seiner Nähe das Wort "Bayern" aussprach, begab sich in Gefahr: Steile Falten bildeten sich auf Bergmanns Stirn. "Davon wollte ich nichts hören", sagt er, "erst wenn es soweit ist, wollten wir darüber sprechen."

          „Ihr müßt laufen und rennen, bis ihr umfallt“

          Das mußte mißlingen - "Bayern", das überlagert alles. So wurde man das Gefühl nicht los, daß irgendwas nicht stimmte beim FC St. Pauli: Seit dem Sieg gegen Werder Bremen im Januar und der Auslosung gegen den Meister gab es vier Siege, drei Unentschieden, drei Niederlagen in der Regionalliga - besonders geschmerzt hat das 0:1 beim FC Carl Zeiss Jena am Wochenende. "Das Thema Aufstieg hat sich erledigt", sagt Bergmann. Zusammen mit Sportchef Holger Stanislawski mußte er ansehen, wie die junge Mannschaft einfach zuwenig einsetzte, um das große Ziel zweite Liga zu erreichen.

          Bergmann bedient sich einer Blut-, Schweiß- und Tränen-Sprache; Fußball ist zuallererst ein Kampfsport für ihn: "Ich sage den Spielern: Die Leute haben Bock auf euch, dafür müßt ihr laufen und rennen, bis ihr umfallt!" Im Liga-Alltag, wenn es gegen Leverkusen II und Emden geht, erreicht diese Art von Motivation nicht jeden. Es schmerzt Bergmann, daß seine "jungen Dachse" nun in den Niederungen der Regionalliga erwachsen werden.

          „Den ganzen Niedergang miterlebt“

          Bei aller Kritik bewahrt sich der lebenslustige Trainer Verständnis: "Es ist nicht einfach für einen jungen Spieler, das schräge St. Pauli und die Weltstadt Hamburg mit all ihren Verlockungen zu verarbeiten." Auch Zuversicht hat Bergmann in seinen fünf Jahren am Millerntor gelernt (ohne sie hat man in diesem zehrenden Klub keine Chance). Er sagt: "Wenn wir nicht hoch kommen, ist trotzdem ein Fundament da. Die Extreme sind weg bei uns."

          Wie indes mit kaum noch 2,5 Millionen Euro Etat eine Aufstiegs-Mannschaft zusammengestellt werden soll, bleibt ein Rätsel. Das Finanzloch hat sich als gähnend erwiesen: Nicht einmal alle Einnahmen aus dem Pokal werden reichen, um St. Pauli schuldenfrei zu machen. Es gibt zu viele Altlasten. Man lebt weiterhin von der Hand in den Mund am Millerntor; Handwerker stehen Schlange und verlangen Geld. Das weiß auch Bergmann, den der Vorstand lange zappeln ließ: Erst Anfang des Jahres bekam er seinen Vertrag bis 2008.

          Unbezahlbare Gänsehaut-Momente

          Bergmann hatte St. Pauli in der Serie 2003/2004 übernommen und vor einem Rekordsturz aus der Bundes- in die Oberliga bewahrt. Mit einem zusammengewürfelten Team schaffte er Platz acht in Liga drei. Es folgte Rang sieben 2005. Er machte sich verdient um den Klub, denn viele der jungen Profis entstammen dem Nachwuchs oder wurden zumindest von ihm entdeckt und gefördert - Bergmann, der aus dem Südoldenburgischen kommt und fünf Jahre beim Karlsruher SC Assistenztrainer war, leitete zunächst das Nachwuchszentrum von St. Pauli. "Ich habe den ganzen Niedergang doch miterlebt", sagt Bergmann, "die Abstiege, die Retter-T-Shirts, das Bayern-Gastspiel, die Lebensdauerkarte. So etwas schweißt zusammen, du erfährst Solidarität. Im Grunde ist St. Pauli ein geiler Verein." Dankbarkeit kann Bergmann nicht erwarten. Mit jeder Niederlage in der Rückrunde schmolz sein Ansehen im Vorstand. Nun soll der Aufstieg 2007 gelingen.

          Die Haltung seiner Profis vor dem Spiel des Jahres mußte Bergmann von Frust in Vorfreude drehen, und je näher das Spiel rückt, desto besser gelingt ihm das. "Nach dem herben Dämpfer in Jena kommt der Höhepunkt genau richtig", sagt Bergmann. "Normalerweise schießen die Bayern vier oder fünf Tore gegen uns. Das haben Bremen, Berlin und Bochum auch gedacht." Am Ende aber schlug das Herz von St. Pauli laut und vernehmlich am Millerntor. Das sind Andreas Bergmanns unbezahlbare Gänsehaut-Momente.

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