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Titelgewinn im DFB-Pokal : Dortmund und die ganz großen Gefühle

  • -Aktualisiert am

Bald ist die Karriere vorbei: Der emotionale Lukasz Piszczek wird von den Mitspielern gefeiert. Bild: AFP

Der BVB hat schwierige Zeiten hinter sich. Nun gelingt mit einem 4:1 über Leipzig im Finale der Triumph im DFB-Pokal. Dabei gibt es viele kleine mitunter rührende Dortmunder Geschichten zu erzählen.

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          Eine liebevolle Begeisterung für seine Spieler lag in der Stimme von Edin Terzic, als er im Moment des Glückes nach seinem Befinden gefragt wurde. Es mache ihn „unheimlich stolz“, wenn er sehe, „wie die Jungs sich freuen, auch die, die nicht im Kader waren“, sagte der Trainer von Borussia Dortmund nach dem 4:1 gegen RB Leipzig im Finale um den DFB-Pokal. Er war erfüllt von tiefer Freude und irgendwie auch gerührt. Wie ein Vater, der sich staunend über die ersten Schritte seines Kindes freut. Nach den routinierten Feierlichkeiten, mit denen der FC Bayern seine jüngsten nationalen Titelgewinne bejubelte, war das irgendwie erfrischend.

          DFB-Pokal

          Marco Reus, dieser besondere Spieler, dessen Weg von so viel Unglück geprägt ist, feierte den zweiten Titel seiner Karriere und sein erstes großes Finale, das er mit einer exzellenten Leistung mitgeprägt hatte. Erling Haaland und Jadon Sancho, die jeweils zwei Tore geschossen hatten, freuten sich über ihre ersten Titel in einer großen Fußballnation überhaupt.

          Der Routinier Lukas Piszczek, der seine Karriere in zehn Tagen beenden wird, weinte; das ganze Team erlebte Glücksmomente in einer Intensität, die nur möglich ist, wenn zuvor schwere Zeiten überwunden wurden. „Das hat Edin Terzic super gemacht“, sagte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Der 38 Jahre alte Fußballlehrer habe die „Mannschaft im Dezember übernommen, die war halb tot und er hat sie wirklich zum Leben erweckt. Das ist eine Riesenleistung auf seiner ersten Trainerstation.“

          „Wir waren nicht schlechter!“

          Einige Minuten zuvor hatte Terzic den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel gehoben, inmitten einer begeisterten Mannschaft, die nicht nur den eigenen Erfolg, sondern auch ihren Trainer bejubelte. „Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Sehr viele glückliche Emotionen, ganz viel Stolz“, sagte Terzic, der seit seiner Kindheit Fan des BVB ist und bis Dezember noch der wenig bekannte Assistenztrainer von Lucien Favre war. Nun hat er das Werk seines ehemaligen Chefs vollendet, der den Pokalsieg vor der Saison zu einem zentralen Saisonziel erklärt hatte. RB Leipzig und Julian Nagelsmann müssen hingegen weiter auf die ersten Titel warten.

          „Wir waren sicherlich nicht die schlechtere Mannschaft!“, sagte der künftige Trainer des FC Bayern. „Dortmund macht aus sehr wenig sehr viel und wir aus sehr viel sehr wenig.“ Diese Analyse mag zutreffen, sie blendet jedoch einen entscheidenden Teil der Wahrheit aus. Im Spielfluss waren die Leipziger in der ersten Halbzeit tatsächlich auf Augenhöhe und nach der Pause sogar besser.

          Aber Fußball ist eben ein Spiel, das in kleinen Augenblicken entschieden wird, in Situationen, in denen es nicht auf die Mannschaftsleistung ankommt, sondern auf die individuellen Fähigkeiten Einzelner. In diesem Punkt war Borussia Dortmund klar besser. „Wir haben in den entscheidenden Momenten nicht gut genug verteidigt, und das liegt auch an der Qualität vom Gegner“, sagte Leipzigs Stürmer Yussuf Poulsen.

          Vor dem 1:0 ließ Kevin Kampl sich vom äußerst schlau agierenden Reus den Ball stehlen, bevor Sancho für seinen Schuss einen Weg vorbei am zaghaften Nordi Mukiele fand (5. Minute). Den zweiten Treffer ermöglichte Dayot Upamecano mit einem eher ungeschickten Verteidigungsversuch gegen Torschütze Haaland (28.).

          Der Leipziger Innenverteidiger soll in der kommenden Saison der Abwehrchef des FC Bayern werden, in Leipzig spielt er jedoch seit Wochen eher in mäßiger Form. Eingeleitet hatte Han-Chan Hwang den Treffer mit einem fahrlässigen Ballverlust. Und bei Sanchos 3:0 (45.) und Haalands 4:1 (87.) hatte RB sich jeweils auskontern lassen.

          Die Dortmunder haben einfach die stärkeren Einzelspieler, sowohl hinten, wo Manuel Akanji derzeit eine brillante Partie nach der anderen spielt. Und vorne wo mit Reus, der an der Entstehung aller vier Treffer beteiligt war, mit Sancho und Haaland drei Fußballer unterwegs waren, die einfach besser sind, als die RB-Stürmer Hee-Chan Hwang und Alexander Sörloth. Zuletzt gewann der FC Bayern aufgrund seiner höheren Qualität im Kader so viele Titel, nun bejubelte der BVB auf genau dieser Basis den fünften DFB-Pokal-Erfolg der Klubgeschichte, der viele kleine mitunter rührende Geschichten erzählte.

          Zum Beispiel ein Kapitel über Roman Bürki, der im Saisonverlauf von der Nummer eins auf den Posten des Ersatztorwarts abstieg, und nun hervorragend als Vertreter von Marwin Hitz brillierte. Das Glück der Routiniers Reus und Piszczek gehört ebenfalls in diese Reihe der kleinen Randgeschichten dieses Abends, wie auch die Auftritte der wechselwilligen Stars Haaland und Sancho. Die Verbindung der beiden zur Borussia dürfte sich mit diesem Erfolg nochmal vertieft haben. Und Terzic wird mehr und mehr vom netten Edin, der selbst immer noch über seinen wundersamen Aufstieg staunt, zu einer Trainerpersönlichkeit.

          Als die TV-Reporter einfach nicht aufhören wollten, Fragen zu seiner Zukunft zu stellen, war er irgendwann gar nicht mehr so nett und reagierte mit der Souveränität eines lebensweisen Diplomaten. „Wir kriegen ständig auf die Fresse, wenn es nicht läuft, lasst uns doch einfach mal den Abend genießen“, sagte er.

          Genau das taten die Dortmunder, wobei Watzke darauf hinwies, dass die Mannschaft „jetzt noch die größte Leistung vollbringen“ müsse. „Sie muss am Sonntag in Mainz gewinnen“, um das für die mittelfristige Entwicklung des BVB noch wichtigere Ziel zu erreichen: die Qualifikation für die Champions League. Sollten die Dortmunder das tatsächlich schaffen, wäre diese schwierige Saison plötzlich das erfolgreichste Spieljahr seit vielen Jahren.

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