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DFB-Pokal in Trier : Dortmund jammert auf extrem hohem Niveau

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Wie hoch geht es für Dortmund und Mario Götze in dieser Saison hinaus? Bild: dpa

Die prominenten Abgänge Hummels, Gündogan und Mchitarjan schmerzen Dortmund. Die Transfers von Schürrle und Götze zeigen, welche Ansprüche der BVB dennoch hat – werfen aber auch Fragen auf.

          Als Hans-Joachim Watzke eine Woche vor dem Bundesligastart die beste Bilanz der Vereins- und Konzerngeschichte von Borussia Dortmund vorstellte, ging es nicht nur um einen Umsatzrekord. Die Zahlen, die der Vorsitzende der Geschäftsführung präsentierte, können auch als Statement gedeutet werden, aus dem sich Ansprüche für die Zukunft ableiten lassen.

          Der BVB, zweiterfolgreichster und zweitreichster deutscher Fußballklub, will weiter wachsen. Nach dem jüngsten Jahreserlös von mehr als 376 Millionen Euro streben die Borussen nun die Vierhundert-Millionen-Marke an. „Dafür ist es wichtig, dass wir im Konzert der Großen mitspielen“, sagt Watzke und fügt stolz hinzu, sportlich wie finanziell sei das Fundament des Reviervereins so stark wie noch nie in 107 Jahren Borussia Dortmund.

          Bei aller Wirtschaftskraft war die personelle Entwicklung in diesem Sommer eine Zeitlang von Skepsis begleitet gewesen. Drei Leistungsträger hatten den Verein auf eigenen Wunsch verlassen: Mats Hummels, die größte Spielerpersönlichkeit der Mannschaft, Ilkay Gündogan, der Taktgeber im Mittelfeld, und dann auch noch Henrich Mchitarjan, der sensible Lieblingsschüler des Cheftrainers Thomas Tuchel. Ein Blick auf die neuen Arbeitgeber dieser Stars macht deutlich, wo der BVB inzwischen steht.

          „Fünf oder sechs Vereine, die vor uns sind“

          Dortmund zu verlassen erscheint umworbenen Profis nur noch attraktiv, wenn ein Angebot von den Superreichen der Branche vorliegt. Watzke sieht derzeit noch „fünf oder sechs Vereine auf der Welt, die vor uns sind“, wenn es um die Kombination aus Geld und Strahlkraft ginge, die Topspieler der Wahl ihres Arbeitsplatzes zugrunde legen. Dazu gehören die beiden Spitzenklubs aus Manchester, die neuerdings Gündogan und Mchitarjan beschäftigen; der FC Chelsea, die beiden spanischen Großvereine Real Madrid und FC Barcelona, Paris St. Germain - und natürlich der FC Bayern München, der den Borussen ihren Kapitän Hummels abgeworben hat.

          Mit Blick auf die jüngsten Abgänge fühlt Watzke sich an Sisyphos erinnert. Ähnlich wie der Korinther-König aus der griechischen Mythologie müsse der BVB „immer wieder versuchen, den Stein nach oben zu rollen“, also immer wieder eine Mannschaft zusammenzustellen, die imstande ist, die Großen, besser gesagt: die noch Größeren herauszufordern.

          Viele Wechsel und Neuzugänge bringen in Tuchels Kader neue Dynamik.

          Die Abgänge mögen die Statik des Teams ein wenig ins Ruckeln bringen, aber das Aufbauwerk des ersten Dortmunder Tuchel-Jahres, getragen von einem taktischen Paradigmenwechsel, erscheint zu stabil, um gleich die Assoziation an „einstürzende Neubauten“ zu wecken. „Der Umbruch ist größer ausgefallen, als wir es geplant hatten“, sagt Sportdirektor Michael Zorc. „Der Umbruch bietet aber auch Chancen, weil er eine neue Dynamik und neue Energie in der Mannschaft hervorruft.“

          Der Trainer indes hatte ein wenig gegrummelt. Den Verkauf von Gündogan und Hummels hatte wohl auch Tuchel früh für unabwendbar gehalten; der Weggang Mchitarjans dagegen traf ihn heftiger. Tuchel sah Verein und Mannschaft sportlich in einer „riskanten Situation“. Watzke dagegen spricht von „einem ambitionierten Unterfangen“ und lässt erkennen, dass die Transferpolitik sich nicht immer allein an den Wünschen des Trainers orientieren kann.

          Neue Fachkräfte für Tuchel

          Das Management hat aber viel Geld in die Hand genommen, um ein Aufgebot zusammenzustellen, mit dem Tuchel sicher etwas anzufangen weiß. In einer Größenordung, wie sie im vergleichsweise kostenbewussten Deutschland sonst nur Branchenführer Bayern stemmen kann. Für rund 115 Millionen Euro Ablöse hat Michael Zorc acht neue, hochqualifizierte, zumindest hochbegabte Fachkräfte verpflichtet: Talente wie Emre Mor oder Raphael Gueirerro hatten beim BVB schon unterschrieben, bevor sie bei der Europameisterschaft von sich reden machten.

          Dazu kommen erfahrene Kräfte im besten Profialter wie Mittelfeldarbeiter Sebastian Rode aus München und Innenverteidiger Marc Bartra aus Barcelona, den gerade wegen seiner Vorzüge im Aufbauspiel viele als Nachfolger von Hummels sehen. Zuletzt wechselten, für rund sechzig Millionen Euro Ablöse, auch zwei Profis mit weltmeisterlichen Weihen nach Dortmund. André Schürrle kehrt nach sportlichen Irrungen und Wirrungen zurück zu dem Trainer, der ihn schon als Teenager gefördert hatte. Mario Götze versucht sein Glück nach drei titelreichen, sonst aber eher freudlosen Münchner Jahren wieder dort, wo sein Stern im Fußballkosmos einst aufgegangen ist.

          Ein noch recht ungewohntes Bild, Mats Hummels in rot spielen zu sehen.

          Der Transfer von Schürrle und Götze belegt, welche sportlichen Ansprüche Dortmund stellt, wirft aber auch Fragen auf. Wo etwa mag ein junger Genius wie der filigrane Franzose Ousmane Dembélé am besten aufgehoben sein, wenn alle Profis fit und voller Tatendrang sind? Gar nicht zu reden davon, was geschieht, wenn Marco Reus, als gebürtiger Dortmunder eine Identifikationsfigur, in die Elf zurückkehrt und vielleicht länger als sonst von langwierigen Blessuren verschont bleibt.

          Auch Shinji Kagawa, Gonzalo Castro und Christian Pulisic wollen im Spiel nach vorn etwas bewirken, ohne sich auf dem Rasen als Gelegenheitsarbeiter fühlen zu müssen. Das Gedränge, gerade im Mittelfeld, wird groß. Die Dortmunder können sich inzwischen einen gewissen Überfluss an Klassespielern leisten, wie es bei führenden europäischen Klubs üblich ist. Zumindest offensiv haben sie noch einmal zugelegt, zahlenmäßig, aber auch in der Qualität. Kein Grund also, die Sisyphosarbeit aufzugeben. „Viele andere Vereine wären froh, wenn sie so einen Kader zur Verfügung hätten“, sagt Zorc, der das Ergebnis der Neuausrichtung an diesem Montag (20.45 Uhr / Live in der ARD, bei Sky und im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET) beim DFB-Pokalspiel bei Eintracht Trier begutachten kann.

          Nach zahlreichen Irrungen und Wirrungen im In- und Ausland findet auch Schürrle den Weg zur Borussia.

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