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DFB-Nationalmannschaft : Deutsche Eiszeit in Warschau

Prüfender Blick: Bundestrainer Joachim Löw während der Auslosung in Warschau Bild: dpa

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht in der Qualifikation zur Euro 2012 vor lösbaren Aufgaben. Doch die wahren Gegner heißen nicht Türkei, Österreich, Belgien, Kasachstan, Aserbaidschan - weiter geht es im Kampf Löw-Partei kontra DFB.

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          Das Ritual verlangte, dass sich Joachim Löw zur Gruppenauslosung der EM-Qualifikation äußerte. Die Gegner der deutschen Mannschaft auf dem im September beginnenden Weg zum Turnier 2012 in Polen und der Ukraine heißen Türkei, Österreich, Belgien, Kasachstan und Aserbaidschan. Löw spulte routiniert seine Einschätzungen ab. „Deutschland und die Türkei sind die Favoriten“, sagte er, und es sei für ihn „ganz klar“, dass sich Deutschland für die EM qualifiziere. Aber im Hinterkopf hatten der Bundestrainer und die Spitzen des Deutsche Fußball-Bundes (DFB) nach den Querelen der letzten Tage vor allem, dass Löw für diese Aufgabe mitsamt seinem Stab und Manager Oliver Bierhoff dann schon gar nicht mehr zuständig sein könnte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Im Warschauer Kulturpalast machte Joachim Löw am Sonntag deutlich, dass er sich nach den Irritationen und Indiskretionen im Zuge der gescheiterten Vertragsverhandlungen nun nur noch als Projektleiter für die WM in Südafrika verstehe. Er lehnte es zudem ab, vor der Weltmeisterschaft noch einmal über eine Weiterbeschäftigung bis 2012 mit dem Verband zu verhandeln. „Ich werde keine Gespräche mehr führen“, sagte Löw, der auch nicht den Wunsch äußerte, nach der WM noch weiter für den DFB zu arbeiten. „Das muss man mal sehen, ob wir dann noch gefragt werden und ob wir auch zu Gesprächen bereit sind.“

          Der Bundestrainer nutzte in Warschau die Gelegenheit, um bei der Auslosung seine Position noch einmal im Streit mit dem DFB deutlich zu machen, während sich Präsident Zwanziger für den Tag jeden Kommentar versagte. Löw betonte, dass mit einer Vertragsverlängerung seines Teams ganz selbstverständlich Forderungen verbunden seien, um die Nationalmannschaft auch künftig weiterzuentwickeln. „Stillstand möchte ich nicht“, sagte Löw. Wenn er und sein Team nun den Eindruck gewönnen, dass sie mit ihren Forderungen nicht weiterkämen, „dann macht es wenig Sinn“.

          Gibt es ein Wiedersehen in der Qualifikation? Joachim Löw (2.v.r.) mit den Nationaltrainern Constantini (l., Österreich), Advocaat (Belgien) und Vogts (r., Aserbaidschan)

          Der Bundestrainer betonte in Warschau sehr deutlich seine Verärgerung über die Verhandlungsführung des DFB und der von ihm vermuteten Indiskretionen seines Arbeitgebers. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass mir der DFB mit dem Vertragsangebot in der vergangenen Woche ein Ultimatum gesetzt hat. Ich bin seit sechs Jahren leitender Angestellter, und wir haben mit unserem Team alles für den Erfolg der Nationalmannschaft und die Reputation des deutschen Fußballs getan. Da kann es nicht sein, dass ich ein Angebot innerhalb von 48 Stunden annehmen soll“, sagte der Bundestrainer. „Was mich persönlich irritiert, ist, dass manche Dinge an die Öffentlichkeit gekommen sind, die intern am Tisch besprochen wurden. Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen.“ Man habe in den vergangenen Tagen „insgesamt ein schlechtes Bild abgegeben“ und unnötige Diskussionen geführt. „Das stört mich ungemein.“

          „Oliver gehöt zu unserem Team“

          Der nicht nur vom DFB, sondern verstärkt auch aus der Bundesliga geforderten Trennung von Löw und Bierhoff als Verhandlungseinheit trat der Bundestrainer entschieden entgegen. Er lobte Bierhoffs Arbeit und seinen Einsatz für das Trainerteam beim DFB in Warschau ausdrücklich als „exzellent“. Zwanziger sagte am Wochenende, für ihn werde Löw auch nach einer nicht erfolgreichen WM der „erste Ansprechpartner“ bleiben. Bierhoff bezog der DFB-Präsident in diese Überlegungen nicht mit ein.

          Dem Manager wird vorgeworfen, mit seinem geforderten Vetorecht bei der Bundestrainerfrage sowie erheblichen Gehaltsforderungen inklusive Bonuszahlungen den Rahmen gesprengt zu haben. Vor dem Abflug nach Polen hatten sich Löw und Zwanziger zu einer ersten Unterredung getroffen nach der gescheiterten Vertragsverlängerung. Dabei entschuldigte sich Löw dafür, dass er mit seinen Äußerungen über einen nicht existierenden Handschlagvertrag den Eindruck erweckt hatte, Zwanziger habe bei seinen Ausführungen die Unwahrheit gesagt.

          Die Eiszeit in Warschau zwischen der Nationalmannschaftsführung und dem Verband war nach der Eskalation am Freitag dennoch offensichtlich. Zwanziger und Löw vermieden einen gemeinsamen Auftritt. Der Bundestrainer stellte sich stattdessen demonstrativ an die Seite des Managers. Löw verwahrte sich dagegen, dass in der Öffentlichkeit nun der Eindruck erweckt werde, als ob Oliver Bierhoff bei den Verhandlungen seine eigenen Interessen verfolge. „Wir agieren als Team“, sagte Löw. Sie würden „selbstverständlich“ auch weiterhin nur als Team einen Vertrag verlängern - „und Oliver gehört zu unserem Team“.

          Bierhoffs vielsagender Versprecher

          Löw, Bierhoff und die DFB-Führung versuchten am Wochenende zugleich, die Alltagsarbeit wieder in den Vordergrund zu rücken. „Wichtig ist, dass man nun eine gewisse Ruhe einkehren lässt und sich auf die WM konzentriert. Die WM ist jetzt das Allerwichtigste. Ab Montag gibt es einen Workshop mit unseren Trainern. Da geht es noch einmal um die komplette Vorbereitung, das zählt“, sagte der Bundestrainer.

          In zwei Wochen wird sich die Nationalmannschaftsführung auch mit den Vertretern der EM-Gegner 2012 treffen, um die Planungen für den Spielplan voranzutreiben. Die Gruppensieger und der beste Gruppenzweite qualifizieren sich direkt für die EM-Endrunde. Die verbleibenden Gruppenzweiten bestreiten im November 2011 die Duelle um die restlichen vier Plätze. In der ARD versprach sich Manager Bierhoff dabei auf vielsagende Weise: „Wir werden alles so überlassen, als ob wir weitermachen würden.“

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