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DFB-Kommentar : Der Ballast des Präsidenten

DFB-Präsident Theo Zwanziger hat mit seinem stets auch auf populäre Wirkung ausgerichteten Führungsstil diesen Konflikt erst möglich gemacht Bild: dpa

Der deutsche Fußball hat bei der WM einen Gegner mehr als erwartet: sich selbst. Die geplatzten Vertragsverhandlungen mit Bundestrainer Löw und Co. hinterlassen nur Verlierer. Präsident Zwanziger hat den Konflikt erst möglich gemacht.

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          Der deutsche Fußball hat bei der Weltmeisterschaft einen Gegner mehr als erwartet: sich selbst. Die geplatzten Vertragsverhandlungen mit dem Bundestrainer und dessen Stab sind der schlechteste Start in das WM-Jahr – und hinterlassen nur Verlierer. Es würde nicht überraschen, hätte Bundestrainer Joachim Löw in aller Stille für sich schon jetzt einen Schlussstrich unter das Kapitel Nationalmannschaft gezogen. Durch die formal nur verschobene Vertragsverlängerung ist für ständige Diskussionen bis zur und auch während der Weltmeisterschaft gesorgt.

          Präsident Theo Zwanziger hat mit seinem stets auch auf populäre Wirkung ausgerichteten Führungsstil diesen Konflikt erst möglich gemacht. Es wäre gar nicht notwendig gewesen, Vertragsverhandlungen vor der WM in Angriff zu nehmen. Das Abschneiden der Nationalelf in Südafrika ist ohnehin entscheidend für die Weiterbeschäftigung des Trainerteams – ob mit oder ohne neuen Vertrag.

          Aber Zwanziger wollte Ende vergangenen Jahres demonstrieren, dass der DFB in besonderer Loyalität zu seinen wichtigsten Angestellten steht. Er sagte Löw sogar eine Vertragsverlängerung bei einem Scheitern in der WM-Qualifikation zu – im Dezember verkündete er einen Vertragsabschluss per Handschlag, zu dem Löw sofort auf Abstand ging, weil entscheidende Fragen nicht geklärt waren.

          Nur Niersbach geht unbeschadet aus dem Desaster hervor

          Nun kann man sich gerade nicht, wie vom DFB behauptet, mit ganzer Kraft auf die WM-Vorbereitung konzentrieren. Löw und Co. haben zusätzlichen Ballast auf dem Weg nach Südafrika zu schultern. Loyalität gegenüber einem Bundestrainer sieht auch anders aus, als einen ungeliebten Manager mit Ecken und Kanten ins Abseits stellen zu wollen, mit dem zusammen sich Löw als Team sieht. Sollte Oliver Bierhoff mit seinem Hang, sich von der Fußballbasis zu entfernen, überhaupt noch Rückhalt beim DFB gehabt haben, ist er nun vollkommen verspielt. Nur Generalsekretär Wolfgang Niersbach, der im Gegensatz zu Zwanziger voreilige Festlegungen vermieden hat, geht weitgehend unbeschadet aus dem Desaster um das Führungspersonal hervor.

          Es drängt sich angesichts der Spannungen im Verband in den vergangenen Monaten der Eindruck auf, dass den DFB-Führungskräften verstärkt daran gelegen ist, Widerspruch aus den eigenen Reihen nicht mehr zu dulden und sich neue Loyalitäten zu schaffen. Auch Bierhoff stört dabei. Der DFB-Präsident wird wie alle das Vertragsthema und seine Folgen so schnell nicht mehr los. Sollte die Mannschaft in Südafrika die Erwartungen nicht erfüllen, werden die DFB-Präsidiumskollegen Zwanziger schon an seinen Anteil an den verpatzten Verhandlungen erinnern. Man darf sich nicht wundern, wenn dieser Tag einst als Wendepunkt in der Präsidentschaft von Theo Zwanziger angesehen werden muss.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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