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Deutschland gegen Frankreich : „Es liegt an uns, das Feuer zu entfachen“

Joachim Löw steht mit dem Nationalteam vor einem Neubeginn. Bild: dpa

Joachim Löw hält an seiner „Vision“ fest, kündigt aber vor dem Duell mit Frankreich Anpassungen an. Toni Kroos schwärmt derweil von Leroy Sané – allerdings im Konjunktiv. Und ein Problem bleibt dennoch.

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          Da hat sich was gedreht. Vor der Weltmeisterschaft wirkte die in Südtirol abgeriegelte Nationalmannschaft, als sei sie niemandem etwas schuldig, auch nicht den eigenen Fans, die sich mehr Volksnähe wünschten. Nun sagt Toni Kroos: „Wir sind in der Bringschuld.“ Die Forderung: „Wieder positive Stimmung zu erzeugen.“ Die Bühne ist bereitet, die Münchner Arena ausverkauft gegen Frankreich. Die 75.000 Zuschauer im Stadion und die Millionen an den Fernsehern können am Donnerstagabend (20.45 Uhr/ live im F.A.Z.-Länderspiel-Liveticker und ZDF) die bestmöglichen Teams des alten und des neuen Weltmeisters erwarten. Denn es geht um etwas, um das Debüt der neuen Nations League. Und speziell für das deutsche Team eben auch darum, „den Funken zu zünden und das Publikum hinter uns zu bringen“, so Bundestrainer Joachim Löw. „Es liegt an uns, dieses Feuer zu entfachen.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Schwierigkeit wird darin bestehen, den dafür nötigen Vollgasfußball zu spielen und zugleich immer einen Fuß auf der Bremse zu haben. „Offensivkraft nicht verlieren, Defensive stabilisieren“, nennt Löw die zweischneidige Aufgabe, die gerade gegen die abwehr- und konterstarken Franzosen schwierig werden könnte. Löw nennt sie „das beste Team der letzten ein, zwei Jahre“, das „völlig verdient“ Weltmeister geworden sei.

          Mit ein paar Justierungen ist es nicht getan

          Der Bundestrainer kündigte am Mittwoch in München an, dass „wir unsere Vision Ballbesitz nicht völlig eingraben werden“. Aber die Absicherung für diese „riskante Spielweise“, die Vorsorge für die Sekunden nach dem Ballverlust, die in Russland fehlte, rückt bei ihm wieder in den Mittelpunkt. „Wir müssen wieder schnell hinter den Ball kommen“, fordert Löw. Dabei sollen die beiden Außenverteidiger „nicht mehr ganz bis auf Höhe der gegnerischen Abwehr“ vorrücken – ein deutlicher Hinweis vor allem an Joshua Kimmich, der bei der WM zu oft wie ein Außenstürmer agierte und seine Abwehrseite vernachlässigte, auch vor dem Konter zum entscheidenden 0:1 gegen Mexiko. Die Außenverteidiger, so Löw, sollten weiterhin nach vorn gehen, „aber gezielter, nicht mehr in dieser Häufigkeit“. Man dürfe „das Spielfeld nicht mehr völlig öffnen“.

          „Manche Positionen“, sagte Toni Kroos im Rückblick auf die WM, „waren sehr offensiv aufgestellt, vielleicht zu offensiv im Vergleich mit anderen Nationen.“ Der Spielmacher von Real Madrid betonte zugleich, man müsse „einen anderen Fußball spielen als Frankreich“ – nämlich den Ball mehr durch präzises Kombinationsspiel vors Tor bringen. Seine Begründung: „Wir haben vorn nicht diese Spieler wie Frankreich, die aus dem Nichts oder aus ganz wenig Tore machen.“

          Toni Kroos (Zweiter von rechts) und die DFB-Spieler beim Training.

          Diese Feststellung deutete an, dass es mit ein paar Justierungen und neuer Motivation allein nicht getan sein dürfte, dass es vielmehr bei genauem Hinsehen Lücken im personellen Repertoire des Nationalteams gibt, die man vor der WM in Deutschland als gefühlter Talentproduktions-Weltmeister nicht wahrhaben wollte. „Unsere Breite ist nicht so unermesslich“, räumte Löw ein, „auf einigen Positionen haben wir nicht diese Auswahl, diese absolute Klasse.“ Er führte das als Argument für sein Festhalten an der bewährten Klasse der Weltmeister Neuer, Boateng, Hummels, Müller, Kroos an, von denen der Bundestrainer erwartet, „dass sie den Karren wieder anschieben“. Nicht mehr dazu gehört nur Mesut Özil, den Löw weiter zu einer Aussprache erreichen will, aber nicht, um ihn umzustimmen. „Die Spieler, die zurückgetreten sind“, sagte er kategorisch, „spielen auch in der Zukunft keine Rolle.“

          Einen der wenigen Spieler von potentieller Weltklasse, die er hat, ließ Löw bei der WM zu Hause. Nun ist Leroy Sané wieder dabei, steht aber unter Beobachtung, weil die Eigenmotivation, alles für das Ausschöpfen seines Talents zu tun, zuletzt auch bei Manchester City in Frage gestellt wurde. „Einen Spieler mit seinen Qualitäten haben wir so nicht, mit seiner Schnelligkeit, seinem linken Fuß – wenn er all das zeigt, wäre er für uns eine echte Waffe“, sagte Kroos bezeichnenderweise im Konjunktiv. „Manchmal wirkt Leroy von der Körpersprache her: Ob gewinnen oder verlieren, ist nicht so wichtig.“ So erscheint man schnell als Fremdkörper in einem Milieu, in dem Gewinnen alles ist.

          Nicht nur in der Spitze, auch auf der Sechser-Position hat Löw keinen Spieler von Weltklasse zur Verfügung, anders als etwa Frankreich mit dem überragenden Balleroberer N’Golo Kanté. Und anders auch als Kroos’ Klubteam Real Madrid mit dem Brasilianer Casemiro. „Es ist toll, so einen Mann hinter sich zu haben“, sagte Kroos. „Ein Typ Spieler, den wir hier nicht so haben. Aber wir können uns den ja nicht bauen.“ Man müsse das „gesamtmannschaftlich“ lösen.

          Es ist der Ruf nach dem guten alten Kollektiv, das alle Probleme löst. Löw hat bei den Spielern „positive Ungeduld“ und „Aufbruchsstimmung“ wahrgenommen. Man sei aber „nicht so naiv zu glauben, dass mit ein, zwei guten Spielen“ alles wieder erledigt sei. „Wir waren jahrelang in jedem Spiel der Favorit“, sagt Löw. Jetzt nicht mehr, nicht gegen den Weltmeister. „Wir sind in der Vorrunde ausgeschieden. Jetzt sind wir nicht mehr Favorit.“ Da hat sich was gedreht.

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