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Corona im Nationalteam : Abgetaucht in der vierten Welle

Rückzug aufs Regelwerk: Bundestrainer Hansi Flick spricht eine Impfempfehlung aus, aber Forderungen leitet er daraus nicht ab. Bild: dpa

Nach dem Corona-Einschlag beim Nationalteam fällt die Reaktion seltsam kraftlos aus. Das passt ins Bild: Der Fußball nimmt an der gesellschaftlichen Debatte kaum noch teil.

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          Nach dem folgenreichen Corona-Fall in der deutschen Nationalmannschaft, der fünf Spieler in Quarantäne zwang, trägt Hansi Flick am Mittwoch eine Maske, als er zur Pressekonferenz vor dem Länderspiel gegen Liechtenstein in Wolfsburg erscheint. Er zieht sie erst vom Gesicht, als er auf dem Podium vor dem Mikrofon angekommen ist. Dabei wäre die Maske an diesem Ort gar nicht nötig, denn in dem Raum, in dem der Bundestrainer spricht, sitzen nur Geimpfte und Genesene. Hier herrscht die 2-G-Regel, anders als in der Kabine der Nationalelf.

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          Dass der Bundestrainer vor der Öffentlichkeit trotzdem Maske trägt, kann man auch als Zeichen dafür nehmen, dass Flick in der anschwellenden vierten Welle zeigt, dass er in der Pandemie verantwortungsbewusst handelt, auch über geltende gesetzliche Bestimmungen hinaus. An seiner Haltung in der Impfdebatte hatte der Bundestrainer schon zuletzt in einem Interview mit der F.A.Z. keinen Zweifel gelassen. Wenig später kommt Thomas Müller zur Pressekonferenz, auch der wohl beliebteste Fußballspieler des Landes hatte seine Haltung in der Impfdebatte zuletzt klargemacht. Auf der Bühne sitzt nun also das „Team Impfen“, vermutlich die prominenteste Doppelspitze, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in diesem Fall aufbieten kann.

          Flick und Müller verharren im Ungefähren

          Doch die Auftritte von Flick und Müller bleiben seltsam kraftlos. Das liegt zum einen daran, dass beide keine Forderungen stellen, die über die aktuell gültigen Regelungen für ihre Branche hinausreichen. Und diese Vorsicht hat wiederum viel damit zu tun, dass der DFB und auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) an dieser Debatte nicht mehr teilnehmen. Der deutsche Fußball und seine beiden Verbände, die ansonsten gerne großen Wert auf ihre gesellschaftliche Verantwortung legen, sind in der vierten Welle abgetaucht.

          Im Vorjahr war das noch ganz anders, als die DFL zusammen mit DFB-Mannschaftsarzt Tim Meyer ein Hygienekonzept aus dem Boden stampfte, das wegweisend für den gesamten Profisport in der ersten Phase der Pandemie werden sollte. Und wenige Monate später ernteten Joshua Kimmich und Leon Goretzka viel Respekt und viele Ehrungen für ihre Initiative „We kick Corona“, sie erhielten dafür den Fair Play Preis 2020 des deutschen Sports.

          Bundestrainer Flick bei einer Pressekonferenz in Wolfsburg
          Bundestrainer Flick bei einer Pressekonferenz in Wolfsburg : Bild: dpa

          Spätestens seitdem bekannt wurde, dass sich Kimmich wegen Bedenken vor möglichen Langzeitfolgen nicht hat impfen lassen, ist der deutsche Fußball in der Corona-Debatte in die Defensive geraten. Der Bundestrainer verteidigte auch am Mittwoch seinen Mittelfeldspieler, plädierte aber ebenfalls wieder für Impfungen. „Für mich ist der einzige Weg aus der Pandemie, dass man sich impfen lässt. Das ist meine Überzeugung. Jeder hat die Verantwortung für sich, aber auch das Recht, sich der Impfung zu verweigern. Ich wünsche mir schon, dass die Spieler geimpft sind. Aber letztlich ist es ihre eigene Sache.“ Der Bundestrainer sagte aber auch, dass die aktuellen Corona- und Quarantäne-Fälle ihn nicht wirklich überrascht hätten. „Dass es bei uns in der Nationalmannschaft passiert, war fast vorauszusehen.“ Da klang auch eine gewisse Ratlosigkeit des Bundestrainers durch, in diesen Fällen mit Argumenten nicht durchzudringen.

          Auch DFB-Direktor Bierhoff zögert

          Zuletzt hatte Oke Göttlich, der Präsident von Zweitliga-Tabellenführer St. Pauli und Mitglied im DFL-Präsidium, kritisiert, dass die DFL bisher keine klare Impfempfehlung für alle Spieler und Funktionäre ausgesprochen hat. Am Wochenende war das Spiel von St. Pauli wegen zahlreicher Corona-Fälle beim Gegner Sandhausen abgesagt worden. Nun mussten nach der Infektion von Niklas Süle mit Joshua Kimmich, Serge Gnabry, Jamal Musiala und Karim Adeyemi auch vier weitere Nationalspieler in Quarantäne, nach den gängigen Regeln mutmaßlich ungeimpfte Spieler. Aber der Forderung von Göttlich nach „G-2 bei allen Akteuren im Fußball“ wollte sich am Vortag schon DFB-Direktor Oliver Bierhoff nicht anschließen. Der Bundestrainer selbst formulierte mit Blick auf mögliche Entwicklungen vage: „Ich hoffe, dass sich die Lage dahingehend ändert, dass wir solche Themen, dass wir fünf Spieler wegen Corona nach Hause schicken müssen, nicht mehr gibt. Das wünsche ich mir als Trainer. Wenn man viele Kontakte hat, wie wir, meine ich, dass man sich impfen lassen sollte.“

          Müller hatte schon vor gut zwei Wochen, als Kimmich seine bisherige Entscheidung gegen das Impfen begründete, das Problem für ihn auf den Punkt gebracht: „Die Diskussion gibt es im ganzen Land: Als Freund ist das eine absolut akzeptable Entscheidung, aber als Profi wäre es besser, sich impfen zu lassen.“ Aber derzeit, so Müller am Mittwoch, „kann ich nur mit dem umgehen, was das Regelwerk hergibt. Da müssen wir uns anpassen.“ Seine Sorge jedoch, wie es in der kalten Jahreszeit mit der Bundesliga weitergeht, wenn die Infektionszahlen weiter steigen und die Regeln sich nicht ändern, war mit Händen zu greifen. Er sei zwar nicht dafür da, Ratschläge in der Pandemie zu erteilen, aber wenn man den „Leuten zuhört, die sich auskennen, und logisch denkt, dann sieht man, dass Viruserkrankungen dann eher in Fahrt kommen als abnehmen“. Welche Konsequenzen das für die Bundesliga habe, könne er nicht sagen, „weil ich es nicht weiß“.

          Die Frage, ob er in Zukunft und mit Blick auf die WM im kommenden Jahr nur noch geimpfte Spieler in die Nationalelf berufe, ließ der Bundestrainer offen. „Das lasse ich auf mich zukommen, darüber mache ich mir nach dem Lehrgang Gedanken.“ Die entscheidende Frage für ihn sei, wie man sich in der Gruppe am besten schütze könne, jetzt und in Zukunft. Denn so viel sei sicher: „Die Pandemie wird uns noch länger begleiten.“

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