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DFB-Gegner Gibraltar : Einmal wie Brasilien spielen

Er wird im Fokus stehen: Torhüter Jordan Pérez hofft dabei auf nicht mehr als sieben Gegentore. Bild: AFP

Lehrer, Polizisten, Zollbeamte: Gibraltars Nationalteam will gegen Deutschland (20.45 Uhr) einen Erfolg. Doch nach drei deutlichen Niederlagen könnte das eher schwierig werden. Vorbild sollen nun die Gastgeber der WM sein.

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          Für das Spiel gegen Deutschland an diesem Freitag (20.45 Uhr / Live bei RTL und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) haben Thomas Kastler und Bruno Akrapovic ihren Dienst beim gibraltarischen Erstligaklub College Cosmos FC zu spät angetreten. Wenn die Nationalmannschaft des britischen Überseegebiets in Nürnberg auf den Weltmeister trifft, dann ist der Einfluss des zuvor auf Teneriffa tätigen deutschen Sportdirektors Kastler und des einst unter anderem bei Energie Cottbus und Mainz 05 spielenden Trainers Akrapovic auf den Fußball unterhalb des Affenfelsen an der Südspitze der Iberischen Halbinsel noch sehr gering.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Lediglich ihrem einzigen Nationalspieler Jamie Robba, der als Torhüter der größte Leidtragende werden könnte, haben sie Mut zusprechen können. „Ich habe unseren Torwart zwei Tage lang psychisch vorbereitet auf seine Aufgabe“, sagt Kastler. „Falls er spielen sollte, darf er sich die vielen Gegentore nicht zu sehr selbst anlasten.“ Erst vor zwei Wochen trat das Duo aus Deutschland seinen nach Worten von Akrapovic „vernünftig bezahlten“ Dienst bei dem Klub der höchsten von zwei Fußball-Ligen Gibraltars an, die ihren Namen „Eurobet Division“ einem der aus steuerlichen Gründen dort beheimateten Wettanbieter verdankt.

          Kastler und Akrapovic haben immerhin die beiden ersten Ligaspiele gewonnen. Darüber hinaus haben sie eine klare Vision. „Wir wollen uns für die Champions League qualifizieren“, sagt Kastler. Selbstredend meint er die erste Qualifikationsrunde zu diesem Wettbewerb, die weit vor dem Beginn der echten Königsklasse stattfindet und zuletzt im Duell mit dem Meister der Färöer aus Tórshavn die Endstation für den gibraltarischen Vertreter Lincoln FC war.

          Spätestens dank solcher Resultate ist klar, in welch beschränktem Rahmen die Möglichkeiten des dank eines Urteils des internationalen Sportgerichtshofs Cas im vergangenen Jahr in die europäische Fußballfamilie aufgenommenen gibraltarischen Fußballs liegen. Eigentlich. Denn Kastler und Akrapovic haben Großes vor mit einem Fußballzwerg, der bislang lediglich stolz sein darf auf Siege gegen die Färöer oder Malta sowie andere Inseln, die Gibraltar schon vor der Aufnahme in die Uefa bei den Island Games bezwungen hat. Die Neuen aus Deutschland wollen helfen, Gibraltar mindestens auf das Niveau von Luxemburg zu bringen.

          Das Fürstentum ärgert immer mal wieder große Gegner, holt regelmäßig einzelne Punkte in den Qualifikationsspielen und besiegt auch schon einmal Teams wie Nordirland. „Das ist ein realistisches Ziel“, sagt Akrapovic. Dafür sollen Kastler und er für den nationalen Fußballverband ein Scoutingsystem aufbauen, um gezielt nach abenteuerlustigen englischen oder schottischen Profis zu fahnden, die ihren andernorts unerfüllten Kindheitstraum von einer Nationalspielerkarriere erfüllen und die wenigen Talente aus dem kleinen Gemeinwesen verstärken wollen. „Es ist aufgrund der Verbindungen zu Großbritannien recht einfach, Spieler für Gibraltar spielberechtigt zu machen“, sagt Kastler.

          Schwieriger ist es indes, vollständig anzukommen in der Fußballfamilie. Der Aufnahmeantrag beim Weltverband (Fifa) wurde im September abermals abgelehnt mit Verweis auf die fehlende politische Unabhängigkeit. Nachbar Spanien, das noch immer Gebietsansprüche erhebt und einen Präzedenzfall für seine nach Autonomie strebenden Regionen Katalonien und Baskenland fürchtet, leistet beharrlich sportpolitischen Widerstand. Die Uefa verzichtete wegen der politischen Spannungen deshalb bei der Auslosung auf ein Duell der Nachbarn und schob Gibraltar in die deutsche Gruppe weiter. Abermals muss wohl der Cas nachhelfen, damit Gibraltar auch in der WM-Qualifikation antreten darf.

          Schon jetzt stehen derweil eine Handvoll Engländer für Einsätze an der Seite von gibraltarischen Lehrern, Polizisten und Zollbeamten bereit, die im Profialltag ihr Geld in unteren englischen Profiligen verdienen. Für den in Gibraltar geborenen und aufgewachsenen Jordan Perez ist deren Integration Problem und Chance zugleich. „Sie spielen mit ihrem Kick’n’Rush einen ganz anderen Stil als unser Tiki-Taka, weswegen es erst einmal schwer ist“, sagt der Torwart, der im Oktober beim 0:7 in Irland europaweit berühmt wurde, als er einen von der Latte zurückprallenden Ball versehentlich spektakulär volley ins eigene Netz drosch. Später wurde Perez sogar ausgewechselt und ist seither seinen Stammplatz los. „Andererseits können wir mit dieser Mischung vielleicht die Gegner verwirren.“

          So ganz ist das bei bislang drei deutlichen Niederlagen nicht gelungen, und deshalb klingt Perez, der zwischenzeitlich  auch von der Ersatzbank des Serienmeisters Lincoln FC zum Lokalrivalen Lions Gibraltar gewechselt ist, mittlerweile etwas weniger optimistisch als noch nach der Gruppenauslosung im Februar. „Ich möchte da nicht in der Haut eines gegnerischen Trainers wie Joachim Löw stecken, der sein Team auf unsere unkonventionelle Spielweise einstellen muss“, sagte Perez damals. Mittlerweile hat sich der 28 Jahre alte Torwart, der im Alltag passenderweise als Feuerwehrmann tätig ist und noch immer dank der Auftritte auf der EM-Qualifikationsbühne von einer späten Auslandskarriere träumt, kleinere Ziele gesetzt. „Es wäre super, wenn wir gegen Deutschland so wenige Tore bekommen wie eine Fußballgroßmacht wie Brasilien“, sagt Perez. Sieben Gegentreffer wären also ein Riesenerfolg.

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