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Gerhard Mayer-Vorfelder : Der letzte Patriarch des deutschen Fußballs

  • -Aktualisiert am

Gerhard Mayer-Vorfelder (1933 - 2015) Bild: Reuters

Gerhard Mayer-Vorfelder polarisierte als Politiker und als Sportfunktionär. Doch der deutsche Fußball hat ihm viel zu verdanken. Nach seinem Tod stimmt selbst ein Gegner von gestern ein große Loblied an.

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          Bloß keine Schwäche zeigen und schon gar nicht wehleidig werden: Gerhard Mayer-Vorfelder hat bis an sein Lebensende immer wieder gern den starken Mann gespielt. Auch wenn er manchmal nur so tat als ob. Etwa in den Vorstandssitzungen des Deutschen Fußball-Bundes, die der DFB-Ehrenpräsident auch noch zu einer Zeit besuchte, als er schon fast taub war. Er hat dann, als die Kollegen lachten, herzlich mitgelacht und den Anschein zu erwecken versucht, noch immer à jour zu sein.

          Am Montag ist der ebenso lebens- wie streitlustige Badener gestorben. In Stuttgart, wo er zuhause war, 22 Jahre als konservativer CDU-Politiker und Minister an den Kabinettstischen der Ministerpräsidenten Lothar Späth und Erwin Teufel saß und den VfB als Präsident von 1975 bis 2000 wie der letzte Patriarch des deutschen Fußballs führte. „Ich bin mit mir und meinen Mitmenschen im Reinen“, hat Mayer-Vorfelder kurz vor seinem Tod gesagt, der ihn am Montag mit 82 Jahren im Kreis seiner Familie in einem Stuttgarter Krankenhaus traf.

          Allein oder gar einsam brauchte sich Mayer-Vorfelder zeit seines Lebens nie zu fühlen. Der untersetzte Mann im vorzugsweise dunkelblauen Anzug, der den politischen Kampf wie die Auseinandersetzungen in der Arena des Fußballs liebte, polarisierte zwar immer, fand aber noch aus jeder Konfrontation mit seinem Charme und seinem notfalls auch routiniert aufleuchtenden Lächeln heraus. Auch seine Gegenspieler, von denen es viele gab, schätzten Mayer-Vorfelder, der ein Markenzeichen war ob seiner Persönlichkeit und Professionalität.

          „MV“, wie er der Einfachheit halber überall genannt wurde, vertrat zwar beinhart seine Überzeugzungen, ließ sich aber trotzdem, wo nötig, des lieben Friedens willen auf Kompromisse ein. Arroganz im Umgang mit Andersdenkenden war dem langjährigen Ligaausschussvorsitzenden und DFB-Präsidenten (2001 bis 2006) so fremd wie falsche Bescheidenheit oder jedwede Fastenattitüde.

          „Ich war immer der, der ich war“

          Der Genussmensch Mayer-Vorfelder lebte in die Vollen, wollte oder konnte als Kettenraucher von seinem Laster nicht lassen, nahm sich abends gern die Zeit für ein paar Gläsle Wein und kam dafür am nächsten Morgen zum ersten Pflichttermin schon mal ein Viertelstündchen oder noch später als verabredet. Seine kleinen menschlichen Schwächen machten den einflussreichen Funktionär eher sympathisch als unangenehm.

          Auch deshalb genoss „MV“ unter seinen Weggefährten aus der Welt des Fußballs – ob als Vereinsvormann, DFB-Präsident oder als Mitglied der Exekutive im Internationalen Fußball-Verband oder der Europäischen Fußball-Union – eine hohe Wertschätzung. Der Sohn eines Regierungsrats gab den Chef mit einem autoritären Machtwillen, das sich mit einem kumpelhaften Auftreten verband.

          Früherer DFB-Präsident : Gerhard Mayer-Vorfelder gestorben

          So überstand der gewiefte Politiker auch eine Reihe von Affären in der Politik und im Sport, weil er standfest und flexibel zugleich seine Haltung vertrat. „Ich war immer der, der ich war – mit allen guten und weniger guten Seiten“, hat Mayer-Vorfelder einmal über sich gesagt, „ich bin ein Stück stolz darauf, dass ich mich in all den Jahren nicht habe verbiegen lassen.“

          Sein Machtinstinkt hat ihn erst in den späten Jahren seiner Karriere verlassen, als der vom eigenen Glanz manchmal eine Spur geblendete Baden-Württemberger nicht merkte, dass ihm in Theo Zwanziger ein Widersacher erwuchs, der selbst nach dem Amt des DFB-Präsidenten strebte und sein Ziel dann auch nach der von Mayer-Vorfelder soeben akzeptierten zweijährigen Doppelkopflösung an der Spitze des Verbandes 2006 endlich geschafft hatte.

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