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Gerhard Mayer-Vorfelder : Der letzte Patriarch des deutschen Fußballs

  • -Aktualisiert am

„Prägende Figur des deutschen Fußballs“

Zwanziger stimmte am Dienstag das große Loblied auf den Rivalen von gestern an, als er Mayer-Vorfelder zum „eigentlichen Vater des WM-Erfolges 2014“ erhob und damit die größte Leistung des ehemaligen DFB-Präsidenten ein wenig überhöhte. Andererseits wäre der jüngste Triumph der Nationalmannschaft kaum denkbar gewesen, hätte nicht Mayer-Vorfelder nach der verkorksten EM 2000 die Jugendarbeit im Fußballbund und in den Profiklubs entscheidend vorangebracht: durch die Einrichtung von DFB-Stützpunkten und die Verpflichtung der Bundesligaklubs, zeitgemäße Nachwuchsleistungszentren zu errichten.

Wolfgang Niersbach, Zwanzigers Nachfolger als DFB-Präsident, würdigte den verstorbenen Vorvorgänger mit den Worten: „Mit Gerhard Mayer-Vorfelder geht eine prägende Figur des deutschen Fußballs. Ich habe ihn in all den Jahren immer als gradlinigen, entschlossenen und kompetenten Menschen kennengelernt, der sich mit viel Engagement für den Sport eingesetzt hat und dabei immer die Bedürfnisse der Spieler im Blick hatte.“

Diese Aufnahme aus dem Jahr 2006 zeigt Gerhard Mayer-Vorfelder in seinem Büro in Stuttgart. Bilderstrecke

Vor allem der Profis, zu denen sich „MV“ stets hingezogen fühlte. Da konnte es schon mal passieren, dass seine Stuttgarter Lieblingsspieler wie der Bulgare Krassimir Balakow Verträge zu extrem günstigen Konditionen mit dem Verein abschlossen.

Als der Präsident seinen Platz an der Spitze des Klubs nach Auseinandersetzungen mit dem zunehmend kritischen Aufsichtsrat räumte, plagten die Schwaben Verbindlichkeiten von rund dreißig Millionen Euro – ein Beleg dafür, dass der frühere Finanzminister Mayer-Vorfelder im Umgang mit dem Geld zuweilen sehr großzügig war. Andererseits feierten die Stuttgarter sportlich nie mehr Erfolge als in der Ära ihres berühmtesten Präsidenten, als sie, damals noch ein Bundesliga-Spitzenverein, 1984 und 1992 deutscher Meister wurden und 1997 den DFB-Pokal gewannen.

„My Way“ – „MV“ hat danach gelebt

Der Fußballfachmann Mayer-Vorfelder war, sportlich gesehen, beileibe nicht so ideologisch eingefärbt wie auf seinen politischen Kampfplätzen. Er war es, der den früheren VfB-Himmelsstürmer Jürgen Klinsmann aus Kalifornien heim holte und 2004 nach der missglückten EM in Portugal zum Bundestrainer machte, obwohl der mit der Absicht antrat, „jeden Stein im DFB umzudrehen“. Klinsmann inszenierte zwei Jahre später das „Sommermärchen“ bei der deutschen WM 2006 mit Platz drei für seine Mannschaft.

Dessen Nachfolger Joachim Löw hat „MV“ ebenfalls zum Cheftrainer gemacht – 1996 beim VfB. Dass Mayer-Vorfelder den Badener, der den Stuttgartern zum DFB-Pokal und zur Endspielteilnahme im Europapokalfinale der Pokalsieger 1997 verholfen hatte, 1998 feuerte, war typisch für das oft volatile Verhältnis des allmächtigen Stuttgarter Präsidenten gegenüber den von ihm im Alleingang auserwählten Trainern.

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Gerhard Mayer-Vorfelder, der nicht Tod noch Teufel fürchtete, spielte am liebsten die Rolle des starken Mannes in einer Zeit, als der Begriff Political Correctness noch nicht einmal erfunden und One-Man-Shows gefragt waren. Bei den zahlreichen Feierlichkeiten, bei denen er im Mittelpunkt stand, wurde oft sein Lieblingssong von Frank Sinatra gespielt: „My Way“. „MV“ hat danach gelebt.

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