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DFB-Team siegt 8:0 : „Das tut gut, das macht Bock auf mehr“

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Kapitän und Torwart Manuel Neuer hatte seinen Spaß. Bild: dpa

Mit einem Torfestival verabschiedet sich die deutsche Nationalelf in die Sommerpause. Der neue Schwung im jungen Team ist deutlich spürbar. Dennoch stellen sich vor der EM-Saison einige wichtige Fragen.

          Marko Arnautovic hätte wohl seine helle Freude am Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Dienstagabend gehabt. Der Österreicher, einst bei Werder Bremen, hatte am Vortag einen für seinen Geschmack zu niedrigen Sieg seines eigenen Teams in Nordmazedonien moniert: „Es hätte acht- oder neunstellig ausgehen können.“ Arnautovics Versprecher sorgte für Erheiterung. Viel Spaß hatten die Deutschen auch, selbst wenn die Zahl ihrer Treffer tatsächlich „nur“ im einstelligen Bereich blieb. Mit 8:0 besiegten sie den schwachen Gegner aus Estland in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 und verabschiedeten sich mit einem Torfestival in die Sommerpause.

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          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Es war ein sehenswerter Schlusspunkt, den die Auswahl des Deutschen Fußball Bundes (DFB) hinter eine Saison setzte, die in der Geschichte der ersten Fußball-Mannschaft des Landes ihresgleichen sucht. Selten haben zwölf Monate die Nationalelf so durchgeschüttelt. Um zu verstehen, wie sehr sich alles verändert hat, reicht ein Blick auf ein Spiel vor ziemlich genau einem Jahr. Im letzten Test vor der Weltmeisterschaft ging es gegen Saudi-Arabien. Nur noch drei Spieler von damals standen auch gegen Estland in der Startelf: Manuel Neuer, Joshua Kimmich und Marco Reus.

          Damals mühte sich die DFB-Elf zu einem 2:1-Sieg über den Außenseiter, die Stimmung war ob der Erdogan-Affäre alles andere als gut. Ilkay Gündogan wurde seinerzeit von Zuschauern laut ausgepfiffen. Zwölf Monate später wurde es auch laut, als der Mittelfeldspieler von Manchester City den Platz verließ – es war Applaus für eine starke Leistung. „Das tut gut, das macht Bock auf mehr“, sagte Gündogan glücklich. Nach dem Tiefpunkt mit dem WM-Aus in der Vorrunde, dem stockenden Umbruch und dem vermaledeiten Herbst inklusive Abstieg aus der A-Gruppe der Nations League ist die Nationalmannschaft auf dem Weg, die Liebe der Fans wieder zurückzugewinnen.

          In Mainz klappte das ziemlich gut, was nicht allein an den Toren von Reus (10. Minute und 37.), Serge Gnabry (17. und 62.), Leon Goretzka (20.), Gündogan (26., Elfmeter), Timo Werner (79.) und Leroy Sané (88.) lag. Offensichtlich stand eine Mannschaft auf dem Feld, die nicht noch kurz vor den Ferien eine lästige Pflichtaufgabe gegen einen überforderten Gegner möglichst schnell hinter sich bringen wollte. Vielmehr war die Freude am eigenen Spiel erkennbar. „Wir haben versucht, die Menschen zu begeistern“, sagte Interimstrainer Marcus Sorg, der den nach einem Sportunfall weiter fehlenden Bundestrainer Joachim Löw vertrat. „Heute haben wir das mit einem tollen Spiel erreicht.“

          Sorg erfüllt den Auftrag des abwesenden Bundestrainers mit Bravour. Zwei Spiele, zwei Siege, 10:0 Tore – viel mehr war kaum möglich. „Ich bin sehr zufrieden und auch ein wenig stolz“, sagte Sorg. „Und ich bin schon auch erleichtert.“ Die Idealausbeute von neun Punkten in der EM-Qualifikation steht nun in der Tabelle zu Buche. Im September geht es allerdings weiter mit ganz anderen Kalibern als zuletzt. Auf das Heimspiel in Hamburg gegen die Niederlande folgt die Partie in Nordirland, das die Tabelle mit bisher vier Siegen in vier (leichteren) Spielen – je zwei Mal gegen Weißrussland und Estland – anführt.

          Sorg ordnete den Stand der Dinge ziemlich genau in der Mitte zwischen WM 2018 und EM 2020 ein. „Wir sind zu Beginn einer Entwicklung und können wieder ganz nach oben kommen. Jeder Sieg hilft der Mannschaft bei der Entwicklung. Das tut uns richtig gut.“ Nach zehn Tagen mit den Spielern war selbst der sonst eher nüchtern analysierende Sorg überaus begeistert. „Die Mannschaft hält unfassbar zusammen und ist gewillt, Vollgas zu geben.“ Diese Erkenntnis ließ sich aus dem Duell mit Estland tatsächlich ziehen: Keiner steckte zurück im Offensivdrang, selbst, als das Spiel längst entschieden war.

          Wie tragfähig das Konstrukt schon ist, bleibt aber fraglich. Joshua Kimmich, einer der Jungen, die in der neuen Hierarchie einen möglich hohen Platz ergattern wollen, erinnerte an den 3:2-Sieg in den Niederlanden, als das Gerüst nach begeisternder ersten Halbzeit fast komplett eingestürzt wäre. Die Entwicklung, wenn auch mit Verzögerung, da Löw sich selbst nach dem WM-Debakel schwertat, voll auf die neue Generation zu setzen, geht in die richtige Richtung. Das findet auch Kimmich. „In der ersten Halbzeit haben wir ein Riesenspiel gemacht. Ich glaube, alle hatten Spaß, bis auf den Gegner. Wichtig ist, dass wir Lust auf Fußball haben. Jeder ist gierig. Jeder ist hungrig. Jeder will Gas geben.“

          Die spannendste Frage der neuen Saison wird sein, wer diejenigen sein werden, die die neue Lust in der Nationalmannschaft auf dem Rasen zeigen dürfen. Vor allem in der Offensive hat Löw eine große Auswahl. Reus glänzte in Mainz und ist als einer der wenigen über 30 schon aufgrund seiner Routine wichtig. Auch Gnabry und Sané haben zuletzt Pluspunkte gesammelt. Ein Thomas Müller wird nicht wirklich vermisst. Und einer wie Werner, bei der WM noch der junge Hoffnungsträger, ist im Ranking zurückgefallen. Hochtalentierter Nachwuchs wie Julian Brandt oder Kai Havertz, der am Spieltag seinen 20. Geburtstag feierte, kam gar nicht erst zum Einsatz.

          Wie groß die deutschen Abwehrkräfte im Ernstfall sind, ist ebenfalls ungewiss. Torwart Neuer ist nach seiner Verletzung wieder in Form, wie er im Pokalfinale und in den Länderspielen zeigte. Ob die Abwehr mit Niklas Süle, Matthias Ginter innen sowie Thilo Kehrer und Nico Schulz, für den Marcel Halstenberg später kam, außen schon internationalen Ansprüchen, zumal unter dem Druck eines großen Turniers, genügt, bleibt abzuwarten. Die Esten forderten sie kaum. Die neue deutsche Jugendwelle jedenfalls beginnt sich gerade erst aufzubauen. Gut möglich, dass sie in einem Jahr zur EM noch nicht ihren Höhepunkt erreichen wird. Das weiß auch Reus. „Jeder Sieg ist für uns in der Situation Gold wert. Wir wollen wieder ganz nach oben, aber das wird dauern.“ Die Zeit läuft.

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