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Probleme in Krise : Corona und der Hilferuf der Fußball-Amateure

  • -Aktualisiert am

„Keiner kann Klarheit schaffen“: DFB-Funktionär Rainer Koch Bild: dpa

Die Corona-Pandemie setzt nicht nur den Profis zu. Nun soll die Politik die Geldnot lindern. Der Verband löst die Fesseln der Paragraphen. Offenbar haben die Fußballer aus Vorgängen in anderen Sportarten gelernt.

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          Im Alltag normaler Wettkampfzeiten werden die Vorschriften und Regulierungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) oftmals als einengend und beschränkend wahrgenommen, zuletzt wurde bekanntlich intensiv über die striktere Ahndung von kritischen Reaktionen auf Schiedsrichterentscheidungen diskutiert. Nun jedoch hat der Verband umfassende Änderungen seiner Spielordnung verfügt, die von einem vollkommen anderen Geist geprägt sind. Das große Motiv hinter den Beschlüssen zum weiteren Umgang mit der ruhenden Saison im Amateur- und Freizeitfußballbetrieb ist die Befreiung aus den Fesseln der Paragraphen. Ziel der am Freitag beschlossenen Anpassungen sei die Schaffung einer „größtmöglichen Flexibilität in der aktuellen Krisensituation“ gewesen, sagt Peter Frymuth, der für den Spielbetrieb zuständige Vizepräsident des DFB. Es handle sich um einen der „weitreichendsten Eingriffe in die Spielordnung und Jugendordnung in der Geschichte des DFB“.

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          Anders als in England, wo die Saison unterhalb der sechsten Liga komplett annulliert werden soll, wurden in Deutschland Wege für fast alle denkbaren Szenarien geebnet. Die Regional- und Landesverbände können nun eigene Herangehensweisen entwickeln, der große Vorteil: Noch ist alles möglich. „Kein Arzt, keine Ärztin, kein Virologe, keine Virologin, kein Politiker und keine Politikerin“ könne in dieser Situation „Klarheit schaffen“, sagt der mächtige DFB-Funktionär Rainer Koch in seiner Funktion als Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes. „Wir müssen deshalb mit finalen Entscheidungen noch abwarten.“ Also wurden zahlreiche Beschlüsse gefasst, die die Freiheit im Umgang mit Regeln ausweiten. Zumindest vorübergehend.

          So ist für einen Zeitraum von 15 Monaten der Grundsatz aufgehoben worden, dass ein Spieljahr zum 1. Juli eines Jahres beginnt und zum 30. Juni des folgenden Jahres endet. „Das bedeutet, die laufende Saison kann, sofern nötig und kein Abbruch gewollt ist, in allen Spielklassen über den 30. Juni 2020 hinaus verlängert werden“, sagt Koch. Das Spieljahr 2020/2021 könne überdies „zu einem späteren Zeitpunkt beginnen oder notfalls sogar ganz oder teilweise entfallen“. Die Vorschriften für Spielerwechsel können an die jeweilige Vorgehensweise der Landes- und Regionalverbände in der Saison-Fortsetzungsfrage angepasst werden.

          Damit ist sogar ein Aussetzen der Partien für ein ganzes Jahr möglich, so dass im März 2021 einfach dort weitergespielt werden könnte, wo die Wettbewerbe im vergangenen Monat unterbrochen wurden. Wenn ein Verband die Saison lieber jetzt abbrechen möchte, kann er von dem Grundsatz abrücken, dass die Mannschaft mit den meisten Punkten Meister ist und der Klub mit den wenigsten Zählern Letzter wird und gegebenenfalls absteigt. Die Tabellenbilder sind derzeit ja oft sehr schief, weil Teams unterschiedlich viele Spiele absolviert haben. Alternativ könnte die Hinrundentabelle über Auf- und Abstiege entscheiden oder ein Ranking mit dem jeweiligen Punktedurchschnitt aus der oftmals unterschiedlichen Anzahl absolvierter Partien.

          Weil die Entscheidungen, die für manchen Klub, für manche Mannschaft und manchen Spieler schmerzlich werden könnten, nun an die regionalen Verbände abgegeben wurden, herrscht weiterhin eine große Unklarheit, die aber wohl leichter erträglich ist als vollendete Tatsachen. „Durch die Anpassungen der DFB-Spiel- und -Jugendordnung verfügen der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen und alle anderen Landes- und Regionalverbände über eine maximale Flexibilität. Das haben wir uns gewünscht“, sagt Manfred Schneiders, der Vizepräsident des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen.

          Offenbar haben die Fußballer aus Vorgängen in anderen Sportarten gelernt. Über den Deutschen Tischtennis-Bund ist in der vergangenen Woche ein Shitstorm hereingebrochen, weil beschlossen wurde, einfach „die Tabelle zum Zeitpunkt der jeweiligen Aussetzung der Spielzeit als Abschlusstabelle“ zu werten. Das führte zu bizarren Konstellationen, plötzlich waren Teams nur Dritter, die bislang alle Partien der Saison gewonnen haben, weil irgendein Konkurrent aufgrund von mehr absolvierten Spielen mehr Punkte hatte. Solche Szenarien will der DFB unbedingt verhindern.

          Finanzielle Schäden werden sich jedoch auch mit der flexibelsten Lösung nicht verhindern lassen. Daher fordert Koch in einem Gespräch mit der „Sportschau“ umfassende Hilfen für die rund 25.000 Fußballvereine in Deutschland, die „in ihrer Existenz gesichert“ werden müssten. Der Jurist formuliert eine „klare Aufforderung: Hier muss auch die Politik, hier müssen die Länder, hier müssen die Kommunen unterstützend eingreifen. Allein werden es viele gemeinnützige Vereine nicht schaffen zu überleben.“ Vor diesem Hintergrund wurden auch die Regeln für den Umgang mit Insolvenzen angepasst.

          In den Regionalligen wird auf den bisher vorgesehenen Abzug von neun Punkten für insolvente Vereine verzichtet, auch in den beiden höchsten Frauenligen werden nach einem Insolvenzantrag keine Punkte mehr abgezogen. Man wolle insolvente Klubs in dieser außergewöhnlichen Lage „nicht noch zusätzlich mit dem Verlust von neun Punkten bestrafen“, sagt Frymuth. In Spielklassen unterhalb der Regionalliga der Männer und der zweiten Frauen-Bundesliga wurde die klassenhöchste Mannschaft im Insolvenzfall bisher automatisch ans Ende der Tabelle gesetzt, auch hier können die Regional- und Landesverbände nun kulanter agieren.

          Es ist ein hochkomplexes Vorgehen, für das der deutsche Fußball sich entschieden hat, wobei auch die vermeintlich einfache Lösung der Engländer mit ihrer Annullierung der Saison nicht so komplikationsfrei ist, wie die Funktionäre sich das vorgestellt haben. Mehr als 150 Klubs haben sich einer Initiative angeschlossen, die am Freitag einen neunseitigen Brief an die FA schickte, um auf andere Lösungen hinzuwirken. Tatsächlich hat der Verband nun angekündigt, seinen Annullierungsbeschluss in der kommenden Woche noch einmal zu überdenken.

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