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DFB-Bundestag : Offensive für den Amateurfußball

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Niersbach bleibt Präsident: „Ich verspüre mehr Lust als Last, viel mehr Freude als manchmal Frust“ Bild: dpa

Der wiedergewählte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach kündigt ein Programm gegen den Schwund ehrenamtlicher Mitarbeiter und jugendlicher Kicker an.

          3 Min.

          Dem kleinsten Verein im hintersten Winkel der Republik will der große Deutsche Fußball-Bund (DFB) wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Das zumindest beteuerten beim DFB-Bundestag in Nürnberg die Spitzenfunktionäre. Und so ist auch sein Präsident Wolfgang Niersbach zu verstehen, der am Freitag von den Delegierten einstimmig für weitere drei Jahre in der Topposition bestätigt wurde. „Der Amateurfußball verdient größere Wertschätzung. Hier wollen wir besser werden“, sagte Niersbach und kündigte eine breite Welle der Unterstützung an. Zwar steht der größte Sportfachverband der Welt mit 6,8 Millionen Mitgliedern gut da, doch gibt es die Befürchtung, dass durch die demographische Entwicklung in Kombination mit einem massiv zurückgehenden Interesse an ehrenamtlichen Funktionen in den Vereinen wichtige Strukturen an der Basis wegbrechen. Niersbach nannte das Beispiel in der Altersgruppe zwischen den zehn- und vierzehnjährigen Kickern, in der zuletzt 4000 Mannschaften aus Mangel an Jugendlichen nicht mehr gebildet werden konnten. „Wir müssen wieder die Begeisterung wecken“, forderte Niersbach in einer engagierten und in Teilen auch kämpferischen Rede vor den Delegierten.

          Der 62 Jahre alte wiedergewählte DFB-Präsident hob diese Problematik besonders hervor und verband sie eng mit seiner Präsidentschaft. Der Bundestag in Nürnberg soll Startschuss sein für eine Offensive zur Förderung des Amateurfußballs, die auch wirklich an der Basis ankommt. Der neue, für die Amateure zuständige erste DFB-Vizepräsident Rainer Koch (Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes) betonte, dass sich der Verband hier „moderner und flexibler“ aufstellen und auch Nischen wie Beachsoccer oder Futsal entwickeln müsse. „Die Attraktivität des Fußballs darf nicht unter den negativen Folgen der demographischen Entwicklung leiden. Irgendwann könnte das Problem in den Kurven der Bundesligastadien landen.“

          Sein Vorgänger Hermann Korfmacher (Präsident des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes) wies vor dem Plenum darauf hin, dass es im Jahr 2007 schon mal eine Aktion gegeben habe, die jedoch ins Leere lief. Korfmacher nahm die Profiklubs in die Pflicht, sich mehr zu engagieren. „Es wird bei den Bundesligavereinen viel über soziale Verantwortung gesprochen. Das beste Programm für jeden Klub ist die Förderung des Amateurfußballs in seiner Region. Jeder Euro, der hier investiert wird, ist sehr gut angelegt“, appellierte Korfmacher an die Profivertreter. Ligapräsident Reinhard Rauball war ihm da schon zuvorgekommen. „Die ehrenamtliche Arbeit ist die Grundlage für die Spitze“, sagte Rauball, der seine Erfahrungen als Jugendleiter in jungen Jahren beim Klub Eintracht Dortmund anführte. „Manchmal ist es einfacher, in der Bundesliga mit Millionenetats Entscheidungen zu fällen als im Amateurfußball mit kleinen Budgets zu arbeiten“, sagte Rauball, heute auch Präsident von Borussia Dortmund.

          Nun müssen die konkreten Inhalte folgen

          Der Schwund gerade beim Ehrenamt betrifft den gesamten Sport. Bei Umfragen geben fast die Hälfte aller Sportvereine in Deutschland an, größte Probleme bei der Gewinnung und Einbindung ehrenamtlicher Helfer zu haben. Das ist ein besorgniserregender Trend. Doch viele Vorhaben der Verbände, dem entgegenzuwirken, griffen bisher nicht. Auch handelte es sich oftmals nur um Lippenbekenntnisse der Funktionäre. Der DFB wird von 1,7 Millionen ehrenamtlichen Helfern getragen, darunter sind 76 000 Schiedsrichter. Die Wertschöpfung aus ehrenamtlicher Arbeit wird vom Verband mit 1,8 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Der neue DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel, der auf Horst R. Schmidt folgte, stellte fest, dass zukünftig weniger Menschen im Ehrenamt mehr Aufgaben zu erledigen hätten. Dies erfordere Investitionen durch den DFB. Grindel ist CDU-Bundestagsabgeordneter und erster Vizepräsident des Niedersächsischen Fußball-Verbandes. Eine neue Imagekampagne zur Förderung des Amateurfußballs für 2,5 Millionen Euro ist schon aufgelegt worden – doch nun müssen die konkreten Inhalte folgen.

          Die Fußballfunktionäre formulierten auch Erwartungen an den Staat. „Die Politik ist ebenfalls in der Verantwortung und darf das Ehrenamt in unseren Vereinen nicht durch unsinnige bürokratische Richtlinien erschweren. Da bleiben wir am Ball“, kündigte Niersbach an. Es geht vor allem um Freibeträge, steuerliche Erleichterungen für ehrenamtliche Arbeit. Manche Experten fordern sogar einen Renten-Bonus für Helfer in den Vereinen. Bei der Eröffnung des DFB-Bundestages am Donnerstag zeigte sich Niersbach offenbar irritiert, dass der für den Sport in Deutschland zuständige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) der Einladung nach Nürnberg nicht nachkam. „Er hat andere Termine in Berlin. Das müssen wir verstehen oder nicht“, sagte Niersbach. Ligapräsident Rauball sagte an die Adresse der Politik: „Wir als Liga werden den Amateurfußball unterstützen und erwarten das auch vom Gesetzgeber. Sonst steht der schöne Sport bald still.“

          Die Qatar-Frage belastet den Fußball

          Weil die Diskussion um die umstrittene WM 2022 in Qatar durch die bevorstehende Verlegung in den Winter so viele in der Fußballwelt bewegt, passte das Thema auch irgendwie zu den deutschen Amateurkickern. Die wollen nach Aussage ihres Vertreters Koch im DFB-Präsidium Anfang nächsten Jahres eine Position zum Terminwechsel vom Sommer in den Winter ausarbeiten. „Die ganze Frage belastet den Fußball. Aber der Winter ist alternativlos“, sagte Niersbach. Er versprach auch, dass der DFB im Zusammenhang mit der menschenunwürdigen Situation ausländischer Arbeiter auf manch einer Baustelle im WM-Land Qatar nicht die Augen verschließen werde. Dafür stünde er in engem Kontakt mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Ligapräsident Rauball unterstützte Niersbach und sagte: „Es ist mehr als ärgerlich, dass wir als Liga der Reparaturbetrieb für eine falsche Entscheidung sind. Eine WM darf nicht auf einem System aufgebaut sein, bei dem die Menschenrechte nicht gewahrt sind.“

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