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Probleme im deutschen Fußball : Erstaunliche Harmonie beim DFB-Bundestag

Bundestrainer und Ehrenspielführer: Joachim Löw und Philipp Lahm. Bild: dpa

Der Fußball in Deutschland und der DFB geben in der Öffentlichkeit ein fragwürdiges Bild ab. Damit soll nun Schluss sein. Die Botschaft kommt an auf dem DFB-Bundestag. Drei wichtige Punkte werden beschlossen.

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          Es gibt glückliche Fügungen in schwierigen Zeiten. Am Freitag spielte Philipp Lahm einen besonderen Pass im Spiel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) während dessen Außerordentlichen Bundestages in Frankfurt. Nach 113 Länderspielen, nach zwei WM-Halbfinal-Teilnahmen und dem WM-Sieg 2014 als Kapitän der deutschen Auswahl nahm der Privatier nicht nur die Akklamation zum sechsten Ehrenspielführer des Nationalteams „geehrt“ an. Lahm erzählte nach einer Laudatio des bewegten, fast wehmütigen Bundestrainers Joachim Löw auch, was ihn auf den Plätzen dieser Welt von der Knirps-Liga bis zur Weltspitze über einer Dekade geleitet habe: Die „Regeln einzuhalten“, der „Respekt“ vor Gegnern, das „Wir“ im Team. Da erhoben sich die Delegierten von ihren Plätzen und spendeten den längsten Applaus des Tages. Lahms Danksagung wirkte wie fein abgestimmt auf das inoffizielle Motto der Versammlung im Saal „Harmonie“ des Frankfurter Congress-Zentrums: Das Ringen um die Einheit des Fußballs.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Reden der ersten eineinhalb Stunden durchzog eine geradezu flehentliches Bitten um das Ende von „ärgerlichen“ Diskussionen, um das Verlassen von „Nebenkriegsschauplätzen“ und um die Befreiung von „absurden Behauptungen“. Ob DFB-Präsident Reinhard Grindel, ob Reinhard Rauball als Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL) oder der DFB-Vizepräsident für den Amateur-Fußball, Rainer Koch: Alle drei führten vor Augen, welche Streitigkeiten das Haus des Fußballs heimsuchten und ein fragwürdiges Bild in der Öffentlichkeit zeichneten. Grindel warb für die rund 150 Millionen Euro teure Fußball-Akademie als gemeinsames Heim aller und nicht als Luxuseinrichtung der Profis. Er sprach von den Versuchen, einen „Ost-West-Konflikt“ bei der Diskussion um die Aufstiegsregelung der Regionalliga zu inszenieren und geißelte die Stimmen, die „uns eine Krise des Schiedsrichterwesen“ einreden wollen: „Wir haben die Besten der Welt.“

          Rauball kritisierte die Verbreitung von „Halbwahrheiten weniger Protagonisten“ aus dem Amateurlager, die behaupteten, die DFL habe sie beim Grundlagen-Vertrag mit dem DFB, „ausgetrickst“. Koch appellierte an die Delegierten, den „selbsternannten Retter des Amateurfußballs“, die sich „unverantwortlich gebärdeten“, entgegenzutreten. Die Behauptung, die Amateure finanzierten die Landesverbände mit 35 Millionen Euro jährlich, sei absurd – DFB und DFL subventionierten die Amateure. Von 2019 an steige der Beitrag von neun auf 13 Millionen Euro. Haltlos, absurd, egoistisch, spalterisch: „Wir haben“, sagte ein Bundesliga-Manager, „heftigen Harmoniebedarf.“

          Die Botschaft kam an. Als die Finanzierungserweiterung des Fußball-Akademie auf 150 Millionen Euro, das „Jahrhundertprojekt“ (Grindel), zur Wahl stand, gab es keine einzige Gegenstimme aus dem Kreis der 259 anwesenden Stimmberechtigten. Sie beschlossen die größte Investition in der Geschichte des DFB. Der Dachverband will erstmals Verwaltung und Sport vereinen, einen weltweiten einzigartigen Innovations-Maßstab setzen. Grindel drückte aufs Tempo: „Es wäre ein wunderbares Symbol, wenn wir kurz vor der Abreise unserer Nationalmannschaft zur WM den Spatenstich für die Zukunft des DFB setzen könnten. Und ich meine damit die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr, und nicht die 2022 in Katar.“

          Auch am heftig angegriffenen Grundlagenvertrag wollte niemand mehr rütteln. Gegenrede? Nicht eine Wortmeldung vor der Bestätigung des Beschlusses von 2016. „Die echten, wahren Amateure haben entschieden“, sagte Grindel triumphierend. Der Grundlagenvertrag regelt Rechte wie Pflichten und damit auch die Geldflüsse zwischen DFB und DFL. Als besonderer Kern gilt die Bereitschaft der Bundesligaklubs, ihre Nationalspieler auch für die Werbeaktionen des DFB freizustellen. Ein Bayern-Profi könnte also trotz der Bindung des Rekordmeisters an Audi in einem DFB-Werbefilm mit Mercedes-Benz auftreten: „Nur so sind die Vermarktungserlöse für den DFB mit der A-Nationalmannschaft möglich“, sagte DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge, „das ist der wirtschaftliche Motor, eine Sicherung zur wirtschaftlichen Stabilität des deutschen Fußballs.“ Derzeit erwirtschaftet der DFB nach eigener Angabe mit der A-Mannschaft knapp 153 Millionen Euro im Jahr.

          Nicht mal die ohne Enttäuschungen unlösbare Aufstiegsregelung der Regionalligen führte zu einer öffentlichen Diskussion. Nur elf Delegierte stimmten gegen einen Übergangs-Modus, 28 enthielten sich. Demnach wird es in den nächsten beiden Spielzeiten vier Aufsteiger aus den fünf Ligen in die 3. Liga geben. Der Meister der Regionalliga Südwest erhält ein direktes Aufstiegsrecht. Nur in der kommenden Saison gilt das auch für den Meister der Regionalliga Nordost. Der dritte direkte Aufstiegsplatz wird per Los zugespielt. Die beiden übrigen Ligen ermitteln den vierten Aufsteiger in Relegationsspielen. Sie erhalten dann in der folgenden Saison je einen Aufstiegsplatz. Beim Bundestag 2019 soll eine Reduzierung der Regional-Ligen auf vier beschlossen werden.

          Komplexe Nebensächlichkeiten? Der Streit um die Regionalliga hat die DFB-Führung nicht nur in den vergangenen Tagen mehr Aufmerksamkeit, Kraft gekostet und Luft genommen als jedes andere Thema. Etwa die Vorbereitung auf die Herausforderungen der Zukunft, die Rauball skizzierte: Wie reagiert der Fußball auf den demographischen Wandel, auf die Veränderung des Freizeiterhaltens, die Individualisierung der Gesellschaft oder – ganz naheliegend – auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Vereine?

          Grindel gab als Ziel die Wiederholung des WM-Sieges aus, bevor Lahm das Zuspiel der Delegierten aufnahm und elegant verwandelte in ein offensives Dribbling. Er freue sich darauf, das „Gesicht“ der Bewerbung für die Europameisterschaft 2024 sein zu dürfen. Das Gesicht eines DFB, der sich an Leib, Gliedern und vor allem Geist erneuert haben will zum Einzug in die Akademie 2021. Um endlich die immer noch nicht abgeschlossene Affäre um die WM 2006 hinter sich lassen zu können. Die Schlüsselworte dazu sprach der neue Ehrenspielführer aus: „Es geht mir um Glaubwürdigkeit, (...) dass alle Transparenz und Offenheit vorleben.“

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