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DFB-Besuch in Auschwitz : „Zeichen von Verantwortung“

Das Eingangstor zur Gedenkstätte Auschwitz Bild: AFP

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, schlägt vor, dass die Nationalelf während der Fußball-EM die Gedenkstätte Auschwitz besucht. In DFB-Kreisen kommt der öffentliche Aufruf dem Vernehmen nach nicht gut an.

          Muss die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft nicht nur zu Fußballspielen gegen Dänemark, Niederlande und Portugal antreten, sondern auch zum Gedenken in Auschwitz? Wenn es nach Dieter Graumann geht, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, versteht sich das von selbst, alles andere wäre für ihn „undenkbar“.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Graumann hat sich in diesen Tagen vom Deutschen Fußball-Bund nicht im direkten Gespräch, aber über das Sportboulevardblatt „Sport-Bild“ gewünscht, dass sich die Spieler von Joachim Löw bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine auch ihrer geschichtlichen Verantwortung stellen.

          Er schlug vor, dass sie dafür das einstige Vernichtungslager Auschwitz besuchen oder zum Denkmal für die ermordeten Juden nach Babi Jar in der Nähe Kiews kommen, wo die Wehrmacht während der Besatzungszeit im September 1941 ein Massaker anrichtete.

          „Die Nationalspieler sind ja Vorbilder - vor allem für die junge Generation“, sagte Graumann. „Da wäre es ein Zeichen, das in der Welt sehr wohl wahrgenommen würde, wenn diese jungen Leute zeigten: Wir nehmen auch ein Stück Verantwortung auf unsere Schultern.“

          „Natürlich greifen wir die Holocaust-Thematik auf“

          Man kann sich die weltweite Wirkung eines Besuchs von Mannschaftskapitän Philipp Lahm und seinen Kollegen in einer Gedenkstätte in Polen oder der Ukraine gut vorstellen. Die Bilder von den deutschen Nationalspielern in einem ehemaligen Vernichtungslager der Nationalsozialisten würden um die Welt gehen und für eine ganz spezielle Aufmerksamkeit auch in Ländern sorgen, die mit einer Fußball-Europameisterschaft nicht viel anfangen können.

          Der Wunsch Graumanns aber kommt beim DFB eher wie eine Forderung an, die Führung der Nationalmannschaft reagiert aufgeschreckt. Manager Oliver Bierhoff erklärte am Donnerstag gegenüber der „Frankfurter Rundschau“, man habe für das Turnier einen Besuch in Auschwitz in Erwägung gezogen. „Natürlich greifen wir die Holocaust-Thematik mit den Spielern auf. In welcher Form, haben wir noch nicht abschließend entschieden“, sagte der Manager.

          „Davon, dass ich den DFB unter Druck setze, kann gar keine Rede sein. Ich bin ein Fußballfan und habe einen Wunsch geäußert“: Dieter Graumann

          In der Teamführung hält man einen Besuch der Mannschaft in Auschwitz oder in Babi Jar aus organisatorischen Gründen offenbar für schwierig - und hat davon erst einmal Abstand genommen. Der Nationalmannschaft fällt es angesichts des engen Terminplans bei großen Turnieren schon nicht leicht, ein öffentliches Training einzurichten.

          Eine Tagesreise in das vom Mannschaftsquartier an der Ostsee rund sechshundert Kilometer entfernte Auschwitz auf dem Weg zu ihrem großen sportlichen Ziel erschien der sportlichen Leitung daher erst einmal abwegig. Aber Terminschwierigkeiten wegen notwendiger Trainingseinheiten gegen einen Besuch von Auschwitz anzuführen ist natürlich auch nicht so einfach.

          In Auschwitz wurde Nationalspieler Julius Hirsch umgebracht

          Nach dem derzeitigen Stand läuft es darauf hinaus, dass die Spieler in ihrem Basisquartier in der Nähe von Danzig sich an einem Abend mit der Thematik des Holocausts und den Verbrechen der Deutschen in Polen und der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen, womöglich im Gespräch mit Zeitzeugen.

          Eine Delegation des DFB könnte dann nach Auschwitz fahren, dort, wo auch der jüdische Nationalspieler Julius Hirsch umgebracht wurde, zu dessen Gedenken der DFB einen Preis für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit gestiftet hat.

          „Natürlich greifen wir die Holocaust-Thematik mit den Spielern auf. In welcher Form, haben wir noch nicht abschließend entschieden“: Oliver Bierhoff

          Graumann sagte, er halte es „als Deutscher wie als Jude für ein fatales Zeichen“, wenn zum Beispiel die englische Nationalmannschaft das frühere Vernichtungslager Auschwitz besuche, das deutsche Team aber diesem Ort fernbleibe.

          Die englische Mannschaft, die siebzig Kilometer entfernt von Auschwitz in Krakau Quartier beziehen wird, hat einen Besuch angekündigt. „Es gibt eben nicht nur Jürgen Klinsmann und Uwe Seeler, es gab auch Goebbels und Göring“, sagte Graumann. Ihm gehe es um das Signal dieses Besuchs.

          Seit Jahren bezieht die Nationalelf gesellschaftlich Stellung

          In DFB-Kreisen kommt es dem Vernehmen nach nicht besonders gut an, dass man nun öffentlich zum Gedenken aufgerufen werde. Die Nationalmannschaft, die nach der Weltmeisterschaft in Südafrika mit dem Silbernen Lorbeerblatt nicht zuletzt wegen ihrer Verdienste um die Integration ausgezeichnet wurde, bezieht seit vielen Jahren immer wieder gesellschaftlich Stellung: gegen Rassismus, gegen Gewalt, gegen Homophobie, für Toleranz und Integration.

          Man könne doch nicht behaupten, dass eine Mannschaft, die sich stets für gesellschaftliche Belange engagiere, ausgerechnet für den Holocaust blind sei, man wolle sich aber das Gedenken nicht vorschreiben lassen. Im Herbst wollte eine Delegation beim geplanten Länderspiel in Warschau einen Kranz zum Gedenken an die Liquidierung des Gettos niederlegen, aber die Partie wurde nach Danzig verlegt.

          Muss die deutsche Nationalmannschaft bei der EM nicht nur zu Fußballspielen antreten, sondern auch zum Gedenken in Auschwitz?

          „Davon, dass ich den DFB unter Druck setze, kann gar keine Rede sein. Ich bin ein Fußballfan und habe einen Wunsch geäußert“, sagte Graumann in der „Frankfurter Rundschau“. Und Wünsche dürfe man doch haben.

          Er verband seinen Wunsch aber auch mit dem Hinweis, dass die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine für den neuen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach eine „wunderbare Gelegenheit“ sei, „Sensibilität zu zeigen“. Dieses Thema, so darf man annehmen, wird den Nachfolger von Theo Zwanziger und die Nationalelf noch begleiten.

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