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Fußball-Nationalmannschaft : Deutschlands Sprung ins ziemlich kalte Wasser

Zwei der jungen Hoffnungsträger der DFB-Elf: Leon Goretzka (links) und Joshua Kimmich sollen Deutschlands Fußball in die Zukunft führen. Bild: dpa

Die nun junge deutsche Mannschaft steht vor der ersten Bewährungsprobe: Zum Auftakt der EM-Qualifikation wartet ein niederländisches Team, das den Umbruch bereits hinter sich hat. Dabei steht viel auf dem Spiel.

          Bevor es weiterging auf ihrer Dienstreise, gab es noch ein wenig Anschauungsunterricht. Volkswagen, der neue Hauptsponsor, lud die Nationalmannschaft in sein Hauptwerk ein. Der Autokonzern, der sich durch eigenes Verschulden in die Bredouille brachte, möchte durch den Werbe-Deal mit dem DFB-Team Sympathiepunkte bei der Kundschaft zurückgewinnen. Dazu gehören Bilder wie am Freitag vom Besuch der Fußballprofis am Fließband. Sportliche Erfolge, die noch mehr Strahlkraft besitzen und auf die beide Seiten bei ihrer millionenschweren Liaison abzielen, müssen sich erst noch einstellen.

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          Jogi Löw und die Spieler, die bei der Stippvisite erfuhren, welches Konzept ihr Geldgeber verfolgt, um wieder um die Position des Branchenführers mitspielen zu können, kämpfen auf ihrem Feld gleichermaßen um verlorenes Terrain: Der Weltmeister von 2014 hat auf den Tag genau vor neun Monaten seine letzte Pflichtpartie siegreich bestritten (beim 2:1 gegen Schweden in der WM-Vorrunde) – und ist seitdem im internationalen Ranking auf den 16. Rang zurückgefallen.

          Auch im Test gegen Serbien am Mittwoch (1:1) blieb die Trendwende aus. Die Pfiffe des Publikums in Wolfsburg zur Halbzeit verdeutlichten den wachsenden Unmut der Anhänger nach dem Desaster in Russland und der Enttäuschung in der Nations League. „Wir müssen uns wieder Kredit erspielen“, forderte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Sowohl das Ergebnis als auch die Begleitumstände, unter denen das Remis zustande kam, waren allerdings nicht dazu angetan, der nun bevorstehenden EM-Qualifikation mit überschwänglichem Optimismus entgegenzublicken. Am Sonntag kommt es in Amsterdam zum Duell mit den Niederlanden (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur EM-Qualifikation und bei RTL). Anders als der große Nachbar strotzt das holländische Team gerade vor Selbstbewusstsein. „Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir nicht der Favorit“, sagte Bierhoff. Die Oranje-Auswahl besiegte am Donnerstag zum Auftakt der Ausscheidungsrunde zur Europameisterschaft 2020 Weißrussland 4:0, parallel setzte sich Nordirland 2:0 gegen Estland durch.

          Ansätze von dem, was sich Löw ausgedacht hat, um das deutsche Team zu revitalisieren, das zuletzt in seiner Verantwortung in die Mittelmäßigkeit abrutschte, waren beim Start ins Länderspieljahr erkennbar – es ging vor allem mit mehr Tempo zur Sache. Viele Szenen machten gleichwohl deutlich, dass zwischen dem Wunsch des Bundestrainers nach Variabilität im Angriff (bei gleichzeitiger defensiver Stabilität) und der Wirklichkeit eine Lücke klafft. In Amsterdam erwartet seine Leute nun ein Widersacher, der vor ausverkauftem Haus keinen Versuch unversucht lassen wird, die Deutschen aufs Neue zu piesacken.

          Im Oktober, beim letzten Auftritt in der Johan-Cruyff-Arena, wurden dem DFB-Team die Mängel im System bei der 0:3-Niederlage schonungslos vor Augen geführt. Anschließend lehnte es Löw zunächst ab, sich in Sach- und Personalfragen umzuorientieren, doch mit langer zeitlicher Verzögerung verabschiedet er sich dann doch von alten Denkmustern. Anfang März verkündete er die plötzliche Ausbootung von Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels. Ein Schritt, der die ohnehin kritische Grundstimmung gegenüber dem Bundestrainer aber schürte. Sollte auch das Wiedersehen mit den Niederländern keinen Fortschritt bringen, würde der Druck auf Löw weiter zunehmen.

          Leon Goretzka, der mit seinem Treffer dazu beitrug, den drohenden Fehlschlag gegen Serbien abzuwenden, ließ erkennen, dass ihm die Komplexität der Ausgangslage bewusst ist. „Man hat viele Gesichter gesehen, mit denen ich in der U21 zusammen gespielt habe. Es liegt an uns zu zeigen, dass wir hier zu Recht sind“, kommentierte der Münchner den mit Schönheitsfehlern behafteten Neuanfang. Gegen die Südosteuropäer geriet die Abwehrzentrale mit Jonathan Tah an der Seite von Niklas Süle in Schwierigkeiten, sobald sich Stürmer mit Geschwindigkeit näherten. Zudem fiel die Abschlussschwäche von Leroy Sané und Timo Werner negativ ins Gewicht. Goretzka deutete an, wie die Deutschen den Niederländern beikommen möchten: „Sie stehen mit ihrer letzten Kette relativ hoch, da gibt es oft Räume“, sagte der 24-Jährige, für den es deswegen besonders aufs „richtige Timing“ im Passspiel ankommt. In Amsterdam dürfte Löw keine Aufstellungsexperimente wagen: Toni Kroos, Antonio Rüdiger und Marco Reus werden als Stabilisatoren in der Startformation zurückerwartet.

          Um sich in der Gruppe C direkt für die EM zu qualifizieren, muss Deutschland Erster oder Zweiter werden; wobei es nützlich wäre, die Kampagne als Spitzenreiter zu beschließen. Das brächte den Vorteil mit sich, bei der Los-Zeremonie am 30. November in Bukarest im Topf der Top-Mannschaften zu landen, die dann beim Pan-Europa-Turnier im Sommer 2020 nicht zu früh aufeinandertreffen werden. Auch dadurch erhöht sich die Brisanz der Begegnung mit den Niederländern. Goretzka sagte, er sei „entsprechend motiviert“.

          Dem in Bochum aufgewachsenen Neu-Münchner ist seit Kindertagen und vielen Familienurlauben die „große Rivalität“ zwischen den beiden ewigen Konkurrenten ein Begriff: „Es wird ein heißes Spiel.“ Bei seinem Kollegen Reus klang das ganz ähnlich: „Es kommt eine große Qualität auf uns zu. Wir müssen Gier an den Tag legen“, sagte der Dortmunder, der den Niederländern bescheinigte, dass sie es „früh verstanden haben“, wie der Umbau der Elftal voranzutreiben ist. Sie verfügten über talentierte junge Spieler, ergänzt um die Erfahrung gereifter Routiniers, „das ist eine sehr gute Mischung“, lobte der 29-Jährige. Der Nachweis, dass auch die aktuelle Komposition, die sich Löw zusammengestellt hat, höheren Ansprüchen genügt, steht noch aus.

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