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Remis gegen Argentinien : Deutschland bricht ein

  • -Aktualisiert am

Konnte das Unentschieden nicht abwenden: Bundestrainer Joachim Löw in Dortmund Bild: dpa

Ohne zahlreiche Stammkräfte zeigt die Nationalmannschaft zwei Gesichter. Nach einer furiosen ersten Hälfte zahlt das Team am Ende Lehrgeld. Dennoch wird deutlich, wie die Zukunft des deutschen Fußballs aussehen könnte.

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          Die Choreographie der Fans auf der berühmten Südtribüne weckte noch einmal längst verblasste Gefühle, als mit einer gigantischen Silhouette des wie bei seinem berühmten Torschuss quer in der Luft liegenden Mario Götze an den WM-Sieg von 2014 erinnert wurde. Diese Reminiszenz an den Helden von einst war ganz hübsch, zu dem unterhaltsamen, am Ende aber ziemlich ärgerlichen 2:2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien, das die Zuschauer anschließend zu sehen bekamen, passte dieser Rückblick allerdings nicht besonders gut.

          Fußball-Länderspiele

          Denn während des zumindest eine Stunde lang starken Auftritts des improvisierten Teams drehte sich alles um die Zukunft. Die Freiburger Luca Waldschmidt und Robin Koch, der Leverkusener Nadiem Amiri und der Schalker Suat Serdar kamen zu ihren Länderspieldebüts, Kai Havertz schoss seinen ersten Länderspieltreffer, und der brillante Serge Gnabry erzielte sein zehntes Tor im elften Länderspiel. Am Ende konnte Joachim Löw wahrscheinlich mehr mitnehmen von diesem Abend, als er zuvor erwartet hatte, auch wenn seine Mannschaft in der Schlussphase einen merkwürdigen Einbruch erlebte.

          Aber vielleicht hatte der Bundestrainer so etwas befürchtet, nachdem insgesamt 13 Spieler ausgefallen waren. „Die Gesamtlage ist natürlich sehr angespannt und auch sehr unerfreulich“, hatte er vor der Partie gesagt, dabei hat er schon mehrmals gute Erfahrungen gemacht, wenn die Umstände ihn dazu zwangen, frische, junge Spieler auszuprobieren. Das beste Beispiel ist der Confed-Cup 2017, den die DFB-Elf gewann, und auch dieser Abend fand zwar unter nicht ganz einfachen Umständen statt, hinterlässt aber sicher interessante Eindrücke, die noch einmal kostbar werden könnten für die Trainer.

          „Grundsätzlich ärgert es einen immer, wenn man 2:0 führt und dann 2:2 spielt“, sagte er nun nach dem Spiel bei RTL. „Man muss aber ein bisschen Nachsehen haben“ mit seinen vielen jungen Spielern. Diese hätten in der ersten Halbzeit „sehr mutig und beherzt nach vorne gespielt und viele gute Aktionen gehabt“, sagte Löw. „In der zweiten Halbzeit war Argentinien stark. Wir haben ein paar Ballverluste gehabt und sind ins Schwimmen gekommen.“ Eine Führung zu verspielen, sei „leider schon öfter“ passiert, meinte derweil der als Kapitän aufgelaufene Münchner Joshua Kimmich selbstkritisch.

          Anfangs noch überlegen

          Zu Beginn wogte das Spiel noch durchs Mittelfeld, Vorstöße in die Strafräume blieben selten, doch auch in dieser Frühphase war schon zu sehen, dass die Argentinier nicht mit der letzten Hingabe verteidigten, als sie den Ball in der deutschen Hälfte verloren. Die erste Möglichkeit nach genau solch einer Situation hatte Julian Brandt, nach einem hübschen Spielzug über Gnabry und Lukas Klostermann, sein Abschluss war jedoch zu unplaziert. Eine Minute später machte es Gnabry besser, als er sich am Fünfmeterraum nach einer weiteren Klostermann-Vorlage gegen drei Argentinier durchsetzte und den Ball in die lange Torecke bugsierte (16.).

          Bei Juventus Turin auf dem Abstellgleis, beim DFB in der Startformation: Emre Can (rechts)

          Je länger die erste Hälfte dauerte, desto deutlicher wurde die Überlegenheit der Deutschen, und nach 22 Minuten jubelte das mit 45.197 Zuschauern nur mäßig gefüllte Westfalenstadion zum zweiten Mal. Wieder war viel Platz auf dem rechten Flügel, der allgegenwärtige Gnabry passte ins Zentrum, wo Havertz aus acht Metern zum 2:0 traf (22.). Der als kommender Weltstar umjubelte Leverkusener spielte mal wieder gemeinsam mit seinem Kumpel Julian Brandt, der im Sommer von Bayer zum BVB gewechselt war. Beide hatten ihre Freude an dieser Partie, die nach einer halben Stunde beinahe schon entschieden gewesen wäre, nachdem Marcel Halstenberg einen Freistoß aus fast 30 Metern ans Lattenkreuz geschossen hatte.

          Die Argentinier waren in der ersten Hälfte nur einmal gefährlich, als Rodrigo de Paul aus 18 Metern den Pfosten traf (33.), aber insgesamt wirkte die deutsche Defensive vor Torhüter Marc-André ter Stegen stabil. Joachim Löw hatte eine Dreierkette aufgestellt, die wahrscheinlich für immer ein einmaliges Experiment bleiben wird. Im Zentrum verteidigte der Freiburger Debütant Koch, der am Tag vor der Partie nachnominiert worden war, und gleich spielte, weil der ursprünglich für die Startelf vorgesehene Niklas Stark mit Magen-Darm-Problemen im Hotel geblieben war. Flankiert wurde der Sohn des Kaiserslauterer 90er-Jahre Kultspielers Harry Koch von Niklas Süle und Emre Can.

          In der zweiten Halbzeit änderte sich zunächst wenig. Die Deutschen spielten eine Stunde lang gut organisiert und hatten gegen diesen dankbaren Gegner immer wieder viel Raum für schnelle Gegenangriffe. Nach einem dieser Konter über Brandt und Havertz kam Can aus bester Lage zum Schuss, traf aber den Torhüter Augustin Marchesin (55.). Je näher der Schlusspfiff rückte, desto gemütlicher wurde das Tempo, was den Argentiniern das Anschlusstor ermöglichte. Nach einer Flanke aus dem Halbfeld war die Innenverteidigung nicht gut sortiert, so dass der eingewechselte Leverkusener Lucas Alario aus sieben Metern zum 2:1 treffen konnte (66.). Nun war plötzlich der Weltmeister von 1986 überlegen und hätte mit einem Flachschuss von Renzo Saravia beinahe ausgeglichen (77.), bevor Lucas Ocampos nach mehreren halbherzigen Verteidigungsversuchen der Deutschen zum 2:2 traf (85.).

          Länderspiel

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