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Deutschland - England : Vorbildliche Rivalen

Der Ursprung aller Diskussionen: Wembley 1966, Tilkowski sieht dem Schuss von Hurst nach Bild: AP

Wembley 1966 blieb das erste und bis heute einzige Mal, dass Deutschland bei einer Weltmeisterschaft schlechter abschnitt als die Engländer - ein ewiges Duell und seine pikante Geschichte.

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          Heute reisen Politiker wie der deutsche Innenminister 10.000 Kilometer, um ein Spiel Deutschland gegen England zu sehen. Das ist ein Fortschritt gegenüber den Anfängen vor 111 Jahren. Damals versuchten hohe Politiker, die gleiche Partie zu verhindern. Auch da ging es schon um Südafrika. Reichskanzler Fürst von Hohenlohe befürchtete, dass die Engländer bei der Partie in Berlin „insultiert“ würden. Großbritannien stand in Südafrika im „Burenkrieg“ und galt als Rivale Deutschlands im Kampf um die Vormacht in Europa. Das ist heute nicht anders. Wieder geht es in Südafrika auch um die Vormacht in Europa. Allerdings nur um die am Ball.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Insultiert wurden im November 1899 dann nur die deutschen Kicker, die vor tausend Zuschauern 2:13 verloren. Zum Glück zählte es noch nicht als offizielles Länderspiel, der Deutsche Fußball-Bund wurde erst zwei Monate später gegründet. Während die Heimmannschaft den Ball mit der Pieke planlos nach vorn schlug, zeigten die Vertreter des Mutterlandes erste Ansätze von Spielkultur und Ballkontrolle. Stoppen, Passen, Köpfen, Freilaufen, das alles war den Deutschen neu. „Das Anhalten des Balles hat in erster Linie den Zweck, die Sicherheit des Stoßes zu erhöhen“, erklärte „Sport im Bild“ seinen Lesern. „In zweiter Linie soll es dem Nebenmann Zeit geben, sich in günstiger Weise zu plazieren und zur Entgegennahme des Balls vorzubereiten.“

          Seitdem hat der deutsche Fußball sich kontinuierlich gesteigert, anders als der englische. Es dauerte aber knapp siebzig Jahre und 13 Länderspiele, bis Deutschland das Duell zum ersten Mal gewann, 1968 in Hannover durch einen abgefälschten Schuss von Beckenbauer. Das war aus englischer Sicht nur ein Ausrutscher. Doch zwei Jahre später begann ihr Deutschland-Trauma. Das war in der „Hitzeschlacht von León“, dem WM-Viertelfinale in Mexiko 1970, als England 2:0 führte, aber Beckenbauer per Solo, Seeler mit einem legendären Hinterkopf-Tor und Müller in der Verlängerung das Spiel drehten. Es war der Tag, an dem England seinen einzigen Weltmeistertitel verlor.

          Der wichtigste Sieg - und das einzige Finale: 1966 wird England in Wembley Weltmeister und Bobby Moore trägt den Jules-Rimet-Pokal durchs Stadion

          In den vierzig Jahren seither haben sie nichts mehr gewonnen - die Deutschen holten danach zwei WM- und drei EM-Titel. Nur zweimal überstand England ein Viertelfinale, bei der WM 1990 und der EM 1996 - beide Male standen anschließend die Deutschen im Weg. Und das Elfmeterschießen. Erst vor einer Woche schöpften sie Hoffnung. Seit Lukas Podolski vor einer Woche gegen Serbien scheiterte, wird man als Deutscher von Engländern in Südafrika schadenfroh gefragt: „Was ist denn bei euch los?“ Dass ein Deutscher einen Elfmeter verschießt, war für sie so wahrscheinlich wie der Wimbledon-Sieg eines Engländers.

          „Das beste Spiel aller Zeiten“ und Netzer „aus der Tiefe des Raumes“

          Gibt es endlich eine Revanche? Seit 44 Jahren halten sie sich an ihrem einzigen Triumph fest, dem WM-Sieg, der aus deutscher Sicht (und wohl auch aus neutraler) irregulär zustande kam. Lang wurde darüber debattiert, selbst Wissenschaftler untersuchten das „Wembley-Tor“. Irgendwann machte sich die Milde dessen breit, der den Sieg nicht so nötig hatte wie die anderen. Man muss gönnen können. Das fällt leichter, wenn man in sieben WM-Finals stand und drei gewann; und nicht, wie die Engländer, nur dieses eine hatte.

          Wembley 1966 blieb das erste und bis heute einzige Mal, dass Deutschland bei einer WM schlechter abschnitt als die Engländer. Für die Engländer ist der 4:2-Finalsieg bis heute, wie eine Leserwahl des „Telegraph“ zeigte, das „beste Spiel aller Zeiten“. Für die Deutschen ist es das gewiss nicht. Für sie ist das eher ein anderes Spiel im selben Stadion, gegen denselben Gegner - als Netzer „aus der Tiefe des Raumes kam“, so der berühmte Satz von Karl-Heinz Bohrer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und mit dem 3:1 im EM-Viertelfinale 1972 das bis heute spielerisch wohl beste deutsche Team geboren wurde.

          Das Spielchen der Krawallblätter war 1996 endgültig überreizt

          Zwei vorbildliche Fußballnationen: Sie haben viele große Spiele produziert und nie eines, das aus dem Ruder lief, kein Hass-Spiel wie so manches gegen Holland oder Italien. Immer blieb man anständig. Die unfairen Töne kamen nur von den Rängen, wo Hooligans beider Lager in den neunziger Jahren die Begegnungen zu Problemfällen machten, bis sich das durch gute Polizeiarbeit und eine neue Fankultur erledigte.

          Und sie kamen von den englischen Krawallblättern, die ein „Comicstrip-Bild aus dem Zweiten Weltkrieg“ über die Deutschen als „Hunnen“ oder „Krauts“ verbreitet hätten, wie einst der „Observer“ beklagte. 1996 hatte ein Boulevardblatt aus einem Flugzeug Pappbomben auf das deutsche Trainingslager werfen lassen und Deutschland in dicken Lettern „den Fußballkrieg erklärt“. Doch irgendwie war das Spielchen damit endgültig überreizt. Heute finden die meisten Engländer die Weltkriegs-Folklore im Fußball deplaziert.

          Dass Fußball ein friedliches Spiel sein sollte, haben Deutsche und Briten schon zum dafür ungünstigsten Zeitpunkt bewiesen. An Weihnachten 1914, mitten im Ersten Weltkrieg, kam es an der Westfront zu einer Verbrüderung feindlicher Soldaten am Ball. Rekruten des Royal Welsh Fusilier Regiment und einer bayerischen Truppenabteilung trafen sich spontan im Niemandsland zwischen den Schützengräben zum gemeinsamen Fußballspiel. Es war ein kleiner Frieden, dreißig Minuten lang. Und zugleich ein großes Signal: Wer auf ein Tor schießt, schießt nicht auf Menschen.

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