https://www.faz.net/-gtl-8w670

Deutschland besiegt England : Podolski sagt mit einem Knaller „Tschö“

Das 49. Länderspiel-Tor war eines der schönsten von Lukas Podolski. Bild: Reuters

Lange sieht es beim Abschied nach einer stimmungsarmen Party aus. Dann aber lässt der Mann, dem der Abend gewidmet ist, selbst die Korken knallen – mit einem Traumtor gegen England.

          3 Min.

          Dass auf der Südtribüne des Dortmunder Stadions das Lied eines anderen Klubs gesungen wird, ist eigentlich eine ziemlich unerhörte Vorstellung. Am Mittwochabend allerdings durfte aus guten Gründen eine Ausnahme gemacht werden. Es galt schließlich einer überparteilichen Persönlichkeit des deutschen Fußballs, Lukas Podolski und dessen Abschied aus dem Nationalteam mit seinem 130. und letzten Länderspiel. „Erster Fußballclub Köln“ schallte es also kurz vor dem Anpfiff durch das Stadion – und der auf diese spezielle Art Geehrte, der das deutsche Team als Kapitän aufs Feld führte, winkte freundlich zurück.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Dass im deutsch-englischen Fußballverhältnis hingegen nicht mit Freundschaftsdiensten zu rechnen war, stand auf einem anderen Blatt. Die „Three Lions“ von Gareth Southgate waren keineswegs gekommen, um einem verdienten German Spalier zu stehen – im Gegenteil, sie setzten den behäbigen und auch gedanklich ungewöhnlich langsamen Deutschen nach Herzenslust zu. Lange Zeit sah alles nach einer ziemlich stimmungsarmen Party aus – bis der Mann, dem der Abend gewidmet war, selbst die Korken knallen ließ. Mit einem fulminanten Linksschuss in den Winkel, seinem 49. Länderspieltor, sagte Podolski auf seine Art „Tschö“. Es war zugleich der Siegtreffer in der 69. Minute, danach hatten die lange Zeit so forschen Engländer keine Antwort mehr.

          Zur Chronik des Tages gehörte auch, dass die schrecklichen Ereignisse in London, die alles andere und natürlich auch den Fußball überschatteten, in Dortmund außerhalb des offiziellen Rahmens blieben, es gab weder Schweigeminute noch Trauerflor. Das Rampenlicht gehörte dem Fußball, und es gehörte Podolski. Bundestrainer Joachim Löw hatte ihn gerade noch einmal einen „Sonnenschein“ in seinem Team genannt hatte. Reinhard Grindel, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, sprach vor den Hymnen ein paar herzliche Worte und würdigte dabei nicht zuletzt, dass Podolski sich stets auch „weltmeisterlich neben dem Platz“ verhalten habe. Der rief seinen Fans am Ende einer kleinen Botschaft, bei der er sich Mühe gab, niemanden außen vor zu lassen, einen Dreiklang der Dankbarkeit für „13 geile Jahre“ zu: „Danke Dortmund, danke Köln und danke Deutschland!“

          Als der Ball rollte, hatten die Deutschen ihre liebe Müh und Not mit den munter drauflos spielenden Engländern. Nach sechs Minuten räumte Torwart Marc-André ter Stegen, der Manuel Neuer vertrat, gleich mal elfmeterverdächtig Jamie Vardy von den Beinen. Kurz darauf verpassten wiederum Vardy und Michael Keane gute Gelegenheiten. Dabei waren in der deutschen Abwehr durchaus Vertreter von Rang und Namen am Werk: Joshua Kimmich, Antonio Rüdiger, Mats Hummels, Jonas Hector – das war nicht weit von der EM-Formation entfernt, wohl aber von der entsprechenden Form, auch, weil das Mittelfeldzentrum mit Toni Kroos und Julian Weigl es nicht schaffte, die Räume zu verdichten.

          Die Fans hatten eine große Choreographie mit Narrenkappe initiiert. Bilderstrecke
          Die Fans hatten eine große Choreographie mit Narrenkappe initiiert. :

          Vor ziemlich genau einem Jahr hatte die deutsche Mannschaft, damals in Berlin, schon eine kleine englische Lektion erhalten – 2:3 hieß es damals. Danach allerdings waren die „Three Lions“ wieder in Richtung der Comedy-Sparte abgeglitten, mit der speziellen Lachnummer des EM-Ausscheidens gegen Island. Unter Southgate soll nun ein Neuaufbau gelingen, und die Zeichen stehen dafür nicht einmal schlecht.

          Thomas Tuchel etwa hält die Engländer für „aktuell eine der talentiertesten und aufregendsten Nationalmannschaften“. Er könne sich vorstellen, sagte der Dortmunder Trainer, „dass sie bei der nächsten WM und EM in der Lage sind, um den Titel zu spielen“. Gegen den Weltmeister blieben sie vor der Pause die bessere Mannschaft und stürzten mit ihrem Pressing- und Tempofußball Löws Team ein paar Mal in Verlegenheit. Allein an der Chancenverwertung haperte es. Nach einer halben Stunde traf Adam Lallana nach einem Fehler von Kimmich nur den Pfosten, kurz vor der Pause schoss Dele Alli freistehend ter Stegen an.

          Deutsche Angriffe gab es auch, aber die waren mit Stückwerk noch freundlich umschrieben. Leroy Sané mühte sich zwar, hatte aber nicht die richtige Balance in seinen Aktionen, von Julian Brandt war wenig, von Timo Werner, der sein Länderspieldebüt gab, noch weniger zu sehen. Der Leipziger wurde später mit muskulären Problemen ausgewechselt und fehlt dem DFB-Team im WM-Qualifikationsspiel am Sonntag (18.00 Uhr / Live bei RTL und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET). „Er musste raus. Im Moment sieht es nicht so positiv aus. Es sieht so aus, dass er morgen nach Hause gehen muss“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Ein Einsatz in Baku ist laut Löw definitiv ausgeschlossen. Werner war in der 77. Minute für Thomas Müller ausgewechselt worden.

          So war es tatsächlich an Podolski, den Lautstärkepegel auf den Rängen zu heben, doch ein abgeblockter und ein viel zu hoch angesetzter Schuss waren noch nicht der Stoff, aus dem Einträge ins Fußball-Geschichtsbuch gemacht werden. Eine Unsicherheit des englischen Torwarts Joe Hart bescherte den Deutschen kurz nach Wiederbeginn die bis dahin beste Gelegenheit, doch Brandts Direktschuss aus 18 Metern strich knapp am linken Pfosten vorbei. Ein Lupfer von Kroos in den Strafraum hätte sich als schönes Präsent für Podolski erweisen können, doch der verpasste knapp. Es war nun etwas stringenter, was die Deutschen nach vorne angingen. Hinten jedoch war die Bedrohung weiterhin gegenwärtig. Auf einen deutschen Sieg deutete wenig hin – bis Podolski sich selbst ein Abschiedsgeschenk machte; sein Schuss aus etwa 25 Metern war ein wunderbares letztes Tor im DFB-Trikot. Als er in der 86. Minute gegen Rudy ausgewechselt wurde, verließ eine große Figur glücklich den Platz.

          DFB-Team bricht Gegentorrekord von 1966

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat im Spiel gegen England einen 51 Jahre alten Rekord gebrochen. In der 47. Minute des Klassikers schaffte es das Team, 605 Minuten ohne Gegentor zu überstehen. Den letzten Gegentreffer kassierte der Weltmeister im verlorenen EM-Halbfinale beim 0:2 gegen Frankreich im vergangenen Sommer. Bis zu dem Spiel gegen England hatte Deutschland zuletzt sechsmal zu Null gespielt.

          1966 war Deutschland in acht Spielen der bisherige Rekord gelungen. Damals hatte die DFB-Auswahl nach einem 4:2 gegen die Niederlande sechs Spiele hintereinander ohne Gegentor überstanden. Während der WM in England endete die Serie bei einem 2:1-Sieg über Spanien. Der Spanier Fusté brachte damals sein Land in der 24. Minute in Führung. (dpa)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rain Man: Robert Habeck gibt im Wahlkampf alles

          Fraktur : Und ewig währt das Kämpfen

          Das Leben ist ein ewiger Kampf, ob um Olympiagold gekämpft wird oder gegen den inneren Schweinehund. Robert Habeck kämpft sogar im durchnässten Outfit.

          Franka Potente über „Home“ : „Ich möchte Menschen heilen“

          Franka Potente hat einen Spielfilm gedreht, der alle ihre Leidenschaften verbindet: denken, schreiben, planen, spielen. Der Film heißt „Home“. Also haben wir sie in ihrer Wahlheimat Los Angeles besucht – und sie in neuer Mode auftreten lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.