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6:0 gegen Armenien : Deutschland sorgt für Welle der Begeisterung

Hoch soll er leben: Leon Goretzka trägt Torschütze Serge Gnabry. Bild: AFP

Das DFB-Team besiegt Armenien mit prächtigem Angriffsspiel und ist nun Erster der WM-Qualifikationsgruppe. Vielleicht ist der 6:0-Sieg noch mehr: Der Startschuss für den Aufbruch in eine neue Zeit.

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          Im Zeichen der Angriffslust stand der Abend schon, bevor der Ball rollte. Zuerst wurde in der Stuttgarter Arena noch einmal an den verstorbenen Gerd Müller erinnert, ein paar seiner 68 Tore für die Nationalmannschaft flimmerten über die Videoschirme, am Anstoßpunkt lag ein Trikot mit der Nummer 13. Geehrt wurde dann auch noch ein anderer stürmischer Müller, Vorname Thomas, nachträglich für sein 100. Länderspiel (ebenso wie Manuel Neuer). Und auch wenn Müller wegen seiner Adduktorenprobleme nur in Zivil erschien: Der Moment, als er die ihm überreichte 100er-Kappe aufsetzte, wird dem Publikum als ästhetisch bemerkenswerter in Erinnerung bleiben.

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          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Den weitaus größeren Spaß hatten die 18.000 Zuschauer, zum Teil mit Freikarten eingelassen, dann aber am prächtigen Angriffsspiel, das die Nationalmannschaft gegen Armenien inszenierte. Schon nach einer Viertelstunde stand es durch zwei wuchtige Schüsse von Serge Gnabry 2:0 (6. und 15. Minute), bis zur Pause hatten die Deutschen durch Marco Reus (35.) und Timo Werner (44.) erhöht, und in der zweiten Hälfte, in der die Welle der Begeisterung durch die Stuttgarter Arena rollte, legten Jonas Hofmann (52.) und Karim Adeyemi (90.+1) zum finalen 6:0 nach.

          Das Schöne für Hansi Flick und sein Team war: Wenn noch mehr Treffer hinzugekommen wären, hätte sich niemand gewundert – so geschmiert lief das deutsche Spiel bei Flicks Heimpremiere, die zu einem atmosphärischen Erlebnis wurde, wie es die deutsche Elf zuletzt nur äußerst selten initiiert hatte. Sportlich dürfen sich der neue Bundestrainer und die Nationalmannschaft dank des Sieges schon als inoffizieller Halbzeitmeister in dieser WM-Qualifikationsgruppe fühlen. Mit zwölf Punkten aus fünf Spielen liegen sie nun vor Armenien (zehn) und Rumänien (neun). Vielleicht war es noch ein bisschen mehr: Der Startschuss für den Aufbruch in eine neue Zeit.

          Flick ändert auf sechs Positionen

          Flick selbst war am Sonntagabend häufig an der Seitenlinie zu sehen, wie er seinem Team Applaus spendete – gerne dann, wenn nicht federleicht kombiniert, sondern schwer geschuftet wurde, bei Balleroberungen oder Pressingaktionen. Diese Form der lustvollen Arbeit soll eines der Markenzeichen werden, und das Publikum honorierte das hör- und sichtbar. Tempo, Tiefe, Tore – es war ein völlig anderer Auftritt als drei Tage zuvor gegen Liechtenstein.

          Für die Stadionmoderatoren in Stuttgart war Flicks Debüt in Liechtenstein schon eine ziemlich gute Sache gewesen. So gut hatte vermutlich nicht mal Flick selbst das 2:0 in St. Gallen gesehen, wenngleich auch der Bundestrainer sich danach Mühe gab, den ideenlosen Breitwandfußball zu relativieren versuchte, denn viele Tore seien nicht alles. „Wir Trainer sind nicht blind“, sagte er bei der Pressekonferenz am Tag vor dem Spiel in Stuttgart. „Beim Anfang eines Weges, den man gemeinsam geht, sind für Trainer auch andere Dinge wichtig.“ Es brauche Zeit, um die neue Spielidee zu verinnerlichen.

          Gegen Armenien sorgte erst einmal Flick selbst für Bewegung, gleich auf sechs Positionen änderte er seine Startelf, auch wenn sich manches aus den Umständen heraus ergab. Kapitän Neuer war wieder bereit. Robin Gosens (verletzt) und Kai Havertz (krank) hingegen standen nicht zur Verfügung. In der Viererkette blieb nur einer an seinem Platz, Niklas Süle, an seiner Seite rückte Antonio Rüdiger ins Team, Thilo Kehrer rochierte nach links, Jonas Hofmann übernahm die rechte Seite. In der Zentrale bekam Joshua Kimmich seinen Münchner Nebenmann zugeteilt, Leon Goretzka, in der Offensive übernahm Reus die Havertz-Position in der Zentrale, Gnabry begann anstelle von Jamal Musiala.

          Letzteres unterstrich, dass die Wechsel nicht unbedingt unter Leistungsaspekten zu sehen waren, sondern auch der Verteilung der Belastung dienten. Dennoch dürfte die Startelf in Stuttgart Flicks Ideal schon ein gutes Stück näher kommen als jene in St. Gallen. Dem Schwung, den insbesondere Goretzka und Gnabry hineinbrachten, waren die bis dahin ungeschlagenen Armenier um ihren Kapitän Henrich Mchitarjan nicht mal ansatzweise gewachsen.

          Weil Sané diesmal den irrlichternden Part ganz aus seiner Rolle gestrichen hatte, war die deutsche Offensive ein rundum funkelndes Best-of-Bayern. Mit Goretzka als Anbahner mit dem Auge für den (Direkt-) Pass in die Tiefe, mit Gnabry, der Torriecher und kalte Entschlossenheit vereinte, und mit Sané, der überall war. Werner und Reus steuerten wertvollen Input bei, nicht nur wegen ihrer Tore. Dass dann noch ganz andere trafen, Hofmann und der eingewechselte Adeyemi jeweils zum ersten Länderspieltor, ließ sich auch so auf einen Punkt bringen: Das Glück konnte am Sonntagabend jedem vor die Füße fallen – weil alle so hart dafür arbeiteten.

          Entsprechend zufrieden war der Bundestrainer: „Mir hat es gut gefallen. Es war der nächste Schritt, den wir gemacht haben. Wir haben eine
          enorme Qualität, das hat man heute gesehen“, sagte Flick. „Es ist aber wichtig, dass man liefert, wenn es zählt. Das haben wir heute gesehen. Die Mannschaft kann froh sein über ihre Leistung, wir müssen uns jetzt aber auf das nächste Spiel am Mittwoch gegen Island konzentrieren.“

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