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Nationalteam-Kommentar : Das DFB-Geschäft mit den Gefühlen

Bester Dinge: Ilkay Gündogan im neuen DFB-Dress Bild: dpa

Vor dem WM-Qualifikationsspiel in San Marino läuft die Werbemaschine des DFB wieder heiß. Mit neuem Trikot soll das Nationalteam die Liebe ihrer Fans neu entfachen. Originell ist das nicht.

          Ja, schon klar. Es ist wieder einmal Zeit für neue Zahltage beim DFB und seinem Sportartikelausrüster Adidas. Das Weihnachtsgeschäft läuft schließlich an – und da darf das neue Trikot der selbsterklärten ersten Mannschaft im Staate natürlich nicht fehlen in den Auslagen der Geschäfte. An diesem Freitag beginnt die Vermarktung, Millionen Menschen werden einschalten und sehen, wie das Nationalteam gegen San Marino (20.45 Uhr / live bei RTL und im Länderspielticker auf FAZ.NET) erstmals in ihrem neuen Leibchen aufläuft.

          Die Grundfarbe ist Weiß (Überraschung!), nur der V-Ausschnitt ist in Schwarz-Rot-Gold gehalten (wie passend!), außerdem sind spitz nach unten zulaufende Pfeilapplikationen zu erkennen (ach, toll, originell!), die an das Jersey erinnern sollen, das 1990 beim WM-Erfolg in Italien getragen wurde. So in etwa wird es im Marketingsprech des DFB beschrieben, im Wirklichkeit ist dieses Trikot natürlich ein stinknormales Trikot – bei einem Verkaufspreis von 89,95 Euro ohne Beflockung ist es eben nur viel teurer.

          Rund 1,5 Millionen verkaufte Exemplare

          Rund 1,5 Millionen Exemplare der EM-2016-Kollektion wurden in diesem Jahr verkauft. Bleiben rund achtzig Millionen Bundesbürger, die so ein Trikot ganz offensichtlich nicht benötigen. Auch so läuft das Geschäft: Mehr als fünf Euro bekommt der DFB für jedes verkaufte Trikot an Lizenzgebühren, Adidas verdient sogar etwa das Dreifache damit. Möglich ist das auch deshalb, weil die Trikots zuletzt in einer Fabrik in der chinesischen Provinz Heyuan produziert wurden und nun nach Informationen von Adidas in Kambodscha gefertigt werden. Dabei war bei der Vertragsverlängerung zwischen dem DFB und Adidas - einem Deal, der dem Verband jährlich rund fünfzig Millionen Euro einbringen soll - die Rede davon, dass die Jerseys des Nationalteams künftig in Deutschland gefertigt werden sollen.

          Aber das soll nicht mehr als das Hintergrundrauschen sein, der DFB will andere Emotionen mit seinem Trikot wecken. Aber was für welche! Reingeklickt auf der Homepage des Verbandes, wo der „Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ (heißt wirklich so!) einige Argumente gesammelt hat, die bei der Kaufentscheidung helfen sollen. „Injektion“, steht da, und weil man sich darunter wenig vorstellen kann, heißt es weiter: „Du trägst das Nationalmannschafts-Trikot auf der Haut, weil Dir schwarz-rot-gold unter die Haut geht.“

          Toll ist auch: „Emotion: Das Länderspiel muss noch gar nicht angepfiffen sein, um die Leidenschaft der Fans zu entfachen. Häufig reicht es, einfach ins Nationalmannschaftstrikot zu schlüpfen - und automatisch wächst die Stimmung.“ Oder: „Projektion: Du hast immer davon geträumt, das Trikot der Nationalmannschaft tragen zu dürfen. Auf sportlichen Weg hat es nicht geklappt, aber man muss ja kein Profi werden, um ans Trikot zu kommen. Denn Du weißt ja schließlich, wie man im DFB-Fanshop bestellt.“ Originell ist das nicht. Aber die Wahrheit: Es geht nicht um Gefühle, es geht ums Geld.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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