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Deutsche Sturm-Misere : 200 Minuten, acht Beine, null Tore

Schmerzhafte Sturmschwäche: Kevin Kuranyi Bild: dpa/dpaweb

Bobic, Brdaric, Klose spielten beklagenswert. Podolski mußte draußen bleiben. Allein Kuranyi genügte den Ansprüchen, blieb aber ohne Tor. „Das Problem von Deutschland liegt im Sturm", sagt DFB-Präsident Mayer-Vorfelder.

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          Es läuft die letzte Minute der Nachspielzeit, und endlich kommt mal wieder eine Flanke so, wie sie sein soll, vor das lettische Tor. Der Ball hat genau das richtige Tempo, um den Torwart hinter sich zu lassen und einen Stürmer zu finden, der fünf, sechs Meter frei vor dem Tor steht.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es ist eine Flanke, aus der Miroslav Klose vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft einen Treffer gemacht hätte, selbst wenn er sich die Schuhe verkehrt herum angezogen und die Augen vor dem Kopfball geschlossen hätte. So sicher war er damals im Abschluß. Er war einer der besten Kopfballspieler der Welt, der sich nach seinen wichtigen Treffern vor Freude überschlug. Aber es ist die vierte Minute der Nachspielzeit bei der Europameisterschaft gegen Lettland, und Klose ist nicht mehr der Stürmer, der er in Japan war. Klose fliegt dem Ball mit dem Kopf entgegen, und in diesem Moment kann doch noch alles gut werden für das deutsche Team - aber der Ball fliegt meterweit am Tor vorbei.

          Ein Mißtrauensbeweis gegen jeden Angreifer

          Klose bleibt langgestreckt auf dem Rasen liegen, auch mit dem Salto ist es nichts mehr. Er hätte alles wenden können, die deutschen Aussichten auf das Viertelfinale wären gut gewesen, und auch seine Krise, die deutsche Stürmerkrise, sie wäre nicht das große Thema gewesen. "Das sind normalerweise seine Tore", sagt Rudi Völler ratlos.

          Zu langsam: Lettlands Keeper vor Kuranyi am Ball

          0:0 gegen Lettland. Das ist ein Mißtrauensbeweis gegen jeden Angreifer: gegen Kevin Kuranyi, 80 Minuten vergeblich dabei; gegen Fredi Bobic, 67 Minuten vergeblich dabei; gegen Miroslav Klose, 23 Minuten vergeblich dabei; gegen Thomas Brdaric, 13 Minuten vergeblich dabei. Knapp 200 Stürmerminuten, auf acht Beine und vier Köpfe verteilt - aber kein Tor gegen Lettland. Auch beim 1:1 gegen Holland entsprang der einzige Treffer einem Freistoß von Mittelfeldspieler Frings. "Das ist so ein bißchen das Manko", sagt der Teamchef zurückhaltend.

          Kuranyi ist nicht das Problem

          Deutlicher wird da schon DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: "Du mußt auch ein Handwerkszeug haben, mit dem du eine solche Mannschaft wie Lettland aushebeln kannst. Das Problem von Deutschland liegt im Sturm."

          Kuranyi jedoch ist nicht das Problem. Der Stuttgarter, imponierend als unerschrockene alleinige Spitze gegen Holland, rackerte auch gegen die Letten, holte sich die Bälle durch frühe Attacken, war immer wieder anspielbereit und kam auch zu eigenen Gelegenheiten. "Der Gegner stand sehr gut hinten drin und hat es uns schwergemacht. Trotzdem hatten wir einige Möglichkeiten, aber auch ich habe meine Chancen nicht genutzt", sagte Kuranyi, der wußte, daß die eklatanteren Schwächen seiner Kollegen auch auf ihn abfärben würden.

          Warum Brdaric und nicht Podolski?

          "Für uns Stürmer war es heute ein Schweinespiel", sagt Fredi Bobic, der als zweiter Angreifer seine Chance von Beginn an erhielt, aber eine genauso beklagenswerte Vorstellung bot wie Klose, der ihn ablöste. "Es war ein Spiel, wo wir nicht die Mittel gefunden haben, Qualität in den Strafraum zu bringen", sagte der Berliner entschuldigend. Schön kompliziert gesagt, aber ganz einfach nur die halbe Wahrheit. Es mangelte zwar an guten Flanken und vielversprechenden Standardsituationen - aber es gab sie, und die Stürmer wußten mit diesen wenigen Gelegenheiten überhaupt nichts anzufangen.

          Der Teamchef indes mußte sich fragen lassen, warum er kurz vor Schluß mit Brdaric gegen das lettische Bollwerk einen Konterstürmer einwechselte und nicht einen Strafraumstürmer wie den jungen Kölner Lukas Podolski. Doch bei diesem Teilaspekt des Sturmproblems wollte sich der Teamchef vor dem entscheidenden Spiel gegen die Tschechen nicht weiter aufhalten. "Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit wir die Spieler, die Tore erzielen können, besser in Position bringen", sagte Völler. Mit Spielern, die Tore erzielen können, meinte er jedoch schon nicht mehr einen seiner Stürmer - sondern Mittelfeldspieler Michael Ballack.

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