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Deutsche Nationalmannschaft : Viel Talent, aber wenig Klasse

Wer bringt Struktur rein? Die Nationalmannschaft mit Kai Havertz, Serge Gnabry und Joshua Kimmich ist auf der Suche nach der eigenen Identität. Bild: dpa

Wofür steht die Fußball-Nationalmannschaft? Wer will sie sein? Offene Fragen. Nur eines steht fest: Dieses Team macht keinen Spaß – und auch keinem Angst.

          4 Min.

          Tief in der eigenen Hälfte landete nach sieben Minuten der Ball bei dem deutschen Spieler, von dem Kenner schwören, er könnte selbst mit verbundenen Augen den Ball exakt in den Fuß seines Mitspielers passen. Aber Toni Kroos, der vielleicht coolste und präziseste Mittelfeldspieler, den es je in Deutschland gegeben hat, war im Windsor Park von Belfast plötzlich überfordert, als er sich zwei Spielern gegenüber sah, die sich wild auf ihn stürzten, als würden sie sich wie sonst in der schottischen Liga oder in der zweiten englischen Klasse rumtreiben und keinen leibhaftigen Weltmeister und viermaligen Triumphator in der Champions League vor sich haben.

          Fußball-Länderspiele
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          So leidenschaftlich und entschlossen, wie sie dies in diesem Moment taten, ohne einen Hauch von Ehrfurcht, trieben sie Kroos tatsächlich in die Ecke und unterbanden sein metronomengleiches Aufbauwerk. Sie erzwangen einen Fehlpass des selten Fehlbaren, und ein Spieler mit dem klangvollen Namen Conor Washington von Heart of Midlothian stand nun urplötzlich allein vor Manuel Neuer, dem nächsten deutschen Fußballriesen. Doch der machte mit einer prächtigen Reaktion gerade noch die große Chance zum 1:0 für Nordirland zunichte.

          In diesem Moment war plötzlich die Weltmeisterschaft in Russland im deutschen Fußball wieder gegenwärtig. Das Auftaktspiel gegen Mexiko, als Kroos einen harten Zweikampf gleich zu Beginn noch als Majestätsbeleidigung aufgefasst hatte und der deutsche Niedergang seinen Anfang nahm.

          Die Qualitätsfrage

          Diesmal, in Belfast, ist es gerade noch gutgegangen. Das war nicht nur der Eindruck, den die Kroos-Szene hinterließ, sondern der sich rundweg durch dieses Spiel und eine Woche zog, in der sich die ersten deutschen Fortschritte erst gegen die Niederlande (2:4) und nun auch beim 2:0 in Nordirland wieder in Luft aufzulösen schienen. Auch mit jungen und hochtalentierten Leuten machte diese Mannschaft im Herbst 2019 keinen Spaß – und keinem Gegner Angst. Der gute Gegner war für die Deutschen viel zu gut. Und besser als der Schlechtere waren die Deutschen auch kaum.

          Beim nordirischen Trainer O’Neill, der dem DFB-Team bei der EM 2016 mit 0:1 und im Jahr darauf mit 1:3 vom Ergebnis zwar knapp, vom Spielverlauf aber klar unterlegen war, hörte sich das am Montagabend so an: „Diesmal war die Chance da. Es war wirklich knapp.“ Und der Bundestrainer stellte nach Toren von Marcel Halstenberg unmittelbar nach der Pause (48. Minute) und von Serge Gnabry unmittelbar vor dem Abpfiff (90.+2) fest: „Es war ein bisschen viel durcheinander. Wir sind in einer Phase des Lernens. Da müssen die Spieler noch ein bisschen zulegen.“

          Rätselraten um Löw: Hat er den richtigen Plan?

          Die eigentliche Frage, die an diesem Doppelspieltag aber von Minute zu Minute größer wurde, war nicht die nach der individuellen Leistungsfähigkeit der deutschen Spieler. Sondern weshalb diese Ansammlung von Talent zusammen immer noch viel weniger Kraft und Glanz auf den Platz bringt, als in ihren Einzelteilen steckt. Das gehe halt nicht so schnell, wie manche dächten, entgegnete Löw der sich nach dem 2:4 gegen die Niederlande lauter werdenden Kritik an seinem stockenden Aufbauwerk anhören musste. Man müsse sich in der verbleibenden Zeit bis zur EM vor allem einspielen und Automatismen einüben. „Kontinuität“, so der Bundestrainer, sei entscheidend. Außerdem hätten sie die Verletzung von einigen Spielern zu verkraften gehabt. Das sei für eine junge Mannschaft nicht einfach. Aber auch wenn Sané, Goretzka oder Gündogan wieder zurückkommen – in welcher Verfassung seine Mannschaft zum EM-Start im Sommer 2020 sein werde, das könne er jetzt auch nicht sagen.

          Wann setzt Löw auf Havertz?

          Vor den letzten drei EM-Qualifikationsspielen gegen Estland, Weißrussland und Nordirland in den kommenden zwei Monaten, die dem Einzug zur Endrunde der EM 2020 formal noch im Weg stehen, lässt sich nicht recht erkennen, wofür diese Mannschaft steht – was sie sein soll, sein will. Das ging auch O’Neill so, wenn er sich Potential und Wirklichkeit des nur scheinbar übermächtigen Gegners im Mittelfeld ansah: „Wir hatten Sorgen wegen Havertz. Wir dachten, er würde beginnen.“ Aber Löw brachte den 20 Jahre alten Leverkusener Ausnahmespieler erst in der 67. Minute, da hatte er noch ein paar gute Szenen und bereitete das 2:0 vor. „Er hat stark gespielt und wird ein Riesenspieler für Deutschland“, schwärmte O’Neill.

          Auch Löw hatte nur Lob parat, aber keinen Platz. „Kai Havertz hat wahnsinnige Qualität, aber Serge Gnabry oder andere haben auch ein bisschen gebraucht, bis sie in der Mannschaft waren.“ Außerdem brauche er auch eine starke Bank. Und was sagt Havertz dazu? „Das entscheidet der Trainer. Ich kann mich ja nicht selbst aufstellen.“ Nach den beiden Spielen drängt sich der Eindruck auf, dass auch fünfzehn Monate nach dem kläglichen WM-Aus mit der grundsätzlichen Ausrichtung von Taktik und Personal etwas nicht stimmen könnte. An den offensiven Qualitäten und der neuen Grundschnelligkeit dank Gnabry, Werner, Reus und des verletzten und vermissten Sané gibt es keine Zweifel. Im Mittelfeld stimmt jedoch etwas nicht, im Herzen des Spiels, dort, wo sich die Spiele entscheiden.

          Das betrifft auch das defensive Mittelfeldduo Kimmich und Kroos, das in beiden Partien keinen guten Eindruck hinterließ. Ein Defizit fällt vor allem auf, wenn der Druck steigt: Beiden Spielern fehlt es an Tempo und Körperlichkeit. Eins-gegen-eins-Situationen können beide im Aufbau selten durch einen Sprint oder ein Dribbling ab durch die Mitte lösen – und die Situation, den Aufbau allein durch Passspiel in den Griff zu bekommen, wird für sie auch dadurch erschwert, weil in der Dreier- oder Viererkette dahinter niemand die Aufbauqualität besitzt, wie sie Hummels und Boateng über Jahre hinweg einbringen konnten.

          Auch dies ein Grund, weshalb sich das Mittelfeld gegen die Niederlande über neunzig Minuten und gegen Nordirland mindestens für 45 Minuten überfordert zeigte, die Kontrolle zu übernehmen. Angesichts des großen Angebots an starken Mittelfeldspielern und einem ebensolchen Mangel in der Abwehr kommt die Frage auf, ob Kimmich in der Nationalelf tatsächlich den richtigen Platz gefunden hat. Oder ob ein Schritt zurück, auf die defensive Außenposition, von der Kimmich kommt, nicht ein Fortschritt für die Mannschaft wäre. Der Bundestrainer hat das in Belfast ausgeschlossen – und Kroos ist für ihn ohnehin gesetzt. Eine solche Situation ist Löw und der Nationalelf übrigens nicht unbekannt: Sie war bei der WM 2014 für den Titelgewinn entscheidend. Damals war das die Lahm-Frage.

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