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Deutsche Nationalmannschaft : Viel Talent, aber wenig Klasse

Wann setzt Löw auf Havertz?

Vor den letzten drei EM-Qualifikationsspielen gegen Estland, Weißrussland und Nordirland in den kommenden zwei Monaten, die dem Einzug zur Endrunde der EM 2020 formal noch im Weg stehen, lässt sich nicht recht erkennen, wofür diese Mannschaft steht – was sie sein soll, sein will. Das ging auch O’Neill so, wenn er sich Potential und Wirklichkeit des nur scheinbar übermächtigen Gegners im Mittelfeld ansah: „Wir hatten Sorgen wegen Havertz. Wir dachten, er würde beginnen.“ Aber Löw brachte den 20 Jahre alten Leverkusener Ausnahmespieler erst in der 67. Minute, da hatte er noch ein paar gute Szenen und bereitete das 2:0 vor. „Er hat stark gespielt und wird ein Riesenspieler für Deutschland“, schwärmte O’Neill.

Auch Löw hatte nur Lob parat, aber keinen Platz. „Kai Havertz hat wahnsinnige Qualität, aber Serge Gnabry oder andere haben auch ein bisschen gebraucht, bis sie in der Mannschaft waren.“ Außerdem brauche er auch eine starke Bank. Und was sagt Havertz dazu? „Das entscheidet der Trainer. Ich kann mich ja nicht selbst aufstellen.“ Nach den beiden Spielen drängt sich der Eindruck auf, dass auch fünfzehn Monate nach dem kläglichen WM-Aus mit der grundsätzlichen Ausrichtung von Taktik und Personal etwas nicht stimmen könnte. An den offensiven Qualitäten und der neuen Grundschnelligkeit dank Gnabry, Werner, Reus und des verletzten und vermissten Sané gibt es keine Zweifel. Im Mittelfeld stimmt jedoch etwas nicht, im Herzen des Spiels, dort, wo sich die Spiele entscheiden.

Das betrifft auch das defensive Mittelfeldduo Kimmich und Kroos, das in beiden Partien keinen guten Eindruck hinterließ. Ein Defizit fällt vor allem auf, wenn der Druck steigt: Beiden Spielern fehlt es an Tempo und Körperlichkeit. Eins-gegen-eins-Situationen können beide im Aufbau selten durch einen Sprint oder ein Dribbling ab durch die Mitte lösen – und die Situation, den Aufbau allein durch Passspiel in den Griff zu bekommen, wird für sie auch dadurch erschwert, weil in der Dreier- oder Viererkette dahinter niemand die Aufbauqualität besitzt, wie sie Hummels und Boateng über Jahre hinweg einbringen konnten.

Auch dies ein Grund, weshalb sich das Mittelfeld gegen die Niederlande über neunzig Minuten und gegen Nordirland mindestens für 45 Minuten überfordert zeigte, die Kontrolle zu übernehmen. Angesichts des großen Angebots an starken Mittelfeldspielern und einem ebensolchen Mangel in der Abwehr kommt die Frage auf, ob Kimmich in der Nationalelf tatsächlich den richtigen Platz gefunden hat. Oder ob ein Schritt zurück, auf die defensive Außenposition, von der Kimmich kommt, nicht ein Fortschritt für die Mannschaft wäre. Der Bundestrainer hat das in Belfast ausgeschlossen – und Kroos ist für ihn ohnehin gesetzt. Eine solche Situation ist Löw und der Nationalelf übrigens nicht unbekannt: Sie war bei der WM 2014 für den Titelgewinn entscheidend. Damals war das die Lahm-Frage.

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